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Die Luft wird dünner
Die Schweizer Unternehmen sind mehrheitlich gut ins neue Jahr gestartet. An der Börse sorgte dies für wenig Furore. Viel Positives ist bereits eingepreist. Angesichts der sich auf Rekordhochs bewegenden Märkte nimmt die Gefahr von Kursrücksetzern zu.
Die Berichtssaison zum ersten Quartal ist in vollem Gange. Viele Schweizer Unternehmen präsentierten bisher sehr solide Zahlen – einige wie etwa der Bauchemiekonzern Sika, das Dentalunternehmen Straumann oder der Hardwarespezialist Logitech erhöhten gar ihre Jahresprognosen. Ein Kursfeuerwerk blieb allerdings aus. Der Schweizer Aktienmarkt, gemessen am Swiss Performance Index (SPI), verzeichnete im April ein bescheidenes Plus von 1,2 Prozent. Auch der deutsche Dax zeigte nach seiner Kursrally der ersten drei Monate Ermüdungserscheinungen (+0,9 Prozent). Vorerst nicht ausgebremst wurde der Aufwärtsdrang des amerikanischen Marktes (S&P 500 Index: +5,2 Prozent). Ein Revival feierten die zuletzt unter Gewinnmitnahmen leidenden Technologiewerte.
Der teurere US-Dollar sowie die reduzierte Risikoaversion der Anleger hatten den Goldpreis im ersten Quartal auf unter 1‘700 US-Dollar pro Unze sinken lassen. Im April zeichnete sich dann eine Trendumkehr ab: Das gelbe Edelmetall legte 3,6 Prozent zu. Gegenüber Anfang Jahr zählt es dennoch auch weiterhin zu den schwächsten Anlageklassen. Ganz anders Kupfer. Die konjunkturelle Erholung in den Hauptabnehmerländern USA und China, sowie die angebotsseitigen Engpässe liessen dessen Preis im Monatsverlauf, um fast 12 Prozent, auf den höchsten Stand seit zehn Jahren steigen. Und auch für das Rohöl ging es aufwärts: Die Nordseemarke Brent verteuerte sich um 5,8 Prozent pro Fass.
Neue Impulse fehlen
Am Anleihemarkt scheint das Aufwärtspotenzial begrenzt. Nachdem die Inflationssorgen der Anleger die Renditen – vor allem in den USA – im Februar und März steil nach oben getrieben haben, fand dieser Trend keine Fortsetzung mehr. So war etwa die Verzinsung von 10-jährigen US-Staatsanleihen – gegenüber ihrem Jahreshöchst bei 1,74 Prozent – im April sogar leicht rückläufig. Der Grossteil des erwarteten Inflationsanstieges ist bereits eingepreist. Zudem bekräftigen die grossen Notenbanken EZB und US-Fed unentwegt die Teuerungsrate im Griff zu haben.
Auch an den Aktienmärkten wird die Luft zunehmend dünner. Zu viel Positives mit Blick auf die Erholung von Konjunktur und Unternehmensgewinnen ist bereits in den Kursen berücksichtigt. Die Corona-Pandemie ist aus Sicht der Börsianer abgehakt. Frische fundamentale Impulse sind nicht in Sicht. Die Bewertungen befinden sich indes weiterhin deutlich über ihren langjährigen Durchschnittswerten. So weist etwa der globale MSCI World Index ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von fast 21 auf – der 10-jährige Mittelwert liegt derweil knapp über 16. Trotzdem ist die Stimmung an den Börsen – dank der anhaltend expansiven Geld- und Fiskalpolitik – so gut wie schon lang nicht mehr. Das Put/Call-Verhältnis hat jüngst einen neuen Tiefstand erreicht. Die Mehrheit der Anleger spekuliert also auf weiterhin steigende Aktienkurse. Darüber hinaus ist auch die Volatilität zurückgegangen. So notierte der Angstbarometer VIX zu Monatsende mit 18,6 Zählern deutlich tiefer als im Durchschnitt vom letzten Jahr.
«Sell in May»
Das Geschehen an der Börse ist derzeit nur wenig geprägt von Fundamentaldaten. Hinter den jüngsten Kursbewegungen stecken vielmehr die Euphorie der Anleger sowie deren Gier nach immer höheren Gewinnen. Der anhaltende Anlagenotstand tut sein Übriges. Dies ist ein fruchtbares Umfeld für Kursrücksetzer. Mit einer Korrektur im mittleren einstelligen Bereich müssen Anleger wohl jederzeit rechnen – den langfristigen Aufwärtstrend der Märkte würde dies kaum brechen. Die gesunkene Volatilität ist trügerisch und suggeriert eine falsche Sicherheit. Und auch die Saisonalität spricht tendenziell für einen schwächeren Mai. So verlor der MSCI World Index in den vergangenen 50 Jahren im Mai durchschnittlich 0,2 Prozent seines Wertes. Die weitläufig bekannte Börsenweisheit «Sell in May» birgt somit ein Körnchen Wahrheit. Angesichts dessen sollten Anleger prüfen, ob im Rahmen ihres Portfolios ein Absichern erster Gewinne eine Option ist. Denn an Gewinnmitnahmen ist bekanntlich noch niemand verarmt.
Marcel Crameri
Leiter Vermögensberatung Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen