Unternehmen zielen auf Profit, nicht primär auf das Wohl der Mitarbeitenden. Warum sollten sie das ändern?
35 Prozent der Lohnkosten gehen durch Reibungsverluste verloren – zum Beispiel durch Kommunikationsprobleme, Hierarchiedenken oder Demotivation. Das Geld verpufft, weil die Menschen nicht optimal zusammenarbeiten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Kreativität, Teamarbeit und Innovationskraft. Die humane Zukunftswirtschaft ist kein moralisches Argument, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Unternehmen müssen neu denken, um über 2030 hinaus überlebensfähig zu sein.
Welche Rolle spielt KI in dieser neuen Wirtschaft?
Eine zentrale. KI ist der grosse Beschleuniger – sie steigert die Produktivität und eröffnet neue Möglichkeiten. Doch sie verändert nicht von selbst: Der Impuls kommt vom Menschen. Wir müssen bewusst entscheiden, was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen. Nutzen wir sie zur Verdichtung von Arbeit? Oder nutzen wir die gewonnene Zeit, um neue Ideen zu entwickeln, mehr in die Tiefe zu gehen und besseren Service anzubieten?
Wo liegen konkret die Chancen – und wo die Risiken?
Die Chancen sind enorm: neue Märkte, schnellere Innovationszyklen, höhere Effizienz. KI kann uns helfen, die Handlungsgeschwindigkeit zu erhöhen ohne dabei unsere Menschlichkeit zu verlieren oder auszubrennen. Vor allem kann KI menschliches Wachstum ermöglichen – wenn wir sie klug einsetzen. Das Risiko entsteht, wenn wir alte Denkweisen auf neue Technologien übertragen: Wer KI nur nutzt, um Prozesse zu beschleunigen und Mitarbeitende weiter zu belasten, treibt diese in die innere Kündigung. Wir stehen an einem Wendepunkt: Entweder wir denken Arbeit neu – oder wir wiederholen die Fehler der Vergangenheit, nur schneller.
Was verändert sich gerade am Arbeitsmarkt?
Ab 2028 stellen die jungen Generationen die Mehrheit der Erwerbstätigen. Diese sind gut ausgebildet, informiert und haben eine andere Vorstellung von Arbeit: Sinn, Nachhaltigkeit, Lebensqualität – wer diese Erwartungen nicht erfüllt, verliert Talente.
Also braucht es auch eine völlig neue Führungskultur?
Ja. Führung von morgen bedeutet, ein Klima zu schaffen, in dem Zusammenarbeit auf Augenhöhe entsteht. Das Modell «Zeit gegen Geld» hat ausgedient. Führung muss sinnhafte Arbeit ermöglichen, die Kreativität und Leistungsfähigkeit fördert. Nur so entsteht eine robuste Wettbewerbsfähigkeit, mit der Unternehmen auch in einer immer schneller werdenden Welt erfolgreich bleiben. Das ist eine völlig neue Führungsperspektive, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Was macht eine gute Führungskraft in der neuen Arbeitswelt aus?
Die Fähigkeit, emotionale Intelligenz zu zeigen und Orientierung zu geben. Es geht darum, Einsamkeit zu überwinden, Zukunftsängste ernst zu nehmen und Räume zu schaffen, in denen Menschen kreativ und mutig arbeiten können. Es werden nicht die Unternehmen mit der besten KI erfolgreich sein, sondern jene, die es schaffen, emotionale und motivierte Zusammenarbeit zu organisieren.
Wie offen sind Unternehmen für diesen Wandel?
Die meisten zögern noch. Viele sind im Tagesgeschäft gefangen oder verlassen sich auf alte Erfolgsmodelle. Dabei verlangen KI und gesellschaftlicher Wandel ein radikales Neudenken. Es geht nicht um kosmetische Veränderungen. Wer das versteht, erkennt: Wir stehen nicht vor einem Update, sondern vor einem Neustart. Und dafür braucht es vor allem eines: Mut.