News
Trübe Aussichten
Trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten wirken Anleger gelassen. Aber das ist nicht gerechtfertigt, denn die Aussichten trüben sich zunehmend ein.
Stellen Sie sich vor die wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten nehmen zu, und keinen interessiert es. Diese Situation vermittelt gerade der Schweizer Aktienmarkt, der sich im April, gemessen am Swiss Market Index (SMI), seitwärts bewegte. Geholfen haben ihm dabei seine defensive Ausrichtung, solide Quartalsergebnisse und die stabile Entwicklung der Index-Schwergewichte Nestlé und Novartis. Beide schnitten im April deutlich besser ab als der Gesamtmarkt. Aus diesen Gründen gehört der Schweizer Markt – einmal mehr – weltweit zu den Stärksten.
Damit tanzt er im internationalen Vergleich aus der Reihe. Der Blick nach Europa oder in die USA vermittelt ein anderes Bild. Dort verloren die Börsen im April an Terrain. Die Angst der Anleger spiegelt sich auch in der erneut merklich angestiegenen Schwankungsbreite. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.
Teuerung belastet Konsum
So ist die Inflation vielerorts auf einen neuen Rekordwert geklettert. Dadurch sinken die verfügbaren Einkommen und so kommt der Motor einer jeden Wirtschaft ins Stottern. Obwohl die Teuerungsraten in der Schweiz noch verhältnismässig gering ausfallen, sind auch hierzulande erste Anzeichen spürbar. Im April verschlechterte sich der vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhobene Index der Konsumentenstimmung deutlich unter den langjährigen Mittelwert. Ein ähnliches Bild liefert Deutschland, wo die Einzelhandelsumsätze hauptsächlich deshalb steigen, weil die Produkte teurer werden, und nicht weil die Leute mehr kaufen. Aufgrund dieser Unsicherheiten soll es bei einzelnen Gütern wie Mehl und Speiseöl bereits zu Hamsterkäufen gekommen sein. Dagegen schrumpft etwa die Nachfrage nach Kleidern. In der Folge ist mit einer weiteren wirtschaftlichen Verlangsamung zu rechnen.
Trotz dem starken Anstieg der Teuerung, wird Gold seinem Ruf als Inflationsschutz auf den ersten Blick nicht gerecht. Das gelbe Edelmetall neigte in der zweiten Monatshälfte zur Schwäche. Das ist aber primär auf die Stärke des US-Dollar zurückzuführen, denn Gold und der «Greenback» korrelieren weitgehend invers. Das heisst: Steigt der Dollar, sinkt der Goldpreis und umgekehrt. Und der Dollar hat im April gegenüber dem Schweizer Franken mächtig zugelegt. So stark, dass sich Gold im April, in Franken gerechnet, 3,1 Prozent verteuerte und somit im Portfoliokontext durchaus zur Stabilisierung beigetragen hat. Wir halten an unserem Übergewicht in Gold fest.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die Lockdowns in China. Nachdem das Corona-Virus bereits Schanghai in einen solchen getrieben hat, droht dasselbe nun auch der Hauptstadt Peking. Die Folgen dieser Null-Covid-Strategie sind eindeutig: Sie belasten die wirtschaftliche Entwicklung in China selbst, führen weltweit zu Lieferengpässen und heizen so die Inflation zusätzlich an. Unternehmen äussern sich deshalb immer vorsichtiger, was den künftigen Geschäftsverlauf betrifft.
Zinswende ist in vollem Gang
Um der Inflation entgegen zu wirken, hat die US-Notenbank Fed Anfang Mai mit einem Zinsschritt von 0,5 Prozent die Geldpolitik weiter gestrafft und die im März eingeleitete Zinswende untermauert. Da in erster Linie die Inflation bekämpft werden soll, rechnen wir auch für den Juni mit einer Leitzinserhöhung von 0,50 Prozent und im Juli mit einer solchen von 0,25 Prozent. Zudem soll die Bilanz ab dem 1. Juni gestrafft werden. Die Börsen reagierten in einem ersten Schritt positiv auf die Aussagen des Fed Chefs Jerome Powell. Da seine Aussagen zur künftigen Zinsentwicklung weniger forsch ausfielen als befürchtet, haben die Gewinne in der Folge aber rasch wieder abgegeben.
Geopolitisch sorgt der Krieg in der Ukraine auch nach über zwei Monaten für Leid, Angst und Verunsicherung. Die wirtschaftlichen Auswirkungen zeigen sich an den hohen Energiepreisen. Hart davon getroffen wurde der weltgrösste Onlinehändler Amazon. Er verbuchte einen deutlichen Gewinnrückgang und äusserte sich auch verhalten bezüglich des laufenden Quartals.
Da die Realwirtschaft und die Aktienmärkte zunehmend auseinanderdriften, haben wir die Zwischenerholung seit den Tiefständen von Anfang März genutzt, um die Aktienquote weiter zu reduzieren. Insbesondere haben wir europäische und Schwellenländeraktien abgebaut. Den Erlös halten wir liquide, um so über den nötigen Handlungsspielraum zu verfügen und sich ergebende Chancen zu nutzen.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen