Frühpensionierung

Wird die junge Generation früher austreten?

Das Pensionsalter 65 war für Arbeitnehmer der älteren Generation jene magische Grenze, die es zu erreichen gilt. Kann dasselbe von der jüngeren Generation erwartet werden? Die Leiterin des Ressorts Forschung im Bundesamt für Sozialversicherungen deutet die vorhandenen Zahlen.

Sabina Littmann-Wernli, täuscht der Eindruck, dass immer mehr Arbeitnehmer den Wunsch äussern, vorzeitig aus dem Arbeitsprozess auszuscheiden? Wie sieht die Frühpensionierung in absoluten Zahlen aus?

S. L.-W.: In den letzten Jahren betrug die Frühpensionierungsquote ein Jahr vor dem gesetzlichen Rentenalter bei Männer 40%, bei Frauen 35%. Sehen wir uns die Zahlen im 10-Jahres-Vergleich an, sind Frühpensionierungen eher zurückgegangen. Häufig werden dafür wirtschaftliche Gründe genannt. Mindestens ebenso wichtig ist die höhere Lebenserwartung.

 

Für die ältere Generation war Pensionierungsalter 65 quasi „gesetzt“. Die jüngere Generation jedoch legt ein Schwergewicht auf die „Work-Life-Balance“. Wird bei den Frühpensionierungen bereits eine Änderung dieser Wertvorstellungen sichtbar?

S. L.-W.: Ein «Work-Life-Balance»-Weltbild wird vor allem der Generation Y (Jahrgänge 1980 bis 1995) zugeschrieben, die das Rentenalter noch nicht erreichen. Die rückläufige Frühpensionierungsquote ist eher auf die erweiterten Möglichkeiten für den Rentenübergang oder auch auf eine zunehmende Knappheit (qualifizierter) Arbeitskräfte zurückzuführen.

 

Deutet der Wunsch der jüngeren Generation auf mehr Selbstbestimmung auch auf eine höhere Bereitschaft hin, später mit weniger Rente auszukommen?

S. L.-W.: In ihrem Erwerbsverlauf lässt sich feststellen, dass sie nicht unmittelbar eine dauerhafte Erwerbskarriere anstreben, sondern gezielt Auszeiten einplanen, in denen sie sich auch mit weniger Lohn zufrieden geben. Oder Paare teilen sich Familien- und Erwerbsarbeit, was zu einem geringeren Einkommen führen kann. Solche Erwerbsunterbrüche und tiefere Einkommen durch Teilzeitarbeit führen zu tieferen Rentenleistungen vor allem aus der zweiten Säule. Ob diese Konsequenzen wirklich billigend in Kauf genommen werden oder einfach im jüngeren Alter noch nicht so wichtig sind, lässt sich schwer beurteilen.  

 

Welche Unterschiede lassen sich zwischen Selbstständigerwerbenden und Angestellten feststellen?

S. L.-W.: Arbeitnehmende sind ein Jahr vor dem ordentlichen Rentenalter bereits dreimal häufiger in Frühpension als Selbständigerwerbende. Grosse Unterschiede bestehen diesbezüglich zwischen den Wirtschaftszweigen. Am höchsten ist die Frühpensionierungsquote in der Finanz- und Versicherungsbranche, am tiefsten im Bereich «Kunst, Unterhaltung und sonstige Dienstleistungen».

 

Welche Tendenzen stellen sie bei den Personenzahlen fest, die in einem ersten Schritt den Beschäftigungsgrad senken? Also faktisch schon das Leben eines Frühpensionierten führen, während sie daneben noch kleinere Arbeitseinsätze leisten?

S. L.-W.: Von drastischen Änderungen kann nicht gesprochen werden. Das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt bewegt sich seit langem zwischen 63 und 66 Jahren – je nachdem, wie man diesen Übergang definiert. Die Altersteilzeit hat noch keine grosse Verbreitung gefunden. Viele Reglemente von Pensionskassen oder interne Richtlinien von Unternehmen bieten wenig flexible Möglichkeiten zum Rentenübergang an. Hier sind durchaus weitere Flexibilisierungen wünschbar und dank Digitalisierung auch machbar. Die Erwerbstätigenstatistiken zeigen aber auch, dass der Beschäftigungsgrad ab 60 Jahren sinkt und der Anteil Selbständiger an den Erwerbstätigen zunimmt. Es ist jedoch noch kaum erforscht, ob dieser selbständige Erwerb in der gleichen Branche stattfindet oder ob sich Personen nach Aufgabe des Haupterwerbs nochmals neu orientieren.

 

Pensionsberater der Raiffeisen antizipieren, dass Frühpensionierung aufgrund der Corona-Folgen im Arbeitsmarkt bald eine grössere Rolle spielen wird, um Entlassungen zu umgehen. Ist vorstellbar, dass Arbeitgeber stärker als früher Angestellten die Frühpensionierung nahelegen?

S. L.-W.: Diese Folge der Pandemie ist schwierig einzuschätzen. Belastbare Zahlen liegen noch keine vor und sind frühestens nächstes Jahr zu erwarten. Vermutlich dauert es noch länger, bis ein statistischer Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Corona-Folgen und den Frühpensionierungen sichtbar wird. Allerdings sind in konjunkturell schwierigen Zeiten Frühpensionierungen zumindest eine Variante, um Personalkosten einzusparen. Erholt sich die Wirtschaft dagegen rasch, dürfte eher die Frage der Qualifikation im Vordergrund stehen. 

Sabina Littmann-Wernli
Sabina Littmann-Wernli, Leiterin Ressort Forschung und Evaluation im Bundesamt für Sozialversicherungen BFS.