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Zwischen Hoffnung und Resignation
Dank der Hoffnung auf eine rasche Lösung des Nahost-Konfliktes setzten die Aktienmärkte im April zu einer Erholung an. Für zusätzlichen Auftrieb sorgten die guten Quartalszahlen der Unternehmen. Die Pattsituation zwischen den USA und dem Iran lässt die Hoffnung der Investoren zunehmend der Resignation weichen.
Der nach Ostern ausgerufene Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran weckte an den Börsen die Hoffnung auf eine rasche Lösung des Konfliktes und eine Öffnung der für den globalen Rohstofftransport so wichtigen Strasse von Hormus. Die Aktienmärkte setzten in der Folge zu einer Erholung an. Allerdings zeigte sich schnell, wie weit die Positionen der beiden Parteien auseinandergehen. Entsprechend wich die anfängliche Hoffnung in der zweiten Aprilhälfte zunehmend der Resignation und die Erholung verlor, vor allem diesseits des Atlantiks, an Schwung. Zu Monatsende resultierte für den Swiss Performance Index (SPI) nichtsdestotrotz ein Plus von 4,0 Prozent. Gestützt wurde der Leitindex dabei auch von den guten Quartalszahlen der Unternehmen. Auffallend waren die prallgefüllten Auftragsbücher vieler Industriebetriebe.
KI-Hype hält an
Der amerikanische S&P 500 Index kletterte im April in Schweizer Franken gerechnet um 7,9 Prozent und markierte zu Anfang Mai einen neue Bestmarke. Hauptkurstreiber waren Technologie- und Halbleiterwerte, die vom anhaltenden Hype um künstliche Intelligenz (KI) profitierten. Diesen belegt die Entwicklung des PHLX Semiconductor Index (SOX) eindrücklich: Der die 30 grössten US-Halbleiteraktien umfassende Index kletterte im April um satte 35 Prozent. Technologiegiganten wie Amazon, Alphabet oder Meta konnten mit ihren Geschäftszahlen zudem die hohen Erwartungen nicht nur erfüllen, sondern teilweise auch übertreffen. Allerdings zeigen die Zahlenkränze erste Anzeichen, dass die Luft dünner wird. Darüber hinaus sorgen die milliardenschweren Investitionen in den KI-Infrastrukturausbau für eine gewisse Skepsis unter den Marktteilnehmern.
Gold im Seitwärtsmodus
Trotz der Unsicherheiten setzte Gold zu keinen Höhenflügen an. Ein belastender Faktor ist der US-Dollar. Obwohl dieser im vergangenen Monat etwas zurückgekommen ist, notiert er gegenüber vielen Währungen nach wie vor höher als vor Kriegsbeginn. Zusätzlichen Gegenwind bescheren Gold die verglichen zu Jahresanfang über praktisch alle Laufzeiten höheren Zinsen, welche die Haltekosten des Edelmetalls verteuern.
Die kriegsbedingt gestiegenen Energiepreise befeuern weltweit die Inflation. So kletterte die Teuerung in den USA im April von 2,4 auf 3,3 Prozent, im Euroraum von 2,6 auf 3,0 Prozent. Und auch hierzulande nimmt der inflationäre Druck zu: Die Konsumentenpreise verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr um 0,6 Prozent, nachdem die Rate im März bei 0,3 Prozent lag. Angesichts dessen sind weitere Leitzinssenkungen durch die Notenbanken vorerst vom Tisch. Mit Blick auf die Europäische Zentralbank (EZB) preist der Markt ab dem Sommer sogar Zinserhöhungen ein. Dazu passt, dass die US-Notenbank Fed wie auch die EZB an ihren April-Sitzungen die Füsse stillgehalten, aber ihre Sorge über die Inflationsentwicklung kundgetan haben.
Stagflationsrisiken nehmen zu
Die USA haben den Krieg im Nahen Osten Anfang Mai zwar für beendet erklärt. Die Strasse von Hormus ist aber nach wie vor blockiert. Die jüngsten Ereignisse zeigen, wie fragil die Situation in der Golfregion ist. Für die weitere Börsenentwicklung entscheidend ist, ob die Meerenge zeitnah aufgeht und sich in der Folge die Ölpreise normalisieren. Denn mit dem Status quo wachsen Tag für Tag die Stagflationsrisiken für die Weltwirtschaft. Über kurz oder lang wirkt sich das auch auf die Margen der Unternehmen aus. Die aktuellen Gewinnschätzungen reflektieren das nicht. Viele Analysten haben ihre Prognosen im Rahmen der laufenden Berichtssaison sogar nochmals angehoben. Zugleich bewegen sich die Bewertungen der Aktienmärkte in vielen Regionen weiterhin über ihrem langjährigen Schnitt. Das bietet Korrekturpotenzial. Darüber hinaus ist fraglich, wie die Investoren auf ein tatsächliches Ende des Iran-Krieges reagieren würden. Möglicherweise käme es angesichts der nicht auf Fundamentaldaten fussenden Erholung vom April sogar zu Gewinnmitnahmen.
Wir haben unmittelbar nach Ankündigung des Waffenstillstandes Anfang April unsere Untergewichtungen bei europäischen wie auch Schwellenländeraktien zulasten Liquidität etwas reduziert. Unter dem Strich bleiben wir wegen der zuvor genannten Gründe sowie der in den Sommermonaten unvorteilhaften Saisonalität aber leicht defensiv positioniert.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen