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21.02.2023

Mit Vollgas ins neue Jahr

Finanz Ecke Februar 2023

Nachlassende Konjunktur- und Zinsängste sorgen bei den Börsianern für mehr Risikoappetit. Die Erholung steht aber auf wackligen Beinen. Denn fundamental hat sich am Anlageumfeld wenig geändert. Die Rezessionsgefahr ist nicht gebannt, die Geldpolitik bleibt restriktiv.

Der Swiss Market Index (SMI) verbuchte im Januar ein Plus von 5,2 Prozent. Der Schweizer Aktienmarkt hat damit einen Teil der Verluste des Vorjahres bereits wieder wettgemacht. Gefragt waren vor allem Valoren, die 2022 an der Börse überdurchschnittlich abgestraft wurden, wie Geberit, Sika oder Lonza. Der Euro STOXX 50 kletterte um 9,8 Prozent. Für die US-Technologiebörse Nasdaq sowie den chinesischen Hang Seng Index ging es gar um über 10 Prozent nach oben. 

Ebenfalls im Aufwind befand sich der Euro. Er wurde zum Schweizer Franken erstmals seit Juli 2022 zeitweise wieder über Parität gehandelt. Vom erneut schwächer tendierenden US-Dollar profitierte das Gold. Das gelbe Edelmetall verteuerte sich im Monatsverlauf um fast 6 Prozent. Gesucht war auch der Bitcoin. Dem Krypto-Primus gelang trotz der Pleite der Handelsplattform Genesis – dies ist nach FTX die zweite Insolvenzanmeldung einer namhaften Krypto-Börse innert weniger Wochen – der Sprung zurück über die Marke von 20'000 US-Dollar.

Am Obligationenmarkt spiegelte sich der grössere Risikoappetit der Anleger derweil in einem Rückgang der Zinsen. So rentierten 10-jährige US-Staatsanleihen zu Monatsmitte gerade mal 3,3 Prozent, so wenig wie zuletzt im September 2022. Der Zinssatz für vergleichbare Eidgenossen fiel zeitweise bis auf 1,0 Prozent.      

Anleger wetten gegen Notenbanken
Ursache für den guten Jahresstart der Börsen sind zum einen die sich im Zuge der Abkehr Chinas von seiner Null-Covid-Strategie und des Ausbleibens einer Energiemangellage leicht aufhellenden Konjunkturperspektiven. Zum anderen setzen Investoren auf ein baldiges Abflauen des geldpolitischen Gegenwindes. Dies ist unserer Meinung nach allerdings eine gewagte Wette gegen die Notenbanken. Die Inflation in den USA und der Eurozone scheint ihren Höhepunkt zwar überschritten zu haben. Nichtsdestotrotz liegen die Teuerungsraten weiterhin klar über der Notenbank-Zielgrösse von 2 Prozent. Zudem frisst sich der Preisdruck tiefer in die Volkswirtschaft. Das zeigt die in der Eurozone im Januar auf 5,2 Prozent verharrende Kernrate. Entsprechend haben die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Zinserhöhungszyklus im neuen Jahr fortgesetzt und die Leitzinsen um 25 respektive 50 Basispunkte angehoben. Zusätzlich plant die EZB, analog zur Fed, einen schrittweisen Abbau der Notenbankbilanz. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt derweil, dass die Währungshüter die geldpolitischen Zügel auch nach Erreichen eines etwaigen Zinsgipfels für gewöhnlich nicht sofort wieder lockern. Die globale Geldpolitik wird somit bis auf Weiteres restriktiv bleiben.  

Durchwachsene Geschäftszahlen
Viele Firmen profitieren noch von den hohen Auftragsbeständen im Nachgang der Corona-Pandemie. So haben im vergangenen Jahr der Bauchemiehersteller Sika oder der Verbindungstechnik-Spezialist Huber + Suhner in Sachen Umsatz neue Bestmarken erreicht. Bei stark exportorientierten Unternehmen trübte, je nach Hauptabsatzmarkt, der starke Schweizer Franken das Ergebnis. Die Vertreter der heimischen Pharmabranche präsentierten dank ihres wenig vom Konjunkturzyklus abhängigen Geschäfts solide Zahlen. Eine Gewinnwarnung drückte die Stimmung beim Computerzubehörbauer Logitech. In Summe fallen die Jahresabschlüsse der Unternehmen bislang gemischt, aber mehrheitlich im Rahmen der Erwartungen aus. Nichtsdestotrotz hinterlassen vielerorts die schwächelnde Konjunktur und die hohe Inflation erste Spuren. Infolgedessen fällt der Blick nach vorne bei den Unternehmen zumeist eher vorsichtig aus. 

Vorsichtig bleiben!
Wir raten Anlegern trotz der jüngsten Kursavancen zur Vorsicht. Denn die «harten» Makro-Daten deuten zunehmend auf eine Abschwächung der Konjunkturdynamik hin. So sitzt aufgrund der hohen Inflation das Geld bei den Konsumenten nicht mehr so locker, was sich zuletzt in rückläufigen Detailhandelsumsätzen bemerkbar gemacht hat. Zusätzlichen Gegenwind beschert der Wirtschaft der restriktive Kurs der Notenbanken. Die Gefahr einer Rezession ist weder in den USA noch der Eurozone vom Tisch. Vor diesem Hintergrund sind die Gewinnschätzungen für 2023 unserer Meinung nach immer noch zu ambitioniert. Das birgt Korrekturpotenzial. Wir bleiben daher anlagetaktisch vorsichtig positioniert. Bei den risikobehafteten Anlageklassen (Aktien und Hochzinsanleihen) sind wir untergewichtet. Bei Liquidität, Gold und Schweizer Immobilienfonds setzen wir auf ein taktisches Übergewicht.

Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen