Gelebte Nachhaltigkeit in Schweizer KMU

«Umweltschutz ist in der DNA der KMU-Chefs enthalten»

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Massnahmen zum Klimaschutz und Ressourceneffizienz sind für KMU zu einem Erfolgsfaktor geworden. Der Gewerbeverbandsdirektor Hans Ulrich Bigler, stellt dabei den Schweizer KMU ein gutes Zeugnis aus.

Diskussionen darüber, ob der Klimawandel stattfindet oder nicht, sind in den Augen von FDP-Nationalrat Hans Ulrich Bigler (59) nicht zielführend: «Wir alle sehen ja, wie die Gletscher schmelzen und die Temperaturen ansteigen.» Der Klimawandel ist in vollem Gange und er lässt sich nicht leugnen. Die Klimaveränderungen bieten aber auch Chancen für die Wirtschaft, ist der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv) überzeugt. So ist die Schweiz in der Umwelttechnologie heute weltweit führend.

Hans Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband (sgv)

Hans Ulrich Bigler ist seit 1. Juli 2008 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv) in Bern.

Hand aufs Herz, Herr Bigler – Klimaschutz steht bei den meisten KMU nicht zuoberst auf der Agenda. Das erleben Sie auch so, oder?

Hans Ulrich Bigler: Haben Sie eine Ahnung. Das stimmt so nicht. Es ist sicher so, dass Unternehmerinnen und Unternehmer auch noch andere wichtige Themen haben. Ich kenne aber zahlreiche Firmen, die sehr engagiert sind und bei denen die Ökologie hoch im Kurs steht. Aus Sorge ums Klima überlegen sich viele: Was ist mein Beitrag und mit welchen Produkten kann ich meine Chance nutzen? Ich betone immer wieder: Unsere Schweizer Wirtschaft ist schon grün.

 

Dennoch, es gibt auch einige Hürden für eine grüne Wirtschaft: administrativer Aufwand, Kosten, unmittelbare Notwendigkeit, andere Sorgen u.v.m.

Das grösste Problem ist eine Fehlkonzeption seitens des Gesetzgebers. Die Schweiz hat am weltweiten CO2-Ausstoss einen so kleinen Anteil, dass die CO2-Reduktion der Wirtschaft im Inland im Vergleich zum Ausland zehnmal so teuer zu stehen kommt. Deshalb muss eine Gesetzesänderung her, die eine CO2-Kompensation im Ausland wieder möglich macht, auch weil wir dort die viel grössere Wirkung erzielen können.

 

Viele Wirtschaftsführer sind der Ansicht: Die Integration sozialer und ökologischer Ziele in die Unternehmensführung übt eine negative Wirkung auf den Gewinn aus.

So mögen Wirtschaftsführer argumentieren, die quartalsweise rapportieren und Börsenkurse rechtfertigen müssen. Unsere KMU haben eine ganz andere Sichtweise: Sie werden häufig von Familien über Generationen geführt. Da überlegt man sich schon, dass man die nächste Generation nicht zu sehr belasten darf. Und überhaupt, unsere KMU engagieren sich nicht nur in Umweltfragen. Die Chefs übernehmen zudem Verantwortung in der Gesellschaft oder in Vereinen.

 

Die Betroffenheit in Umweltfragen ist aber nicht in allen Branchen gleich hoch.

Das stimmt. Letztlich müssen aber alle Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft übernehmen.

 

Wie steht die Schweizer Wirtschaft im Vergleich zum Ausland da?

Sehr gut. Sie hat den Tatbeweis erbracht, dass sie mitmacht, wenn die Politik die richtigen Anreize bietet. Die Wirtschaft hatte vom Bund den Auftrag, bis 2012 den CO2-Ausstoss um 20 % zu reduzieren. Erreicht wurde effektiv 35%. Und bis 2020 soll der Ausstoss nochmals um 10 % reduziert werden. Das haben wir jetzt heute schon erreicht.

 

Das zeigt doch: Wenn der Unternehmer mit Umweltmassnahmen Kosten sparen kann, dann leistet er diesen Beitrag.

Genau. Deshalb fordere ich die Politik auf, marktwirtschaftliche Anreize zu schaffen und die Wirtschaft arbeiten zu lassen, anstatt sie mit Regulierungen und Steuern lenken zu wollen.

 

Prinz Max von Liechtenstein hat einmal gesagt: Langfristig können Unternehmen nur in einer gesunden Gesellschaft florieren und sie müssen dazu beitragen, unsere Umwelt zu erhalten. Würden Sie diesem zustimmen?

Volle Zustimmung. Unsere KMU leben dies seit Jahrzehnten vor. Sie tun aber noch viel mehr. Sie entlasten die Arbeitslosenkasse, indem sie Jugendliche im Arbeitsmarkt integrieren. KMU-Chefs engagieren sich auch in der Öffentlichkeit, sitzen im Gemeinderat, sie organisieren Feste oder übernehmen wichtige Aufgaben in der Feuerwehr oder in der Kirchenpflege. Ein solch vielfältiges Engagement ist in der DNA der KMU-Chefs längstens eingraviert.

 

KMU sind nicht nur engagiert, sondern auch lokal verankert.

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Das ist das Kapital der KMU. Durch die Nähe haben sie Vertrauen. Die KMU zeigen: Wirtschaft und Gesellschaft sind eins.

 

KMU haben auf dem Weg zu einer grüneren Wirtschaft die bessere Ausgangslage als börsenkotierte Unternehmen: Sie sind nicht dem schnellen Gewinn und kurzfristig guten Resultaten verpflichtet…

Ich würde keinen Unterschied zwischen gross und klein, börsenkotiert und nicht-börsenkotiert machen. Letztlich bin ich ein Verfechter der marktwirtschaftlichen Wirtschaft.

 

Klimaschutz und Energieeffizienz: Belasten oder entlasten sie KMU?

Mit der Energieagentur für Wirtschaft entlasten wir sie. Der Staat hat aber die Tendenz, zu viel zu regulieren und mit der Tarifierung der CO2-Kompensation belasten wir die Wirtschaft.

 

Was wiegt mehr?

Die Belastung. Staatliche Auflagen bremsen uns. Sie bewirken, dass wir umweltpolitische Ziele nicht so schnell erreichen, wie dies möglich wäre. Staat und Politik sollten sich vielmehr überlegen, wie sie der Wirtschaft noch mehr Anreize bieten können, um Energie zu sparen und CO2-Emissionen zu reduzieren.

 

Warum passiert dies viel zu wenig?

Weil in der Verwaltung der ungebrochene Glaube an die eigene Regulierungskompetenz herrscht. Mit staatlicher Steuerung lassen sich aber die wahren Probleme nicht lösen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache.

 

Zur Person Hans Ulrich Bigler

Hans Ulrich Bigler, Gewerbeverbandsdirektor
Hans Ulrich Bigler, Gewerbeverbandsdirektor

Hans Ulrich Bigler ist seit 1. Juli 2008 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv) in Bern. Die Nummer 1 der KMU-Wirtschaft vertritt als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft 250 Mitgliedorganisationen und gegen 300'000 Unternehmungen. Vor seinem Amtsantritt beim sgv war Hans-Ulrich Bigler während elf Jahren Direktor des Unternehmerverbandes der Schweizer Druckindustrie Viscom. Anschliessend war er zwei Jahre Direktor des Unternehmerverbandes der Schweizer Maschinenindustrie Swissmem. Ulrich Bigler wünscht sich mehr Vertrauen in die Handlungsbereitschaft der Wirtschaft, Abbau von unnötigen Regulierungskosten und mehr marktwirtschaftliche Anreize in der Umwelt- und Klimapolitik.