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Es brüllt der Bär ganz zaghaft an der Börse
Die Bären haben sich zurückgemeldet – die Anleger sind verunsichert, die Börsen bewegen sich seitwärts. Die bevorstehende Berichtssaison wird zeigen, wie stark die Unternehmen tatsächlich unter der Coronakrise gelitten haben.
Beim Blick auf die Aktienkurse hat sich manch ein Anleger in den vergangenen Wochen mehr als einmal ungläubig die Augen gerieben. Nach den Tiefständen Mitte März kannten die Märkte nur noch eine Richtung: nach oben. Die Experten warnten zwar gebetsmühlenartig vor der wohl schlimmsten Rezession seit den 1930er Jahren, dennoch legte der globale Aktienindex MSCI World bis Anfang Juni über 34 Prozent zu. Und selbst dem Schweizer Leitindex (SMI) gelang es, trotz seines defensiven Charakters, ein Plus von 24 Prozent zu verbuchen.
Grosse Diskrepanz zwischen Realwirtschaft und Aktienmärkten
Während an der Börse der «Bulle steppte», zeichnete sich in den Fundamentaldaten langsam das volle Ausmass der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise ab: Die Arbeitslosigkeit hat in fast allen Ländern Rekordniveaus erreicht. Konsum und Produktion liegen am Boden. Wir erwarten für 2020 in der Schweiz einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 5,0 Prozent. In der Eurozone dürfte die Wirtschaft mit einem Minus von 8,0 Prozent noch deutlicher schrumpfen. Hauptverantwortlich für diese Divergenz zwischen Realwirtschaft und Börse sind die Notenbanken. Mit ihren gewaltigen Anleihekaufprogrammen haben sie bei den Anlegern starke Hoffnungen auf eine rasche, V-förmige Erholung der Weltwirtschaft geschürt. Dass dies nicht auf ewig gut gehen konnte, war zu erwarten. In einem derartig fragilen Marktumfeld brauchte es nur einen winzig kleinen Funken, um diesen übertriebenen Optimismus auszulöschen. Und eben diesen Funken entfachte am 10. Juni die US-Notenbank (Fed). Dass die amerikanischen Währungshüter ihren Leitzins unverändert zwischen 0 Prozent und 0,25 Prozent belassen haben, kam dabei für die Marktteilnehmer nicht wirklich überraschend. Wie ein K.O-Schlag wirkte hingegen die Aussage von Fed-Chef Jerome Powell, dass der US-Wirtschaft bis zu ihrer vollständigen Erholung noch ein langer, steiniger Weg bevorstünde. Die zuletzt in einigen wirtschaftlich wichtigen US-Bundesstaaten wieder wachsende Zahl an COVID-19-Erkrankungen wirkte dabei als Brandbeschleuniger. Und so kam es, dass sich nach einer gefühlten Ewigkeit die Bären zurückmeldeten. In Folge dessen gaben die Aktienkurse innerhalb von zwei Handelstagen zwischen 3 Prozent und 8 Prozent nach. Der Volatilitätsindex VIX ist um über 13 Zähler auf 41 Punkte gestiegen – dem höchsten Stand seit Ende April. Doch vorerst beliessen es die Bären bei einem zaghaften Brüllen. Und so war die Kurskorrektur nur von kurzer Dauer. Die Verunsicherung unter den Anlegern ist jedoch geblieben. Entsprechend richtungslos präsentieren sich die Börsen seit Mitte Juni.
Berichtssaison wird Licht ins Dunkel bringen
Volkswirtschaftliche Kennzahlen bilden eine Seite der Medaille ab. Sie beurteilen die gesamtwirtschaftliche Lage, können aber nur bedingt Aufschluss über den unternehmerischen Geschäftsverlauf geben. Deshalb werden mit Spannung die Halbjahresabschlüsse der Unternehmen erwartet. Geprägt von dem Shutdown im Frühjahr werden sie zeigen, wie gross die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie tatsächlich sind. Mit Blick auf den Einbruch bei Konsum und Produktion ist jedoch von zu viel Optimismus abzuraten. Denn eines steht ganz sicher fest: Der Geschäftsgang vieler Unternehmen hat massiv unter der Krise gelitten. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass infolge der Berichtssaison die Bären dauerhaft die Oberhand an der Börse gewinnen werden. Dies vor allem weil die Gewinnschätzungen bereits im Vorfeld deutlich nach unten revidiert worden sind. Die hohe Volatilität wird uns aber erhalten bleiben.
Angesichts dieses anspruchsvollen Umfeldes empfehlen wir Anlegern, heute mehr noch wie sonst, sich dreier Grundregeln zu beherzigen. Erstens, kenne die eigene Risikofähigkeit. Zweitens, diversifiziere das Portfolio möglichst breit. Drittens, verfolge die gewählte Anlagestrategie stets langfristig. Zu guter Letzt sollte trotz dieser schweren Zeiten aber nicht vergessen werden: Keine Krise dauert ewig.
Marcel Crameri
Leiter Anlageberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen