Kristallin

In Flims hat die Architektin Dominique Meier für eine fünfköpfige Familie ein ideales Heim erschaffen – flexibel, weitsichtig und fest am Ort verankert.

Bereits einige Jahre hatte das Paar mit drei schulpflichtigen Kindern ein geeignetes Grundstück im bündnerischen Flims gesucht, um seine Vision eines für sie geeigneten Familiendomizils zu realisieren. Schliesslich wurden die beiden fündig in einer Parzelle im unteren Dorfteil, deren Qualitäten nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Die Parzelle hat einerseits eine Pendenz von total zwölf Höhenmetern gegen Südosten, und die Aussicht zum imposanten Flimserstein liegt Richtung Norden, also gegen die Sonneneinstrahlung. «Diese zwei Tatsachen galt es in das Projekt zu integrieren», erläutert die Architektin, «ausserdem hatte die Bauherrschaft ein ziemlich grosses Raumprogramm im Kopf.»

 

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  • Einschnitte öffnen das kristallförmige Volumen und richten es auf seine Umgebung aus.
  • Dominique Meier schrieb der Parzelle im Grundriss ein möglichst maximales Vieleck ein...
  • ...dessen Umrisse das Dach heute noch kennzeichnet.
  • Dann wurde gegen Südosten und gegen Norden die Fassade so eingeschnitten, dass die jeweiligen Aussichten optimal ins Visier genommen werden konnten.
  • Das Dach ist auf drei Seiten geneigt und spitzt sich zu einem Zentrum zu. So entsteht die Form eines unregelmässigen Bergkristalls der optimal auf seine Umgebung Bezug nimmt und dadurch fest am Ort verankert ist.
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    Innere Raumqualitäten

    Der Weg durch die drei Geschosse enthüllt eine Abfolge verschiedener räumlicher Qualitäten. Die Grösse der Räume und deren Anordnung tragen den unterschiedlichen Funktionen der Geschosse Rechnung. Im Erdgeschoss umschliessen die Wände private Kammern, die im Moment die Schlafzimmer der Kinder beherbergen. Diese Kammern könnten später jedoch auch aufgelöst werden, sodass eine vom Vorplatz separat erschlossene Einliegerwohnung realisiert werden könnte.

    Eine fliessende Abfolge durch unterschiedliche Räume prägt das mittlere Geschoss. Eine betonierte Wand trennt die privaten von den eher öffentlichen Räumen, will heissen, den Masterbedroom mit Büro, Ankleide und Bad vom Gästezimmerbereich und dem grosszügigen Entrée.

    Seinen Abschluss findet das räumliche Gefüge im Dachgeschoss mit einem offenen Raum, der durch das spitzzulaufende, prismenförmige Dach und die plastische geformte Betonwand in Bereiche mit unterschiedlichen Atmosphären gegliedert wird. Von hier aus kann man rundum das herrliche Bergpanorama geniessen und hat doch nicht das Gefühl, ausgestellt zu sein. Im Rücken der strukturellen Betonwand, die zusammen mit der Treppe ins Dachgeschoss führt, befindet sich die Bibliothek, eine moderne Arvenstube. 

     

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    • Das prismaförmige Dach und die plastisch geformte Betonwand gliedern den offenen Raum in unterschiedliche Bereiche.
    • Das Entrée ist grosszügig bemessen. Die Betonwand trennt den privaten vom öffentlichen Bereich ab.
    • Die Rauheit des Betons verleiht dem Innenraum eine skulpturale Wirkung. (Hängeleuchten: Bocci; Sternleuchte: Sputnik)
    • Die Bibliothek aus Arvenholz versteht sich als zeitgemässes Pendant zur traditionellen Bauernstube.
    • Das Dach zieht sich vom Innen- in den Aussenraum fort. (Küche und Leuchten: Vipp)
    • Einbauten aus Seekiefernholz und glänzend glasierte Keramikfliesen setzen einzelne, punktuelle Akzente.
    • Das Elternbad kann von zwei Seiten betreten werden. So entsteht eine Raumenfilade. (Armaturen: Dornbracht)
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      Äussere Einfügung

      Die Nutzungsflexibilität der Räume war ein wichtiger Aspekt des Entwurfs. Dies widerspiegelt sich auch in der Materialisierung. Die Atmosphäre im Innern des Gebäudes ist geprägt durch wenige auserlesene, naturbelassene Materialien, wie Beton, Hartbetonboden und Kalkputz. Einbauten aus Seekiefernholz und glänzend glasierte Keramikfliesen setzen im Haus einzelne punktuelle Akzente.

      Die hohe Akzeptanz des Hauses in der Nachbarschaft zeigt ausserdem, dass es gelingt, auch mit neuen, modernen Materialien und Formgebungen etwas zu errichten, das sich bestens in die bestehende Umgebung einfügt. Ein Aspekt bildet dabei die besondere Holzfassade, die von rauen, nach der japanischen Technik «Sou Sugi Ban» vorverkohlten Holzlatten eingehüllt ist. Dies erinnert an alte Scheunen, die, von Sonne und Wind gegerbt, fast schwarz erscheinen. Die volumetrischen Schnitte des Hauses sind aber in der vorgehängten Fassade präzise gesetzt und ausgearbeitet worden. So wirkt der Bau trotz Holzfassade scharfkantig und kristallin, was ihm eine starke Präsenz verleiht.

       

      Das raue vorverkohlte Holz (Sou Sugi Ban) der Fassade bildet einen starken Kontrast zu den flächigen strukturellen Öffnungen. Die Fassadenschnitte sind präzise gesetzt und minutiös ausgeführt.

      Das raue vorverkohlte Holz (Sou Sugi Ban) der Fassade bildet einen starken Kontrast zu den flächigen strukturellen Öffnungen. Die Fassadenschnitte sind präzise gesetzt und minutiös ausgeführt.

      Text: Anita Simeon Lutz

      Fotos: Lukas Murer Fotoarbeiten

      Ein Beitrag von metermagazin.com für RaiffeisenCasa