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23.06.2026

Eine Unternehmerin ihrer Zeit voraus: Cleophea Pestalozzi von Orelli und die neue Sicht auf unsichtbare Pionierinnen

: Cleophea Pestalozzi von Orelli


Die Gesellschaft zu Fraumünster ist seit 1989 fester Bestandteil des Zürcher Kulturlebens und knüpft an die Tradition der Äbtissinnen des Fraumünsters an. Sie organisiert Rundgänge zu historischen Frauenbiografien, würdigt Zürcher Frauenpersönlichkeiten an ihren Wirkungsorten, führt das Zürcher Ehrenbuch für Frauen und veranstaltet das Münsterhof-Spectaculum. Der Verein zählt 75 Mitglieder, vertreten durch einen neunköpfigen Vorstand sowie die Hohe Fraumünster-Frau Claudia Hollenstein. Jährlich wird unter der Leitung von Andrea Spörri eine historische Frauenfigur ins Zentrum gestellt und am Sechseläuten geehrt – eine mittlerweile etablierte Tradition des Zürcher Frühlingsfests.

2026 steht Cleophea Pestalozzi‑von Orelli (1750–1820) im Fokus. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns übernahm sie 1802 das Seidenhandels- und Bankhaus „Pestalozzi im Thalhof“ und führte es erfolgreich durch wirtschaftlich schwierige Zeiten. Sie reduzierte risikoreiche Auslandsgeschäfte und richtete den Fokus auf stabilere Märkte sowie bankähnliche Tätigkeiten wie Kreditvergabe und Wechselhandel. Als eine der wenigen Frauen in einer solchen Position zeigt ihre Biografie, wie früh Frauen in Zürich wirtschaftliche Verantwortung übernahmen – ein Anlass, ihre Rolle mit Edith Werffeli, Kulturbeauftragte der Gesellschaft zu Fraumünster und Anthropologin, heute neu zu reflektieren.

Mit welchem Blick betrachten Sie als Anthropologin historische Frauenfiguren wie Cleophea Pestalozzi‑von Orelli?

Ich betrachte die Biografie von Cleophea Pestalozzi-von Orelli als sichtbares Beispiel einer Unternehmerinnengeschichte des 18. Jahrhunderts, die schriftlich überliefert und heute noch nachvollziehbar ist. Sie zeigt eine Frau, die sich aktiv um Finanzen, Handel und unternehmerische Entscheidungen kümmerte. Für mich ist ihre Geschichte wie ein Lichtkegel auf eine sonst oft unsichtbare weibliche Wirtschaftsgeschichte.

Welche gesellschaftlichen und kulturellen Vorstellungen prägten damals die Rolle von Frauen im wirtschaftlichen Leben?

Die Zeit um 1800 war stark von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Mit der Französischen Revolution von 1789 veränderten sich auch in der Schweiz Handel, Grenzen und gesellschaftliche Ordnungen. Solche Übergangszeiten schaffen Unsicherheit und Kontroversen, öffnen aber gleichzeitig neue Handlungsspielräume. Dies nutzte Pestalozzi-von Orelli erfolgreich und agierte strategisch und innovativ, trotzt strukturellen Einschränkungen. Als Frau hatte sie weder politische Rechte noch selbstverständlichen Zugang zu Bildung, Netzwerken oder wirtschaftlicher Selbstbestimmung.

Wie aussergewöhnlich war es um 1800, dass eine Frau ein Bank‑ und Handelshaus nicht nur übernahm, sondern strategisch neu ausrichtete?

Um 1800 war dies aussergewöhnlich. Gerade Witwen verfügten jedoch über mehr Handlungsspielraum als verheiratete Frauen, da sie Unternehmen weiterführen und Verträge abschliessen konnten. Diese gesellschaftliche Lücke nutzte Pestalozzi-von Orelli mit wirtschaftlichem Wissen und strategischem Gespür. Sie reagierte auf den Wandel der Zeit nicht nur verwaltend, sondern unternehmerisch und innovativ.

Cleophea band den Geschäftsführer und später ihre Neffen durch Beteiligung ein: Wie strategisch klug war diese Form von geteiltem Unternehmertum in einer Zeit von formellen Ausschlüssen der Frauen?

Dies lässt sich nicht abschliessend beantworten, da keine direkten Aussagen von Pestalozzi – von Orelli dazu überliefert sind. Strategisch war es jedoch sicher klug, Wissen, Kapital und Einfluss innerhalb der Familie zu halten und gleichzeitig männliche Familienmitglieder einzubinden, ohne die Handlungsfähigkeit von Pestalozzi – von Orelli einzuschränken.

Wo sehen Sie Parallelen zwischen Cleopheas Zeit und heutigen Verhaltensweisen von Frauen im Umgang mit Finanzen?

Parallelen sehe ich vor allem in den langfristigen kulturellen Auswirkungen von Zugang und Ausschluss. Für Frauen war es lange schwierig, Vermögen aufzubauen. Unternehmen und langfristige Vermögenswerte wie Land wurden meist an Söhne vererbt. Eigentum, Kredite oder finanzielle Unabhängigkeit waren für Frauen oft nur eingeschränkt möglich. Diese Erfahrungen prägten über Generationen einen nachhaltigen Umgang mit Geld.

Welche kulturellen Prägungen beeinflussen aus Ihrer Sicht das Finanz- und Investitionsverhalten von Frauen bis heute?

In der Schweiz wurde verheirateten Frauen erst mit der rechtlichen Gleichstellung 1988 ermöglicht, selbstständig ein Bankkonto zu eröffnen und eigenständig über finanzielle Mittel zu verfügen. Aus dieser Sicht ist weibliche finanzielle Selbstbestimmung also sehr jung. Solche gesellschaftlichen Erfahrungen prägen den Umgang mit Risiko, Sicherheit sowie Vermögensaufbau bis heute.

Wenn Sie Cleopheas Geschichte in einem Satz auf die heutige Zeit übertragen müssten: Was wäre aus Ihrer Sicht die wichtigste Lehre für Frauen im Umgang mit Geld?

Mut zahlt sich aus.

Cleopheas Geschichte zeigt nicht nur historische Entwicklungen auf, sondern berührt auch aktuelle Fragen der finanziellen Selbstbestimmung. Mit Raiffeisen WOMEN möchten wir Frauen ermutigen, finanzielle Entscheidungen selbstbewusst zu fällen und sich aktiv um ihre Finanzen zu kümmern. Denn finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht es in jeder Lebensphase selbstbestimmt zu entscheiden.
 

Edith Werffeli

Edith Werffeli, Kulturbeauftragte der Gesellschaft zu Fraumünster und Anthropologist MA UZH

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