Anlagewissen einfach erklärt

Market Timing: Warum sich Anlegen immer lohnt – auch in stürmischen Zeiten

Die Coronasituation sorgt an den Märkten für Verunsicherung. Der falsche Zeitpunkt zum Anlegen? Im Gegenteil. Denn an der Börse ist nicht das Markt-Timing entscheidend, sondern die Zeit im Markt. Wer mit dem Markteintritt zu lange wartet, verpasst Renditechancen.

Mythos Market Timing

Die Coronasituation brachte die Märkte von heute auf morgen aus dem Gleichgewicht. Nach der längsten Hausse der Börsengeschichte zeigten die Kurse Ende März erstmals seit über zehn Jahren wieder steil nach unten. Der Swiss Market Index (SMI) etwa verlor innert drei Wochen fast 30 %. Die Folge waren panikartige Verkäufe. Doch schon kurz nach dem Börsencrash gingen Investoren und Anleger bereits wieder auf Schnäppchenjagd: Sie nutzten die Kurskorrekturen, um sich mit günstigen Aktien einzudecken. 

Günstig einkaufen, teuer verkaufen: So lässt sich an der Börse leicht Geld verdienen, könnte man meinen. Doch so einleuchtend die Strategie des «Market Timing» in der Theorie auch klingen mag – in der Praxis ist es schier unmöglich, den optimalen Zeitpunkt für den Kauf oder den Verkauf von Aktien zu erwischen. Denn die Marktentwicklung lässt sich nicht voraussagen, erst recht nicht in so unsicheren Situationen, wie wir sie aktuell erleben.

Anlageprofis setzen auf langfristige Strategien

Die meisten Anlageprofis lassen deshalb die Finger von der Timing-Strategie. Warren Buffet, einer der erfolgreichsten Investoren aller Zeiten, sagte in einem Interview mit USA Today, der grösste Fehler von Anlegern sei es, auf «Market Timing» zu setzen. Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler teilt diese Meinung: «An der Börse ist nicht das Timing entscheidend, sondern vielmehr die Zeit im Markt. Je langfristiger der Anlagehorizont, desto grösser die Renditechancen.» 

Erfolgversprechender als die Market-Timing-Strategie ist die Buy-and-Hold-Strategie, bei der Anlagen über einen langen Zeitraum gehalten werden. Dabei ist das Verlustrisiko deutlich geringer: «Wer langfristig investiert, minimiert sein Risiko, da Marktschwankungen über die Zeit ausgeglichen werden können», so Geissbühler.

 

Gut zu Wissen: Zwei gegensätzliche Anlagestrategien

  • Market Timing ist eine Anlagestrategie, die auf den optimalen Zeitpunkt für den Kauf und den Verkauf von Geldanlagen abzielt. Dabei wird versucht, durch das Ausnutzen kurzfristiger Preisschwankungen einen Ertrag zu erzielen.
  • Buy and hold (deutsch: kaufen und behalten) ist eine Anlagestrategie mit dem Ziel, Geldanlagen langfristig zu behalten. Der Ertrag wird dabei durch die positive Performance der Aktien über einen Zeitraum von mehreren Jahren erzielt.

Markt-Timing verursacht Kosten

Die Market-Timing-Strategie kostet Zeit und Nerven, da Kurse und Prognosen laufend beobachtet werden müssen. Und sie kostet auch Geld: Das ständige Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren bringt hohe Transaktionskosten mit sich, welche die Rendite schmälern. 

Zudem verursacht die Timing-Strategie hohe Opportunitätskosten, da einem beim Zuwarten wertvolle Renditechancen entgehen. Denn auf besonders schwache Handelstage folgen oft sehr schnell sehr gute. Und wer dann nicht investiert ist, dem entgehen hohe Renditechancen. Dies verdeutlicht das folgende Beispiel einer Investition von CHF 10'000.– in den Schweizer Aktienmarkt (SPI). Die Wertentwicklung wurde einmal mit und einmal ohne die besten zehn Handelstage (1. Januar 2000 bis 31. Dezember 2019) exemplarisch berechnet.

Wertentwicklung der investierten CHF 10'000.–
(1. Januar 2000 bis 31. Dezember 2019)

Grafik: Wertentwicklung Investition von CHF 10'000 in SPI mit und ohne 10 beste Handelstage

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Emotionen entscheiden mit

Allen Unkenrufen zum Trotz setzen viele Privatanleger auf Market Timing. Dabei lassen sie sich gerne von Emotionen leiten. Das Resultat ist paradoxerweise denkbar schlechtes Timing, wie die jüngste Marktkorrektur einmal mehr vor Augen führte. Anleger begehen in Krisen immer wieder den gleichen Fehler: Sie verfallen in Panik und verkaufen ihre Wertpapiere im denkbar ungünstigsten Moment. Bei den ersten Kurskorrekturen zögern sie aus Angst vor Verlusten erst mit dem Verkauf, bekommen schliesslich doch kalte Füsse und verkaufen ihre Aktien nahe am Tiefpunkt. In der Regel steigen sie erst wieder ein, wenn sich der Markt längst erholt hat. 

Laut einer Studie des amerikanischen Anlageberatungsunternehmens DALBAR entgeht Aktieninvestoren durch solch ungünstiges Taktieren pro Jahr fast zwei Prozent Rendite. Das zeigt: Emotionen sind kein guter Anlagekompass. Wer hingegen auf langfristige Anlagen setzt, kann eher einen kühlen Kopf bewahren, da eine positive Performance der Wertpapiere deutlich wahrscheinlicher ist als eine negative. 

Das unterstreicht die Entwicklung des MSCI World Index, der über 1'600 Aktien aus 23 Industrieländern umfasst: Seit 1970 gab es im MSCI World Index 36 Jahre mit einer positiven Performance, aber nur 14 Jahre mit einer negativen Rendite. Auf lange Frist machen die guten Jahre die schlechten also mehr als wett.

 

Gut zu wissen: Warum sich «Market Timing» nicht lohnt

  • Geringe Renditechancen
    Da sich die Marktentwicklung nicht verlässlich voraussagen lässt, ist es kaum möglich, den optimalen Zeitpunkt für den Markteintritt und -austritt zu treffen. Das Risiko für Verluste ist somit deutlich grösser als bei langfristigen Anlagen.
  • Hohe Opportunitätskosten
    Beim Warten auf den optimalen Zeitpunkt liegt das Geld brach. Renditechancen, die sich während dieser Zeit an guten Börsentagen ergeben, können nicht genutzt werden.
  • Hohe Transaktionskosten
    Das wiederholte Kaufen und Verkaufen von Aktien verursacht hohe Gebühren.

Timing ist nebensächlich

Situationen wie Corona wecken bei Anlegern Zweifel und sorgen für Zurückhaltung. Sie zögern mit Käufen, weil sie Angst haben, dass der Boden noch nicht erreicht ist und weitere Kurskorrekturen möglich sind. Mit Abwarten vergeben sie aber oft Renditechancen. Denn die Erfahrung zeigt: Die Märkte erholten sich in der Vergangenheit jeweils relativ rasch von Rückschlägen.

Langfristig betrachtet fallen deshalb kurz- und mittelfristige Kursrückschläge kaum ins Gewicht. Und auch der Einstiegszeitpunkt tut auf lange Frist wenig zur Sache. Selbst wer sein Geld unmittelbar vor einer Kurskorrektur in Aktien investiert, hat wenig zu befürchten. Bei einer Buy-and-Hold-Strategie sind die Renditechancen auch mit dem schlechtesten Markt-Timing gross. 

Abwarten lohnt sich nicht!

So schnell es an der Börse abwärts geht, so schnell geht es auch wieder aufwärts. Das zeigten die letzten grösseren Korrekturen nur allzu deutlich: Im März 2009 liess die Finanzkrise den Swiss Market Index (SMI) abstürzen, im August 2011 kam es auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise zu einem erneuten Rückschlag und im Januar 2015 sorgte die Aufhebung des Euro-Mindestkurses für eine weitere Korrektur. In allen Fällen erholte sich die Börse innert weniger Monate.

Wer am 1. Januar 1980 100 Franken in Schweizer Aktien investierte, erhielt bis Ende April 2020 rund 3000 Franken – dies trotz wiederholter Rückschläge wie beispielsweise des Platzens der Dotcom-Blase (–55 %) oder der Finanzkrise (–53 %).

Wertentwicklung der Investition von CHF 100.– in SPI
(1. Januar 1980 bis 30. April 2020)

Grafik: Entwicklung Schweizer Aktienmarkt (SPI) seit 1980

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Auch wenn die Corona-Pandemie noch längst nicht überwunden ist und die Stimmung an den Märkten angespannt bleibt – im momentanen Tiefzinsumfeld ist es einträglicher, Geld anzulegen als es auf dem Sparkonto zu parkieren. Es lohnt sich nicht, mit dem Markteintritt zu warten, bis die Krise endgültig überwunden ist. Denn an der Seitenlinie lässt sich kein Geld verdienen. 

Fonds-Sparplan glättet Marktschwankungen

Anleger können Risiken minimieren, indem sie auf eine langfristige Strategie und ein diversifiziertes Portfolio setzen, zum Beispiel auf breit abgestützte Anlagefonds. Eine besonders gute Möglichkeit, das Risiko eines ungünstigen Timings beim Markteintritt zu reduzieren, bieten Fonds-Sparpläne.  Da dabei über einen längeren Zeitraum regelmässig ein bestimmter Betrag investiert wird, glätten sich Marktschwankungen dank dem sogenannten Durchschnittspreiseffekt: Der Anteilspreis – also die Anzahl Anteile am Fonds, die der Anleger pro Einzahlung erhält – variiert zwar je nach Marktentwicklung, ist im Durchschnitt aber auf jeden Fall tiefer, als wenn der Anleger alles auf einmal zu einem ungünstigen Zeitpunkt investiert hätte.