News
Vorsicht vor zu viel Euphorie
Ein starker Juni und ein gutes Halbjahr sind zu Ende. Die anstehenden Halbjahresberichte bergen aber Enttäuschungspotenzial.
Der Juni war ein guter Monat für Aktienanleger. Beflügelt wurde der Swiss Market Index (SMI) von den Titeln des Zementherstellers Holcim, des Industrieunternehmens ABB und der Grossbank UBS, die zwischen 7 und 5 Prozent zulegten. Auf Monatsbasis verteuerte sich der SMI um 0,56 Prozent. Auch über das erste Semester betrachtet, gehören Holcim und ABB mit einer Wertsteigerung von rund einem Viertel zu den stärksten Titeln. Das Plus des SMI summierte sich seit Anfang Jahr inklusive Dividende auf 8,3 Prozent. Als Bremse erwiesen sich der Pharmakonzern Roche, der Pharmazulieferer Lonza und das Technologieunternehmen Logitech, deren Valoren allein im Juni zwischen 5 und knapp 9 Prozent einbüssten.
Deutlich stärker als der SMI entwickelte sich der EuroStoxx50 Index, der im Juni gut 4 Prozent zulegte. Der breite US-Markt, gemessen am S&P 500, kletterte gar 6,5 Prozent. Gewinner waren die grossen Technologiewerte, die von der Euphorie um das Thema Künstliche Intelligenz profitierten. Gefragt waren insbesondere die Valoren des Halbleiterproduzenten Nvidia, dessen Aktien sich im Juni 12 Prozent verteuerten und im gesamten ersten Halbjahr um 189 Prozent hochschossen.
Apple wird wertvollstes Unternehmen
Ein weiterer Treiber war das Technologie-Schwergewicht Apple. Am letzten Tag des Junis kletterte die Marktkapitalisierung des iPhone Herstellers auf 3 Billionen US-Dollar. Damit ist Apple derzeit das wertvollste Unternehmen der Geschichte. Diese Trends hievten den Nasdaq 100 Index im ersten Halbjahr um fast 40 Prozent. Solche Bewegungen sind aber mit Vorsicht zu geniessen, schrauben sie doch nebst den Kursen auch die Erwartungen – und damit das Enttäuschungspotenzial – in die Höhe. Die anstehende Berichtssaison birgt diese Gefahr.
Bremsend wirken denn auch die verschiedenen Zinserhöhungen im Juni. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) erhöhte ihren Leitzins auf 1,75 Prozent. Wir gehen davon aus, dass der Zinszyklus damit zu Ende ist. Dafür spricht unter anderem die Entwicklung der Inflation, die im Juni auf 1,7 Prozent und damit unter die Obergrenze der SNB gefallen ist.
Diese Entwicklung steht ganz im Gegensatz zu Europa. Dort betrug die Teuerung im Juni im Jahresvergleich 5,5 Prozent. Nach 6,1 Prozent im Mai und 7,0 Prozent im April weist der Trend zwar in die richtige Richtung, gleichzeitig ist der Wert aber weit entfernt vom Zielband der Europäischen Zentralbank (EZB). Deshalb dürfte diese an ihrer restriktiven Geldpolitik festhalten und die Zinsen weiter erhöhen. Einzig die US-Notenbank Fed hat vorerst eine Pause eingelegt, sich aber ausdrücklich weitere Zinsschritte vorbehalten. Wir prognostizieren deshalb im Juli noch einen letzten Zinsschritt in den USA.
Zinskurve deutet auf Rezession hin
Während die Leitzinserhöhungen gut vorausgesagt werden konnten, waren die Renditebewegungen der vergangenen sechs Monate bei den langlaufenden Obligationen volatil. Über den gesamten Zeithorizont gingen sie aber deutlich zurück. Rentierten 10-jährige Schweizer Staatsanleihen Anfang Jahr noch gut 1,5 Prozent, schrumpfte die Entschädigung für Anleger zum Halbjahr hin unter 0,9 Prozent. Damit ist die Zinskurve invers geworden, das heisst Obligationen mit einer kurzen Laufzeit zahlen höhere Zinsen als länger laufende. In der Vergangenheit war das stets ein verlässlicher Vorbote einer Rezession.
Gold ist in einem solchen Umfeld ein guter Portfoliostabilisator. Das gelbe Edelmetall schützt vor Inflation und reduziert Schwankungen im Portfolio. Wir halten deshalb an unserem Übergewicht fest. Dass der Preis im Monatsverlauf dennoch 2 Prozent sank, liegt vor allem an den gestiegenen Zinsen, welche die Haltekosten verteuern. Seit Anfang Jahr hat sich Gold gut 5 Prozent verteuert.
Ebenfalls einen Inflationsschutz bieten Immobilien, allerdings befindet sich die Anlageklasse derzeit im Wandel, bleibt für Investoren aber interessant. Aufgrund der gestiegenen Zinsen dürften die Preise künftig zwar weniger rasch ansteigen als in der Vergangenheit, dafür locken höhere Mieteinnahmen. Die Schweiz profitiert zudem von einer starken Nachfrage und einem knappen Angebot, was die Preise hochhält.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen