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Rekordjagd in gefährlichen Höhen
Die Wirtschaft erholt sich, die Inflation zieht an. Derweil bewegen sich die Märkte auf Höchstständen. Die Luft nach oben wird dünner. Mit der Aussicht auf eine restriktivere Geldpolitik steigt die Gefahr von Kursrücksetzern.
In puncto Performance ist der Juni historisch betrachtet einer der schwächsten Monate des Jahres. Dass Anleger auf solche Statistiken nur bedingt etwas geben können, bewiesen die vergangenen Wochen. Für den Schweizer Aktienmarkt, gemessen am Swiss Market Index (SMI), ging es im Juni steil aufwärts. Er markierte bei 12’070 Punkten ein Allzeithoch und verbuchte zu Monatsende ein Plus von rund 5,1 Prozent. Massgeblich zu der Rally beigetragen haben der Pharmazulieferer Lonza (+13,3 Prozent) und der Pharmakonzern Roche (+11,5 Prozent). Ebenfalls im Vorwärtsgang befanden sich die US-Märkte. Der breite S&P 500 Index legte währungsbereinigt gut 5,2 Prozent zu. Die Technologie-Börse Nasdaq kletterte über 8,5 Prozent. Beide Indizes bewegen sich ebenfalls auf Rekordniveau. Mit kleineren Brötchen mussten sich Anleger in der Eurozone zufriedengeben. Der Stoxx 600 Index notierte 1,1 Prozent höher.
Der anhaltend starke US-Dollar sowie die höheren Renditen am Anleihemarkt setzten dem Goldpreis im Juni zu. Das gelbe Edelmetall verlor fast 7,2 Prozent seines Wertes und fiel unter die Marke von 1'780 US-Dollar pro Unze. Der Bitcoin
(-5,7 Prozent) zeigte sich einmal mehr von seiner volatilen Seite. Das Mining-Verbot in China liess die Krypto-Währung zeitweise unter 29'000 US-Dollar absacken – so günstig war sie zuletzt Anfang Januar. Markant zulegen konnte hingegen das Rohöl. Die Nordseemarke Brent verteuerte sich im Monatsverlauf um gut 8,4 Prozent pro Fass auf 75.1 US-Dollar.
Erholungsdynamik auf ihrem Höhepunkt
Die Weltwirtschaft erholt sich in grossen Schritten vom Corona-Schock. Bis zum Jahresende sollte sie den Konjunktureinbruch weitgehend wett gemacht haben. Die wirtschaftliche Dynamik scheint indes ihren Zenit erreicht zu haben. Darauf deuten Vorlaufindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes (PMI) hin. In vielen Ländern befinden sich diese auf Rekordständen. Jedoch sind die Zuwachsraten zuletzt deutlich abgeflacht, in den USA ist der PMI für den Dienstleistungssektor im Juni gar von 70.4 auf 64.8 Punkte gesunken.
Auch bei der Erholung der Unternehmensgewinne scheint das Momentum derzeit zu gipfeln. Die Auftragslage hat sich mit der Lockerung der Corona-Massnahmen spürbar aufgehellt. Noch führt zwar die erhöhte Nachfrage zu einigen Lieferengpässen, diese dürften allerdings im zweiten Halbjahr vollständig abgebaut werden. Infolgedessen haben in den letzten Wochen zahlreiche Unternehmen, wie etwa der Maschinenbauer Sulzer oder der Komponenten-hersteller Huber+Suhner, ihre Umsatzprognosen nach oben korrigiert. Damit dürfte nun aber ein Grossteil der post-Corona Erholung eingepreist sein.
«Tapering» in Sicht
Kehrseite der Wirtschaftserholung ist die Inflation. Diese zieht rund um den Globus an. In den USA hat sie im Mai mit einer Rate von 5,0 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Und auch in der Schweiz steigen die Preise (Mai: +0,6 Prozent), wenn auch im internationalen Vergleich moderat. Ein Grossteil dieser Entwicklung ist auf Basiseffekte zurückzuführen, die sich künftig abschwächen dürften. An den Anleihemärkten hat die steigende Inflation daher zuletzt kaum mehr für Bewegung gesorgt. Dafür geraten die Notenbanken zunehmend unter Handlungsdruck. Eine Zinswende ist zwar weder dies- noch jenseits des Atlantiks in Sicht, dafür zeichnet sich am Horizont eine Drosselung der Anleihekäufe («Tapering») ab. Wir gehen davon aus, dass die US-Notenbank Fed Anfang 2022 damit starten wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte etwas verzögert folgen.
Kursrücksetzer zu erwarten
Die Aussicht auf eine restriktivere Geldpolitik dürfte in den kommenden Wochen die Volatilität an den Märkten wieder ansteigen lassen. Kursrücksetzer werden wahrscheinlicher. Die zuletzt starken Zykliker dürften ausgebremst werden. Anlegern empfiehlt es sich daher, sich etwas defensiver zu positionieren und den Fokus auf Qualitätsaktien wie Nestlé, Roche oder Swisscom zu legen. Eine erhöhte Liquiditätsquote ermöglicht es zudem allfällige Anlagechancen rasch wahrnehmen zu können.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen