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21.07.2020

Wie profitiert die Schweizer Wirtschaft vom EU-Hilfspaket?

Die Einigung der EU-Staaten auf ein Finanzpaket von 750 Mrd. Euro zur Bekämpfung der Corona-Wirtschaftskrise dürfte auch der Schweizer Export-Wirtschaft Auftrieb geben. Eine Einschätzung des Leiters Konjunkturanalyse von Raiffeisen Economic Research.
 

Alexander Koch, Ökonom von Economic Research, Raiffeisen Schweiz
Alexander Koch, Ökonom von Economic Research, Raiffeisen Schweiz

Roland Schäfli: Alexander Koch, welchen Effekt erwarten Sie vom beispiellosen Hilfspaket der EU für unsere Wirtschaft?

Alexander Koch: Ein Grossteil der Mittel ist Zukunftsinvestitionsprojekten zugedacht. Entsprechend wird die Nachfrage nach Investitionsgütern in den Mitgliedsländern  angeregt, wovon auch unsere Exporteure und Zulieferer profitieren können.

R. S.: Die Nachricht hat ja sogleich der Schweizer Börse Auftrieb gegeben. Das zeigt, wie stark der psychologische Effekt einer solchen Nachricht ist. Wird diese Stimmung anhalten?

A. K.: Mit der Kraftanstrengung konnte eine für EU-Verhältnisse überraschend frühzeitige Einigung erzielt werden. Obwohl das Paket nicht gewaltig ist, wurde damit auf jeden Fall ein positives Zeichen gesetzt, auch damit, dass die Mitgliedsstaaten gemeinsam noch immer zu Einigungen fähig sind, während man ansonsten ja meist nur die Differenzen wahrnimmt.  

 

R. S.: Dass Aufträge im Ausland sistiert und Budgets eingefroren wurden, hat unsere Exportbranche stark getroffen. Wo wird sie nun besonders profitieren? 

A. K.: Nicht zuletzt der Schweizer Maschinenbau dürfte einen Auftrieb erleben. Die zyklischen Industrieunternehmen leiden aufgrund der starken Investitionszurückhaltung enorm. Sie haben eine Verbesserung der Lage am nötigsten. Wir müssen uns aber bewusst sein: Der Absturz, den wir in den letzten Monaten gesehen haben, wird sich nicht komplett abfedern lassen. 

 

R. S.: Die Eidgenössische Zollverwaltung EZV spricht ja soeben von einem historischen Rückgang im Aussenhandel. Es wäre also zu optimistisch gedacht, diese Ausfälle noch wettmachen zu können?

A. K.: Die Uhrenexporte etwa sind auf das Niveau von 1999 zurückgefallen. Um auf das Vorkrisenniveau zurückzukehren, wird es in vielen Branchen länger dauern – falls es überhaupt wieder erreicht werden kann. 

 

R. S.: Der Aufbaufonds soll die Staaten wieder auf die Beine bringen, die besonders schwer von der Pandemie getroffen sind. Welche Handelspartner sind da für die Schweiz besonders wichtig?

A. K.: Deutschland bleibt der wichtigste Handelspartner, ebenso wie unsere anderen direkten Nachbarländer. Die EU macht nach wie vor fast die Hälfte der Schweizer Exporte aus; im Maschinenbau ist der Anteil sogar noch höher. Von den Geldern sollen nun vor allem Staaten im Süden und in Osteuropa profitieren. Die osteuropäischen Länder machen zwar einen kleineren Marktanteil aus. Sie holen aber weiter auf und wachsen stärker, womit auch dort für die Schweizer Exporteure gute Wachstumsmöglichkeiten bestehen.

 

R. S.: Das Geld soll ab 2021 fliessen – kann sofort mit Verbesserungen gerechnet werden?

A. K.: Die Hilfen gelten für drei Jahre, und für alle Mittel müssen Projektanträge gestellt werden. Der grosse Schub wird sich also nicht gleich am 1. Januar einstellen. Allerdings bringt die Aussicht auf hohe Zuschüsse den Empfängerländern bereits jetzt mehr Gestaltungsfreiraum bei den jeweiligen nationalen Budgets.