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07.12.2022

Hoffnung versetzt keine Berge, aber Kurse

Finanz Ecke Dez

Die Börsianer hoffen auf ein baldiges Ende des geldpolitischen Gegenwinds. Angesichts der hartnäckigen Inflation ist das jedoch unwahrscheinlich. Die Risiken einer Rezession nehmen weiter zu. 

Die Aktienmärkte sind im November weiter geklettert. Der Swiss Market Index (SMI) verbuchte ein Plus von 2,8 Prozent. Zu den Gewinnern zählte dank starker Halbjahreszahlen der Luxusgüterkonzern Richemont. Ebenfalls positiv fielen der Rückversicherer Swiss Re und der PC-Peripherie-Hersteller Logitech auf. Der US-amerikanische Dow Jones Index stieg trotz schwächelnder Technologiewerte um 5,7 Prozent. Für den Euro STOXX 50 ging es dank seines zyklischen Charakters um fast 10 Prozent nach oben. 

Infolge des grösseren Risikoappetits der Anleger stand derweil der US-Dollar gegenüber den meisten Währungen unter Abgabedruck. Zum Schweizer Franken fiel der «Greenback» zeitweise bis auf 0,9357, den tiefsten Stand seit April. Per Ende November resultierte auf Monatssicht ein Minus von rund 5,5 Prozent. Dem in Dollar gehandelten Gold verlieh dessen Schwäche Auftrieb. Das gelbe Edelmetall verteuerte sich im Monatsverlauf um gut 8 Prozent. 

Geldpolitischer Gegenwind hält an
Auftrieb bescherte den Börsen in erster Linie die Hoffnung der Marktteilnehmer auf ein baldiges Ende des geldpolitischen Gegenwinds. Wurzel dieses Wunschdenkens waren zum einen die jüngsten Inflationsdaten. In den USA fiel die Teuerungsrate im Oktober von 8,2 Prozent auf 7,7 Prozent. Sie lag damit unter den Prognosen der Ökonomen (7,9 Prozent). Auch in der Eurozone liess der Inflationsdruck etwas nach: Die Konsumentenpreise verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr um 10,0 Prozent (Oktober: +10,6 Prozent). In der Schweiz stagnierte die Inflation bei 3,0 Prozent. Zum anderen erwägt die US-Notenbank Fed gemäss den Protokollen zur letzten FOMC-Sitzung und den jüngsten Aussagen des Fed-Chefs Jerome Powell, das Zinserhöhungstempo künftig etwas zu drosseln. 

Unserer Meinung nach ist diese Hoffnung der Börsianer aber übertrieben. Selbst wenn die Inflation in den USA und Europa möglicherweise ihren Höhenpunkt erreicht hat, wird sie wohl noch längere Zeit über der Notenbank-Zielgrösse von 2 Prozent liegen. Insbesondere da sich die Teuerung im Zuge von Zweit-Runden-Effekten tiefer in die Volkswirtschaft frisst. Die globale Geldpolitik wird somit bis auf Weiteres restriktiv bleiben. Wir rechnen bei der US-Notenbank Fed, der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit einem Zinsschritt von je 50 Basispunkten im Dezember.

Trübe Konjunkturaussichten
Die hartnäckige Inflation und die restriktive Geldpolitik bremsen die Konjunktur zunehmend aus. Dies zeigt neben dem schwächer tendierenden Ölpreis – mit 80 US-Dollar pro Fass war das schwarze Gold im November zeitweise so billig wie letztmals im Januar – auch die abgelaufene Gewinnsaison. Die Geschäftszahlen bewegten sich mehrheitlich im Rahmen der Erwartungen. Der Druck auf die Margen war jedoch deutlich erkennbar. Zudem fiel der Blick nach vorne vielerorts verhalten aus, erste Unternehmen wie das Chemieunternehmen Ems gaben gar Gewinnwarnungen heraus. Ungemach droht der Weltwirtschaft weiterhin aus China. Aufgrund stark steigender Corona-Fallzahlen befinden sich im Reich der Mitte verschiedene Städte erneut in harten Lockdowns. Trotz des wachsenden Widerstands in der Bevölkerung dürfte die Regierung aber nicht von ihrer Null-Covid-Strategie ablassen. Die Probleme in den Produktionsketten bleiben somit akut. 

Die konjunkturellen Vorlaufindikatoren bewegen sich entsprechend weiterhin mehrheitlich im kontraktiven Bereich. Die Konsumentenstimmung ist angeschlagen. In den USA hat die Inversion der Zinskurve, die gemeinhin als zuverlässiges Frühwarnsystem für eine Rezession gilt, fast Rekordniveau erreicht. 

Jahresendrally – ja oder nein?
Saisonal gehört der Dezember zu den stärksten Börsenmonaten. Der SMI hat seit seiner Einführung im Jahr 1989 im letzten Monat des Jahres 26-mal eine positive und nur 8-mal eine negative Rendite verbucht. Ob sich dieses Muster heuer wiederholt, ist allerdings fraglich. Zum einen ging in der Vergangenheit einem starken Dezember zumeist ein positives Gesamtjahr voraus. Zum anderen spricht aus fundamentaler Sicht wenig für eine Jahresendrally, zumal die Aktienmärkte in den letzten Wochen bereits einiges vorweggenommen haben. Entsprechend dürfte sich die jüngste Erholung wohl als weitere Bärenmarktrally entpuppen. Wir rücken daher nicht von unserer defensiven Positionierung ab. Bei den risikobehafteten Anlageklassen (Aktien und Hochzinsanleihen) bleiben wir untergewichtet. Bei Liquidität, Gold und Schweizer Immobilienfonds setzen wir weiterhin auf ein taktisches Übergewicht. 

Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen