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17.08.2023

Gefährliche Gier

Finanz Ecke August

In ihrem Kampf gegen die Inflation halten die Notenbanken an ihrem restriktiven Kurs fest. Infolgedessen kühlt sich die Wirtschaft weiter ab. Das schlägt zunehmend auf den Geschäftslauf der Unternehmen durch. Die Stimmung an den Börsen ist dennoch so gut wie lange nicht.

Der Schweizer Aktienmarkt hat im Juli an Schwung verloren. Der Swiss Market Index (SMI) verbuchte auf Monatssicht ein Plus von 0.26 Prozent. Ausgebremst wurde der Leitindex insbesondere von den Valoren des Pharmazulieferers Lonza und des Luxusgüterherstellers Richemont. Diese rutschten infolge enttäuschender Geschäftszahlen um 5.0 Prozent respektive 7.5 Prozent ab. Deutlich stärker als der SMI legten der EURO STOXX 50 Index (+1.6%) und der amerikanische S&P 500 Index (+3.1%) zu. Letzterer profitierte von der Aussicht auf ein Ende der Zinserhöhungen sowie den bislang soliden Quartalszahlen in den USA.  

Das wahrscheinliche Ende des Zinserhöhungszyklus in den USA machte sich auch auf der Währungsseite bemerkbar. So hat der US-Dollar insbesondere gegenüber dem Schweizer Franken deutlich an Wert verloren. Zeitweise fiel die Valuta auf den tiefsten Stand seit Januar 2015, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Eurountergrenze aufhob. Von der Dollarschwäche profitierte das Gold. Im Monatsverlauf verteuerte sich das Edelmetall um 2.4 Prozent. 

Geldpolitik bleibt restriktiv
Etwas Entspannung gab es auf der Inflationsseite. In der Eurozone sank die Teuerungsrate für Konsumgüter und Dienstleistungen im Juli von 5.5 Prozent auf 5.3 Prozent. Auch in den USA und der Schweiz hielt der rückläufige Inflationstrend an. Für eine Entwarnung ist es aber zu früh. Zum einen erweisen sich die Kernraten als zäh. Zum anderen steht beispielsweise hierzulande mit den Mietzinserhöhungen aufgrund der Anpassung des Referenzzinssatzes im Herbst ein neuer Inflationstreiber ins Haus. Die Notenbanken halten deshalb wohl noch länger an ihrem restriktiven geldpolitischen Kurs fest. Die Europäische Zentralbank (EZB) wie auch die US-Notenbank Fed haben die Zinsen zuletzt abermals angehoben (je +0.25%). Damit sollten diese den Höhepunkt ihres jeweiligen Straffungszyklus erreicht haben. Die SNB dagegen dürfte im September noch einen letzten Zinsschritt vollziehen, bevor auch sie dann die Zinsen länger unangetastet lassen wird. Für Obligationenkäufer sind das gute Nachrichten. Erstens bieten Anleihen derzeit eine relativ hohe laufende Rendite. Zweitens dürften die kurzfristigen Kapitalmarktzinsen ab Sommer 2024 wieder sinken und somit die Anleihekurse steigen. Und drittens eignet sich die Anlageklasse angesichts wachsender Risiken im Aktiensegment als guter Portfoliodiversifikator. 

Licht und Schatten
Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) signalisieren seit längerem eine Abkühlung der Konjunktur. So lag jener für die Schweizer Industrie im Juli mit 38.5 Punkten nicht nur den siebten Monat in Folge im Kontraktionsbereich, sondern auch auf dem tiefsten Stand seit der Finanzkrise. Unternehmensseitig hielten sich die Bremsspuren bisher in Grenzen. Viele Firmen profitieren noch immer von den Corona-Ersparnissen der Verbraucher sowie den wegen der damaligen Lieferengpässe hohen Auftragsbeständen. Beide Effekte schwächen sich aber ab. Das bekommen vor allem Unternehmen aus den zyklischen Branchen Bau, Chemie und Industrie zu spüren. So haben beispielsweise Bossard, Dätwyler, Ems-Chemie, Georg Fischer, SGS und Zehnder mit ihren Zahlenkränzen enttäuscht. Erste Firmen künden Sparmassnahmen und einen Stellenabbau an. Mit dem Goldhasenproduzenten Lindt & Sprüngli, dem Pharmariesen Novartis oder dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé gibt es aber auch Lichtblicke. Bei letzterem erwiesen sich dessen starke Marktposition und die damit verbundene Preissetzungsmacht als Trumpf.

Volatilität voraus
Trotz erhöhter Rezessionsrisiken ist die Stimmung an den Börsen so gut wie lange nicht mehr. Der «Bull-Bear-Spread», bei welchem der Anteil der negativ eingestellten Marktteilnehmer (Bären) von demjenigen der positiv gestimmten Anleger (Bullen) abgezogen wird, hat im Juli ein Mehrjahreshoch erreicht. Die Volatilität bewegt sich auf sehr tiefem Niveau. Dieser Mix aus Euphorie und Gier ist gefährlich. Die Gewinnschätzungen der Analysten sind unserer Meinung nach immer noch zu hoch. Das birgt mit Blick auf die weitere Gewinnentwicklung Enttäuschungspotenzial. Wir gehen davon aus, dass die Volatilität an den Aktienmärkten in den nächsten Wochen anziehen wird. Anlegern raten wir daher zu einer defensiven Positionierung mit einem Fokus auf Qualität. 

Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen