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Es ist höchste Zeit, mit KI loszulegen

Schweizer KMU setzen KI erst zurückhaltend ein. Noch haben sie den Zug nicht verpasst, aber es ist jetzt höchste Zeit zu beginnen. Was es dazu braucht und wo man beginnen soll, weiss KI-Expertin Dalith Steiger-Gablinger. Im Interview erklärt sie zudem, wie Mitarbeitende in der neuen KI-Arbeitswelt erfolgreich bestehen.

04.06.2026

Wo stehen Schweizer KMU im internationalen Vergleich bezüglich dem Einsatz von KI?

Leider noch nirgends! Wir gehören international weder zu den Front-Runnern noch zu den Early-Movers. Das finde ich angesichts des riesigen Potentials, welches KI gerade auch für KMU eröffnet, sehr schade.

 

Diese Zurückhaltung zeigt sich auch in der KI-Studie des Economic Research von Raiffeisen Schweiz. Gemäss der Studie nutzen erst 9 Prozent der Schweizer KMU KI systematisch. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Das liegt zum Teil in unserer DNA: Wir sind sehr qualitätsbewusst und streben nach Perfektion. Anstatt etwas auszuprobieren und vielleicht auch mal mit 80 Prozent zufrieden zu sein, wollen wir gleich von Beginn weg 100 oder gar 120 Prozent erreichen. Zudem herrscht vielerorts eine starke Absicherungsmentalität – man will sicher sein, nichts Falsches zu machen. Das hemmt die Bereitschaft, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind auch einfach unsicher und wissen noch zu wenig über KI.

Haben die Schweizer KMU den Anschluss verpasst?

Nein, das haben sie noch nicht. Das Zuwarten hatte auch seine Vorteile. Wir können von den ersten Erfahrungen und Fehlschlägen der anderen profitieren und daraus lernen. Aber mittlerweile ist es für jedes Schweizer KMU höchste Zeit, KI selbst zu nutzen und erste Anwendungsfälle umzusetzen.

 

Wie sollen KMU beginnen?

Ich empfehle allen, mit kleineren und relativ einfach umsetzbaren Anwendungen zu starten, die einen direkt messbaren und für alle ersichtlichen Return on Investment bringen. So schafft man Akzeptanz und kann die Mitarbeitenden für die künstliche Intelligenz begeistern.

 

Wo konkret liegen solche vielversprechenden Möglichkeiten für den ersten Einsatz von KI?

Überall dort, wo viele repetitive Arbeiten vorkommen. Die KI hilft, Prozesse zu optimieren und die Effizienz zu steigern. Typische Einsatzbereiche dazu finden sich im Finanz- und Personalbereich: KI kann Fehler in Rechnungen finden, lange Dokumente analysieren und zusammenfassen, Daten verarbeiten, Sitzungen protokollieren, Spesen kontieren und, und, und…

 

Etliche Mitarbeitende sind gegenüber künstlicher Intelligenz skeptisch und fürchten um ihre Jobs. Was sagen sie diesen?

Die künstliche Intelligenz unterstützt die Menschen, sie ersetzt sie nicht. Wenn die KI die wiederkehrenden und zeitraubenden administrativen Tätigkeiten erledigt, bleibt den Mitarbeitenden mehr Zeit für soziale, interpersonale Interaktionen – sei es mit Teammitgliedern, Kunden oder Geschäftspartnern. Wir schaffen uns durch den Einsatz von Technologien die Zeit für unsere eigentlichen Aufgaben und um das zu tun, worin wir Menschen am Besten sind. Damit hilft die KI auch gegen den verbreiteten Fachkräftemangel.

«In erster Linie unterstützt die KI die Menschen, als dass sie sie ersetzt.»
Dalith Steiger-Gablinger

Dalith Steiger-Gablinger

KI-Expertin und -Vordenkerin

Was muss eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer konkret mitbringen, um in der KI getriebenen Welt am Arbeitsplatz bestehen zu können?

Das wichtigste ist Offenheit – ‘gwundrig’ sein: Dazu gehört, dass man neue Dinge ausprobiert und bereit ist, Erfahrungen zu sammeln, diese mit anderen zu teilen und als Chancen zu sehen. Vorteile haben diejenigen Personen, die die neuen Tools und Möglichkeiten auch privat nutzen und damit ‘rumspielen’.

 

Wer muss in einem KMU den Anstoss für den Einsatz von KI geben?

Das Management muss vorangehen und die Vision sowie erste Anwendungen vorgeben. Das reicht aber nicht. Zentral ist, dass die Belegschaft von Beginn weg einbezogen und auf die KI-Reise mitgenommen wird. Gelingt das nicht, ist das Scheitern vorprogrammiert.

 

Welche Folgen kann es haben, wenn ein Unternehmen bezüglich KI zögert?

Neben den offensichtlichen negativen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit besteht die Gefahr, dass Talente abwandern. Viele Mitarbeitende verwenden privat KI-Applikationen und kennen die Möglichkeiten, die sich dadurch bieten. Sie möchten die Vorteile auch beruflich nutzen und suchen sich entsprechend fortschrittliche Arbeitgeber. Wer hier nicht mithält, verliert Talente und hat Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal anzuziehen.

 

Wir haben bisher vor allem über die positiven Aspekte und Chancen der KI gesprochen. Sehen Sie auch grundsätzliche Risiken?

Die Gefahr kommt meiner Meinung nach nicht von der Technologie, die Gefahr ist der Mensch. Es sind die Menschen, welche die technischen Möglichkeiten nutzen oder allenfalls missbrauchen. Wäre der Mensch nur gut, bräuchten wir keine Polizei. Natürlich müssen wir Respekt vor der Technologie haben. Wir müssen sie beherrschen und Grenzen setzen. Als KI-Optimistin überwiegen für mich aber ganz klar die Chancen. Und wie bei jeder anderen grossen Technologie, kommt dem menschlichen Bauchgefühl auch bei KI eine grosse Bedeutung zu. Wir spüren, wenn sich etwas nicht richtig ‘anfühlt’ – und das dürfte künftig gar noch wichtiger werden.

Dalith Steiger-Gablinger

Dalith Steiger-Gablinger

KI-Expertin und -Vordenkerin

Dalith Steiger-Gablinger zählt national und international zu den führenden Stimmen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Sie ist Thought-Leaderin, Referentin, Beraterin, Dozentin und Investorin. 2016 gründete sie das KI-Start-up SwissCognitive und 2019 die CognitiveValley Foundation. Seit 2009 leitet sie das Swiss IT Leadership Forum, eine Vereinigung für CIOs. Als Mentorin fördert sie junge Frauen und Mädchen in der Tech-Branche. Dalith Steiger-Gablinger studierte an der Universität Zürich Mathematik und Wirtschaftsinformatik.

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