Anlagewissen einfach erklärt

Erfolgreich Anlegen im Negativzinsumfeld

Das anhaltende Tiefzinsumfeld hat die Rendite auf risikolosen Anlagemöglichkeiten wie dem Sparkonto oder Schweizer Staatsanleihen praktisch verschwinden lassen. Wer mit seinem Geld trotz Negativzinsen etwas verdienen will, muss heute anlegen. Ansehnliche Renditechancen öffnen sich dabei selbst für jene, die kein übermässiges Risiko auf sich nehmen wollen.

Trotz Negativzinsen mit wenig Risiko anlegen

Was bekommt man für sein Geld? Liegt es auf dem Sparkonto, wirft es derzeit so gut wie nichts ab. Aber auch einst als risikolos gepriesene Anlagemöglichkeiten sind durch die tiefen Zinsen verschwunden. Erhielt man beispielsweise auf Kassenobligationen vor der Finanzkrise 2009 gut und gerne 2 bis 3 Prozent Zins und zur Jahrtausendwende sogar über 4 Prozent, rentieren diese nun nicht mehr. Zurückzuführen ist dies auf die Notenbanken, die über die letzten Jahre hinweg die Zinsen auf äusserst tiefem Niveau hielten oder sogar Negativzinsen einführten, so auch die Schweizerische Nationalbank SNB. Aber auch die Europäische Zentralbank EZB erhob vor fünf Jahren erstmals Negativzinsen auf freiwillige Einlagen von Banken, und auch Deutsche Bundesanleihen notieren heute negativ. Wer also will, dass das eigene Geld auch in der gegenwärtigen Tiefzinsphase etwas abwirft, der muss es aktiv anlegen.

Rendite der Schweizer Staatsanleihen, nach Laufzeit

Rendite auf Schweizer Staatsanleihen, nach Laufzeit

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Investment Office

Anlagen, die auch im gegenwärtigen Tiefzinsumfeld zu einem Vermögenszuwachs beitragen, sind übrigens keineswegs mit übermässigen Risiken verbunden. Natürlich: Im Vergleich zu den «Eidgenossen», also den Obligationen der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die gemeinhin als absolut risikolos gelten, ist das Risiko höher. Es bleibt aber selbst für eher vorsichtig agierende und risikoscheue Anleger überschaubar, wenn die drei nachfolgenden Aspekte berücksichtigt werden.

  

1. Weniger Risiko dank Diversifikation

Zuerst ist eine optimale Diversifikation der Anlagen wichtig. Konkret geht es darum, die unterschiedlichen Risiken, die man mit seinen Anlagen eingeht, aufeinander abzustimmen, so dass keine Klumpenrisiken im Portfolio entstehen. Beispielsweise ist es ratsam, trotz gegenwärtig guter Renditen bei Aktien nicht alles Geld am Aktienmarkt zu investieren. Denn bei allfälligen Rückschlägen an den Märkten würde man so zu hart getroffen. Dagegen erscheint eine Aufsplittung der Investments in Aktien- und Immobilienfonds als sinnvoll, da der Immobilienmarkt sich grösstenteils unabhängig vom Aktienmarkt entwickelt. Oder wer neben Aktien auch Anleihen kauft, wird davon profitieren, dass diese beiden Anlageklassen sich oft gegenläufig entwickeln, sprich die eine Anlageklasse möglicherweise auftretende Verluste der anderen aufzufangen vermag.

Für Unternehmer gilt: Achtung, Klumpenrisiko!

Wenn Sie als Unternehmer Ihr Geld anlegen, dürfen Sie nicht vergessen, dass ein Teil Ihres Vermögens – oft sogar ein erheblicher – in Ihrem Unternehmen gebunden ist. Vom Gewinn- und Verlustrisiko her betrachtet ist dieser Teil des Vermögens mit Aktienanlagen zu vergleichen. Entsprechend müssen bei der Diversifikation der Privatanlagen auch die Risiken miteinbezogen werden, denen das Unternehmen ausgesetzt ist. Beispielsweise sind Anlagen in die gleiche Branche, in denen die eigene Firma tätig ist, wenig empfehlenswert. Oder wenn der Wert der Firma stark durch deren Geschäftsliegenschaft beeinflusst ist, tut der Firmenbesitzer gut daran, sich nicht auch noch bei den übrigen Anlagen stark den Veränderungen des Immobilienmarktes auszusetzen.

    

2. Realistische Renditeerwartungen formulieren

Wichtig sind aber auch die Renditeerwartungen. Diese müssen moderater ausfallen als früher. Als Vergleichswert soll man nicht darauf achten, welche Renditen in der Vergangenheit erzielt wurden. Vor zehn Jahren waren jährlich 4, 5 oder gar 6 Prozent Gewinn selbst bei einem Portfolio mit nur geringen Risiken normal. Damals waren aber auch die von den Notenbanken geprägten Rahmenbedingungen andere. Als Referenzwert besser geeignet sind dagegen die Renditen auf absolut risikolose Anlagen wie Schweizer Staatsanleihen. Und diese sind aktuell immer noch negativ.

Entwicklung der durchschnittlichen Renditen von für Pensionskassen typische «risikoarme» Anlageportfolios 

Jährliche Renditen auf für Pensionskassen typische Anlageportfolios mit 25 Prozent und 40 Prozent Aktienanteilen, Pictet LLP 2005-25 plus und Pictet LLP 2005-40 plus

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Investment Office

«Vielleicht 2,5 Prozent oder 3 Prozent dürfen bei einem ausgewogenen Portfolio mit moderatem Risiko heute erwartetet werden, sicherlich aber nicht mehr», sagt auch Matthias Geissbühler, der Anlagechef der Raiffeisen Gruppe. Zudem müsse man sich bewusst sein, dass es Schwankungen gibt. «Eventuell sind die Renditen in einzelnen Jahren deutlich besser, dafür in anderen Jahren schlechter oder kurzfristig gar negativ».

  

3. Anlagehorizont bewusst weit setzen

Als Anleger muss man also auch mit kurzfristigen Rückschlägen umgehen können und Verlustphasen bestenfalls aussitzen können. Möglich ist dies jedoch nur, wenn der Anlagehorizont ausreichend weit ist. Der dritte Aspekt, der daher entscheidend ist, um im Tiefzinsumfeld ohne grosse Risiken Renditechancen zu nutzen, ist daher die Zeit. Man sollte das angelegte Geld für einige Jahre entbehren können. Muss es nämlich jederzeit verfügbar sein, läuft man Gefahr, die Anlagen zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen.

Gut zu wissen: Was sind Negativzinsen und weshalb gibt es sie?

Zinsen sind gewissermassen der Preis, den Banken oder auch Anleger bezahlen müssen, um Geld deponieren zu können, ohne dabei ein Risiko einzugehen. Für Zentralbanken sind sie ein geldpolitisches Werkzeug, um insbesondere die Inflation (die Teuerung des Geldes) zu steuern. Im heutigen Negativzinsenumfeld bezahlt also die Geschäftsbank der Zentralbank Geld, wenn sie ihr Geld dort deponiert. Die Zentralbank probiert damit Geschäftsbanken zu animieren, mehr Kredite zu vergeben. Aus diesem Grund hat die Europäische Zentralbank (EZB) 2014 Negativzinsen auf freiwillige Einlagen von Banken eingeführt. Anders ist die Situation in der Schweiz: Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) Ende 2014 ebenfalls Negativzinsen ankündigte, stand der Franken enorm unter Druck. Mit den Negativzinsen auf Bankeinlagen vergrösserte die SNB die Zinsdifferenz zum Euro-Raum und den USA wieder. Sprich: Mit den tieferen Zinsen sorgte sie dafür, dass der Franken im Vergleich zum Euro und Dollar an Attraktivität einbüsste.

Allerdings ist die SNB gefangen: Solange die EZB und die US-Notenbank Fed ihre Zinsen auf tiefem Niveau belassen, kann die SNB die Zinsen nicht wieder erhöhen. Ausser sie würde eine Erstarkung des Frankens in Kauf nehmen. So zahlten die Schweizer Banken seit 2015 bis Ende 2018 beinahe 6.3 Milliarden Franken negative Zinsen an die SNB. Aber der Negativzins stellt nicht nur für Banken eine Belastung dar. Da sich das Niveau der Zinsen für Staatsanleihen, Geschäfts- und Privatkredite sowie für Bankguthaben mehr oder weniger analog zu den Zentralbankzinsen entwickelt, wirkt sich die Tief- und Negativzinspolitik der Notenbanken auch darauf aus, wie hoch die Renditen von risikoarmen Anlagen sind.  

Anlageklassen und ihr Risiko unter Negativzinsen

Welche Anlageklassen kommen im Tiefzinsumfeld denn nun überhaupt in Frage, ohne ein zu grosses Risiko einzugehen? Eigentlich keine, die man nicht schon kennt. «Eine wichtige Rolle im Portfolio spielen definitiv Aktien und Immobilien», erklärt Matthias Geissbühler. Wobei der Raiffeisen-Anlagechef empfiehlt, bei der Ausgestaltung des Aktienportfolios den Fokus auf die Qualität und Stabilität der Anlagen zu legen und auf Dividendenerträge zu achten. Bei Immobilien wiederum rät Geissbühler zu Fonds. «Bei diesen kann immer noch mit einer jährlichen Ausschüttungsrendite von 2,5 Prozent gerechnet werden.» Doch selbst Obligationen, die derzeit negative Renditen aufweisen, würde der Chief Investment Officer der Raiffeisen nicht einfach links liegen lassen. Sie können nämlich als Absicherung für den Fall der Fälle dienen, dass die Notenbanken die Zinsen bei einer Rezession noch stärker senken.

Aktien: Gute Wahl sind defensive Titel mit Dividenden

Aktien dürften weiterhin davon profitieren, dass durch die aktuelle Politik der Notenbanken Geld im Überfluss vorhanden ist. Eher vorsichtige Anleger setzen dabei am besten auf defensive Titel, das heisst auf Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsgang nur bedingt vom Konjunkturverlauf abhängen und bei denen sich der Wertverlust auch bei einem wirtschaftlichen Abschwung in Grenzen halten würde. «Aktien aus dem Nahrungsmittel- oder Gesundheitsbereich eignen sich beispielsweise gut für eher defensive Portfolios», erklärt Matthias Geissbühler. Er empfiehlt zudem einen Fokus auf die Dividende zu legen.

  

Obligationen: Könnten Rückschlag bei Rezession auffangen

Eigentlich sind Obligationen aufgrund der aktuellen Zinssituation höchst unattraktiv. Zumindest auf den ersten Blick. Denn sichere Obligationenanlagen, seien es Staatsanleihen von Ländern wie der Schweiz und Deutschland, aber auch viele Unternehmensanleihen, weisen eine negative Rendite auf. Jedoch ist dies ist nur eine Perspektive. Obligationen können nämlich auch als Schutz vor einer Rezession dienen. Zwar geht man beim Investment Office der Raiffeisen nicht von einem Szenario einer baldigen Rezession aus. Träte der Fall aber dennoch ein und würden die Notenbanken dann die Zinsen sogar noch weiter senken, dann wäre man als Anleger mit Obligationen gut bedient. Denn deren Kurse stiegen in einem solchen Fall.

Immobilienfonds: Bieten Sicherheit und regelmässigen Ertrag

«Immobilien sind jenes Segment, das kaum grosse Einbussen erleiden dürfte, solange die Zinsen sich auf einem tiefen Niveau bewegen», sagt Raiffeisen-CIO Matthias Geissbühler. Privatanleger, denen eine Diversifikation des Portfolios wichtig ist, können in Immobilienfonds investieren. Mit diesen nimmt man im gegenwärtigen Zinsumfeld – selbst wenn die Schweizerische Nationalbank regelmässig vor einer Immobilienblase warnt – keine grossen Risiken auf sich. Dafür kann man aber von jährlichen Ausschüttungen auf seinem Kapital profitieren.

  

Gold: Die sichere «Währung»

Anders als bei praktisch jeder Währung besteht beim Edelmetall nicht die Gefahr, dass es aufgrund der grossen verfügbaren Menge an Wert einbüsst. Im Gegenteil: Gold dürfte seinem Ruf als wertsichernde Anlagemöglichkeit weiter gerecht werden. «Die unverändert tiefen Opportunitätskosten sprechen gar für einen weiter steigenden Goldpreis», erklärt Matthias Geissbühler. Sprich: Weil Investitionen in diverse andere Anlageklassen auch nichts einbringen, stört es den Anleger auch nicht, dass Anlagen auf Gold keinen laufenden Ertrag einbringen.