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Die neue amerikanische Realität
Ein Jahr nach Donald Trumps Rückkehr ins Weisse Haus zeigt sich ein Amerika, das politisch selbstbewusster, wirtschaftlich unberechenbarer und gesellschaftlich gespaltener ist, als selten zuvor. USA‑ und Wirtschaftsexperte Jens Korte zeichnete an unserem Jahresauftakt in Herrliberg ein eindrucksvolles Bild davon, wie stark diese Entwicklungen bereits die globalen Märkte, Unternehmen und das tägliche Leben beeinflussen.
Mitte Januar öffnete die Vogtei Herrliberg ihre Türen für unseren Globalen Ausblick. Rund 180 Gäste waren dabei und warteten gespannt auf Jens Korte, der die politische und wirtschaftliche Lage der USA ein Jahr nach Donald Trumps Wiederwahl einordnete.
Jens Korte lebt seit Ende der 90er‑Jahre in New York und berichtet seit 1999 von der Wall Street. Heute gilt er als ausgewiesener USA‑ und Wirtschaftsexperte. Er verfolgt politische Entwicklungen, die Entscheidungen grosser US‑Konzerne sowie die Stimmung an den Finanzmärkten aus nächster Nähe und berichtet täglich darüber im Radio und im Fernsehen. Wer ihm zuhört, spürt sofort, wie nah er am Puls der Ereignisse ist. So auch beim Vortrag in der Herrliberger Vogtei.
Einordnung der Lage in den USA
Er zeichnete ein Bild einer Nation im Umbruch – einer USA ein Jahr nach der Wiederwahl von Donald Trump.

«Dass Trumps zweite Amtszeit turbulenter wird als seine erste, war zu erwarten. Doch das aktuelle Ausmass, teils schon chaotisch, überrascht selbst uns, die den Markt täglich aus unmittelbarer Nähe beobachten.»
Korte geht sogar so weit und betont, dass Donald Trump die Wirtschaft so stark prägt wie kein Präsident seit Franklin D. Roosevelt (1933–1945). Daraus leitet er seinen zentralen Punkt ab: Trumps Entscheidungen wirken sofort und die Märkte reagieren entsprechend schnell. Ankündigungen, die innerhalb weniger Stunden Kursbewegungen auslösen, gehören inzwischen zum Alltag. Dazu zählte etwa das vorübergehende Verbot von Dividendenzahlungen für Rüstungskonzerne, gefolgt von der Mitteilung, das Verteidigungsbudget auf 1,5 Billionen US‑Dollar zu erhöhen.
Diese Eingriffe betreffen zunehmend auch einzelne Unternehmen und gehen weit über kurzfristige Marktreaktionen hinaus, sagt Korte. So kritisierte Trump den Halbleiterkonzern INTEL öffentlich wegen Verzögerungen und Produktionsproblemen. In der Folge suchte das Unternehmen verstärkt den Kontakt zur Regierung – am Ende stieg der Staat mit rund zehn Prozent ein, erklärt Korte weiter.
Einblick in die Analyse: Während des Vortrags werden zentrale politische und wirtschaftliche Entwicklungen in den USA erläutert
Neuer Druck auf zentrale Wirtschaftssektoren
Parallel erhöht die Administration gemäss dem USA- und Wirtschaftsexperten den Druck auf grosse Ölkonzerne und fordert massiv höhere Investitionen. Auch der Kreditmarkt rückt stärker ins Visier: diskutiert werden sowohl Zinsobergrenzen als auch Einschränkungen für institutionelle Investoren, die Einfamilienhäuser aufkaufen, so Korte.
Er fasste diese Entwicklungen zu einem Bild zusammen: eine Art amerikanischer Staatskapitalismus. Diese seien geprägt von hohen Zolleinnahmen, die letztlich von US-Unternehmen und Konsumenten getragen werden. Gleichzeitig herrscht rechtliche Unsicherheit, da der Supreme Court derzeit prüft, ob diese Zölle überhaupt zulässig sind.
Die Eingriffe in die Wirtschaft sind jedoch nur eine Facette dieser neuen Realität. Mindestens ebenso deutlich zeigt sich der Wandel dort, wo die USA jahrzehntelang ihre grösste Stärke hatten: bei der Anziehung von Talenten aus aller Welt.
Die Vereinigten Staaten befinden sich heute in einem Spannungsfeld zwischen internationaler Offenheit und wachsender Abschottung. Besonders eindrücklich beschrieb Korte, wie der Zugang für ausländische Fachkräfte zunehmend erschwert wird. Die geplante Erhöhung der Kosten für das H‑1B‑Arbeitsvisum auf bis zu 100’000 US‑Dollar sei laut Korte nicht nur eine politische Entscheidung, sondern ein Schritt, der die Innovationskraft des Landes empfindlich schwächen könnte.
Dass Migration weit mehr ist als ein politischer Begriff, schilderte er an einem privaten Beispiel. Viele handwerkliche Arbeiten an seinem Haus in Brooklyn würden von Einwanderern erledigt werden, zuverlässig, präzise und oft mit besserer Ausbildung als viele einheimische Arbeitskräfte. Für ihn ist klar: Ohne diese Menschen wäre der wirtschaftliche Alltag kaum aufrechtzuerhalten.
Ausblick auf Zinsen und Handelspolitik
Zum Abschluss folgte ein kurzes Gespräch mit Marvin Weiner, Leiter Vertrieb. Beide beleuchteten unter anderem die Frage, wie es mit der Geldpolitik in den USA weitergehen soll, was ist der Zinstrend und wie geht es weiter mit der Zollthematik.
Unser Leiter Vertrieb, Marvin Weiner, im Gespräch mit Jens Korte.
Kurz zusammengefasst: Geld wird günstiger. Der US‑Leitzins dürfte um etwa 50 Basispunkte sinken und damit auf rund 3 Prozent fallen. Je nach Wirtschaftslage könnte zusätzlicher Senkungsdruck entstehen, doch deutlich stärkere Zinssenkungen sind schwer zu rechtfertigen, denn die Geldpolitik wirkt bereits unterstützend.
Der Abend fand seinen Ausklang in einem Flying Dinner, das von Musik begleitet wurde und dem Raum eine warme Stimmung verlieh. Die Gäste mischten sich und nutzten die Gelegenheit, sich direkt über die zahlreichen Impulse des Abends auszutauschen.
Ein gelungener Start ins Jahr und ein Abend, der nachhallt.