Der Eigenmietwert ist besser als sein Ruf

Auf den ersten Blick ist es klar: Die Besteuerung des Eigenmietwerts ist unbeliebt, und es gibt daher seit Jahrzehnten immer wieder Bestrebungen, ihn abzuschaffen. Die Besteuerung ist zudem international fast einzigartig, was naturgemäss verunsichert.

Gastbeitrag: Gerhard Schwarz

Die Besteuerung durch den Eigenmietwert ist international fast einzigartig, was naturgemäss verunsichert. Die Besteuerung wirkt zudem «künstlich», weil nicht ein Geldfluss, also das, was man normalerweise unter einem Einkommen versteht, besteuert wird, sondern das Wohnen im eigenen Haus, der eigenen Wohnung. Das soll mal jemand verstehen. Trotzdem wird hier versucht, das schweizerische Unikum Eigenmietwertbesteuerung zu erklären. Steuersystematisch und ökonomisch spricht nämlich mehr für als gegen sie. Ihre Abschaffung würde den Hauseigentümern zwar nützen, wäre aber unfair gegenüber jenen, die ihr Geld anders investiert haben. Sie würde zur Forderung führen, dass man Mietausgaben von den Steuern abziehen darf, und sie würde den Druck, die Steuerausfälle anderweitig zu kompensieren, erhöhen.

 

Naturaleinkommen ist real, nicht fiktiv

eigenmietwert

Der Eigenwert geniesst nicht den besten Ruf - doch ist dieser berechtigt?

Das zentrale Argument für diese Besteuerung lautet, dass es sich beim Wohnen in den eigenen vier Wänden um ein Naturaleinkommen handelt. In der Schweiz wird im Prinzip nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit besteuert: Wer leistungsfähiger ist, wird progressiv, überproportional stärker besteuert. Und ein Naturaleinkommen erhöht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ebenso wie monetäres Einkommen. Naturaleinkommen ist auch alles andere als fiktiv oder erdichtet; es ist sehr real. 

Das ist alles einfach zu verstehen, aber schwer zu verkaufen. Wer gemäss seinem Arbeitsvertrag freie Kost und Logis erhält oder das Firmenauto privat nutzen darf, muss diese Naturaleinkommen selbstverständlich versteuern. Es würde ihm kaum einfallen zu behaupten, das Einkommen sei fiktiv; er erlebt am eigenen Leib, dass die Naturalleistung seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit genauso mehrt wie ein höherer Lohn, aus dem er die Miete einer Wohnung bzw. die Ausgaben für Essen oder für Mobilität finanzieren würde. 

 

Abschaffung des Eigenmietwerts schafft neue Ungerechtigkeit

Diese Überlegungen gelten auch für andere langlebige Güter zwischen Konsum und Investition. Wer ein Auto, eine Jacht oder ein Reitpferd besitzt, bezieht daraus Naturaleinkommen. Steuersystematisch müsste man diese also ebenfalls erfassen. Aus praktischen Gründen konzentriert man sich aber auf das Naturaleinkommen, das gemessen am Gesamteinkommen in der Regel bedeutsam und das zudem weit verbreitet ist. Die Moral von der Geschichte: Der Versuch, mit Steuerpolitik eine Form von Gerechtigkeit zu erreichen, schafft meist neue Ungerechtigkeiten und macht alles komplizierter. Am Schluss muss man zwischen zwei schlechten Lösungen wählen: die Eigenmietwertbesteuerung ist die weniger schlechte.

Natürlich erhöht nur das Nettoeinkommen und nicht das Bruttoeinkommen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Da man in jedem Betrieb Gewinnungskosten abziehen kann, etwa Schuldzinsen für einen Bankkredit, verlangt die Steuerlogik, dass man im Fall einer selbstgenutzten Immobilie Hypothekarzinsen und Unterhaltskosten abziehen darf. Das entspricht dem Abzug der Berufsauslagen bei der Ermittlung des steuerbaren Einkommens aus einer Anstellung. 

 

Auch Aktiensparen wird besteuert

Oft wird behauptet, es sei etwas anderes, ob man ein Einkommen von einem Arbeitgeber beziehe, oder Nutzen aus einer Wohnung ziehe, für deren Erwerb man mühsam Jahr für Jahr vom – bereits versteuerten – monetären Einkommen Geld zur Seite gelegt habe. Nach dieser Logik müsste man aber ebenso die Besteuerung von Dividenden auf Aktien unterlassen, deren Erwerb man aus Ersparnissen finanziert hat. In beiden Fällen stellt sich der Sparer besser, als wenn er sein Einkommen seinerzeit verjubelt hätte.

Im einem Fall fallen für ihn kaum Wohnkosten an, sodass ihm ein höherer Teil seines Lohns oder seiner Rente bleibt, um den sonstigen Konsum zu finanzieren. Im anderen Fall kann er aus den Wertpapier-Erträgen seine Miete finanzieren, sodass ihm mehr Mittel für Konsum (Reisen, Kleider, Kultur etc.) bleiben, oder er kann die Erträge direkt für Konsum verwenden. Wenn man nur Wertpapiererträge, nicht aber Naturaleinkommen aus selbstbewohntem Wohneigentum besteuert, privilegiert man das Sparen mittels Hauskauf gegenüber dem Wertpapier-Sparen. Das sollte der Staat nicht tun. 

 

Statt den Eigenmietwert zu attackieren, muss man sich eher fragen, ob der Staat tatsächlich ein und dasselbe Geld mehrfach besteuern sollte, nämlich zuerst, wenn ein Einkommen erzielt wird (Einkommenssteuer), dann, wenn es konsumiert oder gespart wird (Mehrwertsteuer, Vermögenssteuer) und dann vielleicht noch einmal, wenn es verschenkt oder vererbt wird (Erbschaftssteuer). Doch das ist ein anderes Kapitel. Der Eigenmietwert bringt jedenfalls keine Mehrfachbesteuerung.

 

Im Ausland mehr Sympathie für Wohneigentum

Der Eigenmietwert ist nichts anderes als der tagtäglich anfallende reale Ertrag aus einer Investition in ein Eigenheim, und Erträge aus Investitionen werden normalerweise besteuert. 

 

Dass dies im Ausland kaum der Fall ist, hat weniger mit Logik zu tun, als vielmehr mit Sympathie für den Erwerb von Wohneigentum und mit politischem Opportunismus angesichts einer starken Lobby der Eigenheimbesitzer. 

 

 

 

Zum Gastautor

Gastautor Gerhard Schwarz

Gerhard Schwarz (68) ist Publizist und Präsident der Progress Foundation. Von 1981 bis 2010 war er als Korrespondent, Leiter der Wirtschaftsredaktion und stellvertretender Chefredaktor für die NZZ tätig. Von 2010 bis 2016 war er Direktor der Denkwerkstatt Avenir Suisse.

 

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