News
Lichtblick an der Börse
Ein grosser Teil der negativen Unternehmens- und Wirtschaftsnachrichten dürfte in den Börsenkursen enthalten sein. Aber nicht alles. Die Prognosen sind immer noch zu optimistisch.
Der Oktober war für Anleger ein erfreulicher Monat. Die Aktienmärkte verbuchten satte Gewinne. Der Swiss Market Index (SMI) kletterte 5,5 Prozent. Zu den Gewinnern zählten der Industriekonzern ABB, der Anfang des Monats seine auf Hochleistungs-Turbolader spezialisierte Tochter, Accelleron, an die Börse brachte. Ebenfalls eine Aufholjagd zeigten der Bauzulieferer Sika und der auf Privatmarktanlagen spezialisierte Vermögensverwalter Partners Group.
Der europäische Euro Stoxx 50 gewann gar 9 Prozent und der US-amerikanische Dow Jones Index schoss mit einem Plus von fast 14 Prozent in die Höhe. Beide Indizes profitierten von ihrer zyklischeren Komponente. In diesem Umfeld ist die Volatilität, ein Gradmesser für die Angst der Anleger, deutlich zurückgekommen. Die erfreuliche Monatsentwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Börsen seit Anfang des Jahres immer noch zweistellige negative Renditen aufweisen.
Vorsichtiger Optimismus
Grund für die temporäre Entspannung der Investoren sind die Quartalsergebnisse der Unternehmen. Diese fallen zwar nicht berauschend aus und weisen gegenüber dem Vorjahr oft einen Taucher auf, übertreffen in vielen Fällen aber die im Vorfeld gesenkten Erwartungen der Analysten. Für einen gewissen Optimismus sorgten etwa die US-Banken. In der Schweiz lieferte die Grossbank UBS ein ähnliches Bild ab. Der Finanzsektor gehört zwar zu den wenigen Profiteuren steigender Zinsen, aber gerade Banken kämpfen mit schwindenden Erträgen aus dem Investmentbanking. Aktivitäten wie Börsengängen oder Unternehmensübernahmen sind selten geworden.
Zum Monatsende hin hat sich die Meinung durchgesetzt, dass sich das Tempo der Straffung der Geldpolitik der Notenbanken, vor allem der US-Fed, verlangsamt. Diese Aussichten stimmten Investoren optimistisch, wurden aber bereits Anfang November relativiert, als die Fed zum sechsten Mal in Folge die Leitzinsen anhob. Zum vierten Mal hintereinander erhöhte sie den Referenzsatz um 75 Basispunkte und verwies darauf, dass der Straffungszyklus die Zinsen womöglich über die eigenen Prognosen anheben würde. In der Schweiz dürften die Zinserhöhungen dagegen dem Ende entgegen gehen. Wir prognostizieren im Dezember noch einen Zinsschritt in Höhe von 0,5 Prozentpunkten, gehen aber davon aus, dass die Leitzinsen in den darauffolgenden zwölf Monaten nicht weiter ansteigen.
Dauerthema Inflation
Die Inflation verharrt auch im Oktober weltweit auf hohem Niveau. Ob und wann der Kampf gegen die Teuerung gewonnen wird, und die Zeichen auf eine weniger restriktive Geldpolitik stehen, werden die kommenden Monate zeigen. Gewirkt haben die höheren Zinsen bereits auf den US-Dollar. Dieser verharrt nach einem kräftigen Anstieg gegenüber dem Schweizer Franken weiterhin um die Parität. Davon ist der Euro noch etwas entfernt, auch wenn er sich von seinem Ausverkaufsniveau im September gelöst hat.
Für Euphorie ist es in Europa jedoch noch verfrüht. Die Heterogenität der Europäischen Union (EU), die Teuerung, der Krieg in der Ukraine und die drohende Rezession belasten. Um die Teuerungsrate in den Griff zu bekommen, rechnen wir dennoch mit weiteren Leitzinserhöhungen. Auch die Risikoprämien in Europa für länger laufende Anleihen dürften noch weiter steigen.
Vorsicht vor optimistischen Prognosen
Etwas beruhigt hat sich die Situation in Grossbritannien. Mit dem Rücktritt von Liz Truss als Premierministerin setzte das Pfund Sterling die Ende September eingeläutete Erholung fort. Kurzfristig gehen wir davon aus, dass das Pfund sich auf dem gegenwärtigen Kurs einpendeln wird und auf 12-Monatssicht sehen wir die Währung gar etwas stärker. Auch die Risikoaufschläge für britische Staatsanleihen sind deutlich zurückgekommen.
In diesem Umfeld halten wir an unserer defensiven Positionierung fest. Wir gehen zwar davon aus, dass die restriktivere Geldpolitik weitgehend in den Kursen enthalten ist, sehen das Risiko allerdings bei den Gewinnschätzungen. Diese sind unseres Erachtens noch zu hoch und bergen das Potenzial für weitere Enttäuschungen.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen