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Rekorde trotz Krisen: Die Börsen zwischen Euphorie und Risiko
«Emotionen ausblenden, Strategie beibehalten.» Matthias Geissbühler, CIO von Raiffeisen Schweiz.
Das erste Börsenhalbjahr liegt hinter uns. Wenn Sie die vergangenen sechs Monate in wenigen Sätzen zusammenfassen müssten: Wie fällt Ihr Fazit aus?
Das erste Börsenhalbjahr verlief deutlich besser als viele erwartet hatten. Trotz geopolitischer Spannungen und des Kriegs im Nahen Osten erzielten die meisten Aktienmärkte zweistellige Kursgewinne. Damit lagen die Renditen klar über dem langfristigen Durchschnitt und zeigen einmal mehr, wie widerstandsfähig die Märkte gegenüber kurzfristigen Unsicherheiten sein können.
Wie gut entspricht die aktuelle Entwicklung an den Börsen Ihren Erwartungen vom Jahresanfang?
Wir sind von einem volatilen Börsenjahr ausgegangen. Die Schwankungen waren in den ersten Monaten in der Tat sehr hoch. Aufgrund des Nullzinsumfelds haben wir zudem zum Kauf von Sachwerten wie Aktien, Gold und Schweizer Immobilienfonds geraten. Während Gold und Immobilienfonds eher seitwärts tendierten, entwickelten sich Aktien ausgesprochen stark und erzielten deutlich höhere Renditen als langfristig üblich.
Bei welchen Themen wurden Sie bestätigt und wo hat der Markt eine andere Richtung eingeschlagen?
Zu den grössten positiven Überraschungen zählten die Schwellenländeraktien. Mit einem Kursplus von rund 25 Prozent gehörten sie zu den stärksten Märkten. Allerdings war die Entwicklung stark von einigen wenigen Technologietiteln wie Samsung Electronics, SK Hynix und Taiwan Semiconductor getrieben. Gleichzeitig hat sich unsere Empfehlung, auf qualitativ hochwertige und dividendenstarke Schweizer Aktien zu setzen, bewährt und einen wichtigen Beitrag zur Performance geleistet.
Was war die grösste Überraschung für die Börsen – positiv oder negativ?
Die grösste Überraschung war sicherlich die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte. Trotz des Iran-Kriegs sowie eines zeitweise stark gestiegenen Ölpreises, der sich zwischenzeitlich beinahe verdoppelte, legten die Aktienmärkte deutlich zu und erreichten neue Höchststände.
Konzentrierte Aufmerksamkeit im Publikum während der spannenden Ausführungen zum aktuellen Anlageumfeld.
Gab es einen Moment, in dem Sie selbst gedacht haben: Damit habe ich in dieser Form nicht gerechnet?
Angesichts der Blockierung der Strasse von Hormus und des damit verbundenen Anstiegs des Ölpreises hätte ich mit einer deutlich stärkeren Marktreaktion gerechnet. Dass die Aktienmärkte diese Belastungsprobe so gut weggesteckt und rasch neue Höchststände erreicht haben, hat mich überrascht.
Welche Erkenntnis sollen Anleger:innen aus dem bisherigen Börsenjahr mitnehmen?
Das erste Halbjahr hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, an einer einmal definierten Anlagestrategie festzuhalten. Wer sich von kurzfristigen Schlagzeilen oder Marktturbulenzen nicht aus der Ruhe bringen lässt, wird langfristig belohnt. Geduld und Disziplin gehören nach wie vor zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren beim Anlegen.
Welche Fehler sollten Sie in der zweiten Jahreshälfte möglichst vermeiden?
Anleger sollten sich nicht von den hohen Renditen der letzten Monate blenden lassen. Zweistellige Kursgewinne in einem halben Jahr sind historisch betrachtet nicht die Norm. Langfristig liegt die durchschnittlich erzielbare Aktienrendite bei etwa 7 Prozent pro Jahr. Entscheidend bleiben deshalb ein langfristiger Anlagehorizont und eine disziplinierte Umsetzung der gewählten Strategie.
Wie würden Sie die aktuelle Börsenlage in wenigen Worten beschreiben?
Eine euphorische Anlegerstimmung trifft auf ein durchzogenes Konjunkturumfeld.
Und warum gerade diese drei Begriffe?
Viele Anleger blicken derzeit sehr zuversichtlich auf die Märkte. Das Problem dabei: Hohe Erwartungen treffen auf ein Konjunkturumfeld, das wenig Dynamik zeigt. Zudem sind die Bewertungen vieler Aktienmärkte bereits ambitioniert. Enttäuschungen können deshalb schnell zu temporären Kursrückschlägen führen.
Was bedeutet das konkret für Anleger:innen?
Ein robustes Portfolio muss nicht nur bei Sonnenschein funktionieren, sondern auch Stürmen standhalten. Deshalb setzen wir auf eine breite Diversifikation mit Aktien, qualitativ hochstehenden Unternehmensanleihen, Schweizer Immobilienfonds und Gold. Wer Risiken streut, erhöht die Stabilität seines Portfolios und vermeidet unnötige Klumpenrisiken.
Welcher Faktor wird die Märkte bis Jahresende am stärksten bewegen?
Die Kapitalmarktzinsen bleiben der Taktgeber für die Finanzmärkte. Nach dem deutlichen Anstieg in den vergangenen Monaten dürfte entscheidend sein, wie die Notenbanken auf die weitere Inflationsentwicklung reagieren. Höhere Zinsen belasten die Bewertungen von Aktien, während sinkende Zinsen die Risikobereitschaft der Anleger unterstützen würden. Entsprechend dürfte die Zinsentwicklung den Kursverlauf bis Jahresende massgeblich prägen.
Welche Annahme wird darüber entscheiden, ob die zweite Jahreshälfte erfolgreich wird oder schwieriger als erwartet?
Der Schlüssel für die zweite Jahreshälfte liegt im Nahen Osten. Eine nachhaltige Entspannung der Lage würde zu sinkenden Energiepreisen führen und den Inflationsdruck reduzieren. Das wiederum gäbe den Notenbanken mehr Spielraum für Zinssenkungen. Bleiben die geopolitischen Spannungen hingegen bestehen, könnten höhere Energiepreise, steigende Inflationserwartungen und höhere Zinsen die Märkte belasten.
Worauf sollten Anleger:innen jetzt achten, statt sich von täglichen Schlagzeilen treiben zu lassen?
Die tägliche Nachrichtenlage sorgt oft für kurzfristige Nervosität, ist für den langfristigen Anlageerfolg jedoch meist von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend sind eine klare Strategie, eine regelmässige Überprüfung des Portfolios und eine breite Diversifikation über verschiedene Anlageklassen hinweg. Wer diszipliniert bleibt, fährt in der Regel besser als jemand, der ständig auf Schlagzeilen reagiert.
Welche Entwicklung könnte die Anleger:innen in der zweiten Jahreshälfte am meisten überraschen?
Die grösste Überraschung könnte eine deutliche Abschwächung der US-Wirtschaft sein. Die Märkte gehen derzeit von einer robusten Konjunktur aus. Sollten sich Arbeitsmarkt und Konsum unerwartet eintrüben, müssten die Gewinnerwartungen der Unternehmen nach unten angepasst werden. Das würde die aktuell sehr optimistische Anlegerstimmung auf die Probe stellen.
Wenn Sie Anleger:innen nur einen Rat für die zweite Jahreshälfte mitgeben dürften: Welcher wäre das?
Mein wichtigster Rat lautet: Emotionen ausblenden. Die grössten Anlagefehler entstehen oft in Phasen grosser Euphorie oder Unsicherheit. Wer seiner langfristigen Anlagestrategie treu bleibt und breit diversifiziert investiert, hat die besten Chancen auf nachhaltigen Anlageerfolg.