Raiffeisen Nachfolgestudie zur Unternehmensübergabe

Die Unternehmensübergabe ist kein Projekt wie jedes andere

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Unvermeidlich muss sich jeder Unternehmer irgendwann mit seiner Nachfolge auseinandersetzen. Welche persönlichen Herausforderungen das mit sich bringt, hat Raiffeisen mit einer qualitativen Studie erforscht. Hier lesen Sie die sechs wichtigsten Erkenntnisse.

 

1. Der Übergabeprozess ist eine emotionale Herausforderung

Nüchtern und rational: Unternehmer gehen die Nachfolge an wie ein reguläres Projekt. Sie formulieren ein klares Ziel und planen ihr Vorgehen, haben konkrete Vorstellungen vom Verkaufspreis und den Eigenschaften, die der Nachfolger mit sich bringen muss. Doch die Regelung der Nachfolge ist kein Projekt wie jedes andere. Es sind Menschen betroffen, die dem Unternehmer am Herzen liegen – Familie, Mitarbeitende, Geschäftspartner –, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen. Zudem geht es um die eigene Zukunft und den erfolgreichen Fortbestand des Lebenswerks. Der rational aufgegleiste Nachfolgeprozess wird so mehr und mehr zur emotionalen Herausforderung und kann in kompletter Überforderung münden. Diese Entwicklung stellt sich meist schleichend ein und Unternehmer sind darauf in der Regel auch nicht vorbereitet. Sie versuchen, mit Einzelmassnahmen die Kontrolle über den Prozess zurück zu erlangen, merken aber, dass dies sehr schwierig ist.

 

Das Thema Nachfolge bringt viele persönliche Herausforderungen mit sich.

2. Unternehmer suchen nach ihrem «Spiegelbild»

Viele Unternehmer haben das Gefühl, dass sie nur den richtigen Nachfolger finden müssen und sich der Rest der Firmenübergabe dann von selbst ergibt. Doch die Suche erweist sich oft als schwieriger als zuerst angenommen. Denn bewusst oder unbewusst suchen Unternehmer nach ihrem eigenen «Spiegelbild»: Der Nachfolger soll nicht nur den Betrieb übernehmen, sondern auch die gleiche Persönlichkeit haben wie sein Vorgänger, einen ähnlichen Führungsstil pflegen und etablierte Strukturen beibehalten – und dabei am besten «die Erfahrung eines 60-Jährigen und die Energie eines 30-Jährigen» mitbringen. Die Erwartungen sind so hoch, dass kaum ein Kandidat sie vollumfänglich erfüllen kann, Enttäuschungen sind damit vorprogrammiert.

 

3. «Allen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann»

Unternehmer sehen sich mit den unterschiedlichsten Erwartungen konfrontiert, wie die Nachfolge geregelt werden soll. Nicht nur die Familie ist betroffen, sondern auch Mitarbeitende, Kunden und Geschäftspartner. Unternehmer wollen es den involvierten Personen, insbesondere den Familienmitgliedern, recht machen und sicherstellen, dass niemand zu kurz kommt. Auch den Mitarbeitenden gegenüber haben Chefs grosse Verantwortungsgefühle. Sie wollen rechtzeitig Transparenz schaffen, aber nicht voreilig Unruhe stiften und für Unmut sorgen – und halten Informationen daher eher zurück. Unternehmer müssen sich im Laufe des Prozesses eingestehen, dass es die perfekte Lösung nicht gibt und sie es nicht allen recht machen können.

 

4. Der Verkaufspreis verliert im Verlaufe des Prozesses an Wichtigkeit

Zu Beginn eines Nachfolgeprozesses ist der finanzielle Aspekt der Unternehmensübergabe relativ zentral – er gehört zu den rationalen Kriterien, die für Unternehmer anfangs im Zentrum stehen. Sobald mögliche Nachfolger konkret evaluiert werden, verlieren die ökonomischen Faktoren indes zunehmend an Bedeutung. «Ich möchte das Unternehmen nicht gerade verschenken, aber andere Kriterien sind wesentlich wichtiger», sagen sich die Unternehmer.

 

5. Negative Beispiele aus dem Umfeld des Unternehmers verunsichern

Unternehmer tauschen sich untereinander aus – auch wenn es um die Nachfolge geht. Solche Übergabegeschichten aus dem Umfeld können grosse Verunsicherung auslösen. Besonders prägend sind Fälle von Kollegen, die noch immer keinen Nachfolger gefunden haben, ihr Unternehmen an die Konkurrenz verkaufen oder gar ganz aufgeben mussten. Die Option des Verkaufs an externe Dritte – zum Beispiel mit Unterstützung von spezialisierten Vermittlern – kommt für viele Unternehmer zunächst gar nicht infrage. Sie wird nur dann in Betracht gezogen, wenn alle anderen Stricke reissen und in der Familie oder im Management des Unternehmens kein Nachfolger zu finden ist – als letzter Ausweg quasi.

 

6. So gelingt das Loslassen: ein Plan für die Zeit danach

Das Loslassen stellt sich als eine der grössten Herausforderungen der Geschäftsübergabe heraus. Denn viele Unternehmer können den Motor nicht einfach abstellen. Daher muss dem Ablöseprozess genügend Zeit eingeräumt werden. Zu einem geregelten Ablöseprozess gehört der Austausch mit dem Nachfolger – auch über Konflikte und Unstimmigkeiten. Nur wenn diese offen zur Sprache kommen, kann sich ein Gefühl des Abschliessens einstellen. Hauptsächlich aber brauchen Unternehmer einen Plan für die Zeit nach der Übergabe. Ohne eine neue Herausforderung besteht die Gefahr, dass sie in ein Loch fallen, wenn sie plötzlich «nichts» mehr zu tun haben.