Märkte & Meinungen

«2022 dürfte ein schwächeres Börsenjahr werden – umso wichtiger ist die Titelselektion»

Nach der starken Aktienperformance 2021 erwartet Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler eine Rückkehr zur Normalität. Im Interview erklärt er, wie die Pandemie, hohe Inflationsraten sowie anstehende Zinserhöhungen das kommende Finanzjahr prägen werden.

Interview mit Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz

Herr Geissbühler, Die Coronapandemie hat Europa wieder fest im Griff. Die Verunsicherung ist zurück, bereits gibt es neuerliche Einschränkungen im Alltag. Welche Auswirkungen auf die Wirtschaft erwarten Sie? 

Matthias Geissbühler: Mit der neusten Welle sind die Restriktionen zurückgekehrt – und mit ihnen die negativen Folgen für die Konjunktur. Die Massnahmen werden die Entwicklung im laufenden Jahr zwar nicht mehr auf den Kopf stellen, im vierten Quartal erwarten wir aber eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. 

Die Pandemie dürfte auch das kommende Jahr prägen. Was gilt es diesbezüglich zu beachten?

Wir können die Pandemie nicht ad acta legen. Inzwischen lässt sich aber eine gewisse Saisonalität feststellen, mit ruhigeren Phasen im Frühling und Sommer und anspruchsvolleren im Herbst und Winter. Mittel- bis langfristig könnte sie das Verhalten der Leute zudem grundlegend verändern und beispielsweise zu einer erhöhten Sparquote führen. 

Alles in allem sind die konjunkturellen Aussichten für 2022 aber positiv.

Ja, obwohl sich die Dynamik abschwächen dürfte. 2021 wird ein weltweites Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent erwartet, was unter anderem auf die tiefen Vorjahreswerte zurückzuführen ist. Im kommenden Jahr gehen wir von einem Plus von 4 Prozent aus. Was die Schweiz betrifft, so sind wir etwas zurückhaltender als der Konsens der Ökonomen: Wir prognostizieren ein Wachstum von 2,5 Prozent, das Seco beispielsweise hat ein Plus von 3,2 Prozent ausgegeben. 

Neben einer schwächeren Konjunktur bereitet den Leuten die Inflation Sorgen. In den USA lag die Teuerung im November bei 6,8 Prozent, in Deutschland wurde die 5-Prozent-Marke überschritten. Wie besorgniserregend sind diese Daten?

Die jüngsten Zahlen zeigen, dass es sich bei der Inflation nicht um ein temporäres Phänomen handelt. Die Teuerung ist hartnäckig hoch – und sie wird uns noch länger beschäftigen. Hinzu kommt, dass der Lohndruck in den vergangenen Monaten zugenommen hat. Sollte es zu einer Lohn-Preis-Spirale kommen, würde dies die Inflation verstärken.

«Die Teuerung ist hartnäckig hoch – und sie wird uns noch länger beschäftigen.»

Eine Ausnahme bildet die Schweiz. Hier liegt die Inflation nach wie vor unter 1 Prozent. Weshalb?

Der Hauptgrund ist sicherlich der starke Schweizer Franken, der dazu führt, dass importierte Güter in Franken umgerechnet günstiger werden. Eine weitere Erklärung ist die unterschiedliche Zusammensetzung des Warenkorbes, auf den die Inflation berechnet wird. Darin machen Ausgaben für Wohnen und die Gesundheit einen wesentlichen Teil aus. Die Mieten und Krankenkassenprämien sind zuletzt aber nicht stark gestiegen. 2022 dürfte die Inflation hierzulande bei 1 Prozent liegen. 

Und wie sieht es in den USA und Europa aus?

In den USA erwarten wir eine durchschnittliche Inflationsrate von 4,5 Prozent, in Europa von 2,3 Prozent. Damit liegt die Teuerung über den Zielvorgaben der Notenbanken von 2 Prozent. Entsprechend werden die Zentralbanken reagieren und ihre Geldpolitik anpassen. In den USA rechnen wir mit zwei Zinserhöhungen. In Europa und in der Schweiz dürfte die Zinswende hingegen noch etwas hinausgezögert werden. Insgesamt wird die Geldpolitik aber restriktiver. 

Mit welchem Effekt?

Die Zinskurve wird sich nach oben verschieben. Für die Obligationenmärkte bedeutet dies, dass man mit sicheren Anleihen kaum noch Geld verdienen kann. Durch die steigenden Zinsen geraten zudem die Aktienbewertungen unter Druck. Fraglich ist, ob die Firmen ihre Gewinne so stark steigern können, dass sie diese tieferen Bewertungen kompensieren. 

Zumal die Unternehmen nach wie vor mit weltweiten Lieferengpässen konfrontiert sind. Wann wird sich die Lage diesbezüglich wieder normalisieren?

Das dürfte noch länger dauern. Im Bereich der Halbleiter erwarten Hersteller wie Taiwan Semiconductor Engpässe bis weit ins zweite Halbjahr 2022 oder sogar bis 2023. Die Lieferketten der Firmen sind heute sehr komplex. Wenn ein Mosaikstein nicht mehr passt, hat dies Auswirkungen auf das ganze System. Umso länger dauert es, bis alles wieder eingespielt ist. Erschwerend kommt die No-Covid-Strategie von China hinzu: Wenn die Fallzahlen dort lokal nach oben gehen, werden ganze Regionen komplett abgeriegelt. Dies kann zu neuen Engpässen führen. 

Wie wird die bevorstehende Berichtsaison der Unternehmen ausfallen?

Wir erwarten solide Zahlen für das Gesamtjahr 2021. Ein Gewinnplus von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr wäre angesichts der tiefen Vergleichswerte nicht überraschend. Umso mehr interessiert der Ausblick auf das kommende Jahr. Wie sehr spüren die Unternehmen eine Verlangsamung der Dynamik? Realistisch sind einstellige Steigerungsraten von 6 bis 8 Prozent, da die Basiseffekte, sprich die hohen Zuwachsraten aufgrund der tiefen Vorjahreszahlen, spätestens ab dem zweiten Quartal 2022 wegfallen. Erschwerend kommen die erhöhten Rohstoffpreise hinzu, die sich negativ auf die Margen auswirken können. Alles in allem dürfte es beim Gewinnwachstum eine Rückkehr zur Normalität geben. 

Was bedeutet dies für die Aktienmärkte?

Ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 7 Prozent weltweit kann sich durchaus sehen lassen. In diesem Rahmen dürften sich die Aktienmärkte bewegen. Wir gehen 2022 von einem durchschnittlichen Börsenjahr aus. Umso wichtiger ist für die Anlegerinnen und Anleger die Titelselektion. Mit einer passiven Strategie wird man keine hohen Kursgewinne erzielen. Auch lohnt es sich, wieder vermehrt auf Titel mit einer stabilen und hohen Ausschüttung zu setzen. Regional bevorzugen wir den Schweizer Aktienmarkt, da er viele defensive Komponenten aufweist und Sektoren wie Pharma oder Nahrungsmittel enthält, die weniger konjunktursensibel sind. In der aktuellen Situation favorisieren wir defensive Qualitätstitel, die über eine gewisse Preissetzungsmacht verfügen. Nestlé oder der Schokoladenproduzent Barry Callebaut sind hierfür gute Beispiele. 

Und darüber hinaus?

Als Ergänzung zu den defensiven Werten würden wir Schwellenländer-Aktien kaufen. Diese Titel zeigten 2021 eine enttäuschende Performance und kamen nicht vom Fleck. Die Aktien sind derzeit moderat bewertet und verfügen mittelfristig über Potenzial.

Wie sollen sich die Anleger ansonsten positionieren?

Obligationen haben derzeit nur eine Berechtigung zur Risikodiversifizierung, als Renditetreiber eignen sie sich nicht. Entsprechend sind wir hier untergewichtet. Gold dagegen gehört als Beimischung ins Portfolio. Für das Edelmetall sprechen aktuell die Inflation respektive die negativen Realzinsen. 

Was halten Sie – direkt oder indirekt – von Anlagen in Immobilien?

Mit Direktinvestitionen wäre ich vorsichtig, angesichts der hohen Investitionssummen, der fehlenden Diversifikation sowie der generell rekordhohen Preise am Schweizer Markt. Interessanter sind Investments in breit diversifizierte Immobilienfonds. Denn obwohl sich die Preissteigerungen der letzten Jahre kaum in dem Ausmass fortsetzen werden, spricht wenig für eine grössere Korrektur. Die anhaltend hohe Nachfrage bei einem begrenzten Angebot und die Geldpolitik der Nationalbank sorgen dafür, dass der Markt auch in Zukunft stabil bleiben dürfte. Denn die Schweiz ist ein Sonderfall: Wegen der gegenüber Europa und den USA geringeren Inflation wird die SNB die Leitzinsen kaum anheben. Zudem herrscht am Hypothekarmarkt ein starker Wettbewerb, weshalb die Zinsen hier nur moderat ansteigen dürften. Somit gibt es kaum Gegenwind. Schweizer Wohnimmobilienfonds haben wir deshalb, trotz der hohen Aufpreise, übergewichtet. 

Wie kommt das?

Die Fonds weisen Ausschüttungsrenditen von 2 bis 2,5 Prozent auf, was im Vergleich zu Anleihen attraktiv ist. Sollte es zu Zinssteigerungen kommen, besteht eine gewisse Absicherung, da die Mietzinsen an den Referenzzinssatz gekoppelt sind und somit Mieterhöhungen möglich sind. 

Sollten Anleger in der heutigen Situation ihr Portfolio besonders genau analysieren?

Grundsätzlich lohnt es sich, zumindest zum Jahresauftakt seine Vermögenssituation zu überprüfen. Angesichts der sehr starken Performance der Aktienmärkte könnte beispielsweise ein Rebalancing nötig sein. Gelder auf einem Konto zu horten empfiehlt sich wegen der negativen Realzinsen nicht, ausser man hat konkrete Investitionen geplant. Ein Gespräch mit dem Kundenberater kann hier Klarheit schaffen. Ohnehin umfasst unser Vermögens-Check mehr als nur das Portfolio. Es werden sämtliche finanzielle Angelegenheiten einbezogen und optimiert. Hierzu zählen auch die Vorsorge oder allfällige Hypotheken.

 

Interview: Roberto Stefano, NZZ am Sonntag, erschienen am Sonntag, 26. Dezember 2021

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