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Innovation entsteht dort, wo Fehler erlaubt sind

Mitarbeitende brauchen Handlungsspielraum, um Neues auszuprobieren. Dabei müssen sie auch Fehler machen und offen darüber sprechen dürfen. Katja Maurer, Expertin für Prozess- und Fehlermanagement, erklärt im Interview, wie Vertrauen und klare Prozesse helfen, aus Fehlern zu lernen und Innovation zu fördern.

19.01.2026

Frau Maurer, worin besteht eine gute Fehlerkultur?

Eine gute Fehlerkultur zeichnet sich durch transparente Kommunikation und Vertrauen aus. Sie erlaubt zudem, offen über Fehler zu sprechen – ohne Angst vor Schuldzuweisungen oder negativen Konsequenzen. Ein zentraler Schlüssel dafür ist die psychologische Sicherheit im Team (siehe Erklärung). Diese Sicherheit zeigt sich darin, dass sich Mitarbeitende früh trauen, zu sagen: «Mir ist etwas Blödes passiert – können wir das gemeinsam anschauen?» Und zwar idealerweise bevor sie schlaflose Nächte haben oder versuchen, das Problem irgendwie allein zu beheben.

Psychologische Sicherheit schafft Vertrauen im Unternehmen

Psychologische Sicherheit ist zentral für die erfolgreiche Zusammenarbeit im Unternehmen. Dabei geht es darum, dass Mitarbeitende sich trauen, ihre Ideen einzubringen, Fragen zu stellen und eigene Fehler offen anzusprechen – ohne Angst vor negativen Konsequenzen. Entscheidend ist, dass Fehler klar von Personen getrennt werden: Läuft etwas schief, werden nicht einzelne Personen an den Pranger gestellt, sondern die Ursachen systematisch analysiert. Denn in komplexen Abläufen sind Fehler meist das Ergebnis einer Kette von Faktoren, die zusammenspielen. Nur durch eine solche Ursachenanalyse kann ein Unternehmen aus Fehlern lernen und nachhaltige Verbesserungen erreichen.

Wieso ist das für Unternehmen wichtig?

Nur wo offen über Fehler gesprochen wird, können Schwachstellen erkannt und Prozesse und Systeme verbessert werden. So lassen sich Fehler nicht nur beheben, sondern in Zukunft auch vermeiden. Gerade in Zeiten von hohem Effizienz- und Kostendruck ist es um so wichtiger, das Wissen der Mitarbeitenden zu nutzen – sie sehen täglich, wo Dinge gut laufen und wo nicht.

 

Was müssen Führungskräfte tun, um ein solches Umfeld zu schaffen?

Aktiv zuhören, wertschätzend auf Beiträge reagieren und regelmässig eigene Fehler sowie Unsicherheiten zugeben. Entscheidend ist, mit gutem Beispiel voranzugehen und offen auch über nicht optimale Entscheidungen zu sprechen. Das erfordert Mut und Reflexion. Doch es sendet ein starkes Signal an das Team: Es ist in Ordnung, Fehler zu machen und darüber zu sprechen – und genau das ist die Basis für eine gesunde Fehlerkultur. Sie beginnt an der Spitze des Unternehmens. Fehler sollen nicht als Schwäche, sondern als Chance zum Lernen verstanden werden.

«Fehler sollen nicht als Schwäche, sondern als Chance zum Lernen verstanden werden.»
Katja Maurer

Katja Maurer

Expertin für Prozess- und Fehlermanagement

Wo passieren die meisten Fehler – und warum?

Die meisten Fehler entstehen an Schnittstellen – dort, wo Prozesse ineinandergreifen und Übergaben erfolgen. Oft fehlt es hier an klarer Kommunikation und Transparenz: Was wird erwartet? Wann und in welcher Qualität? Wenn ein interner Lieferant nicht weiss, warum der Bericht morgen exakt um 8 Uhr und nicht erst ein bisschen später gebraucht wird, kann das zu Missverständnissen führen. Diese lassen sich von vornherein vermeiden, indem Erwartungen und Zuständigkeiten klar definiert werden.

 

Was geschieht, wenn Führungskräfte keine Zeit dafür haben?

Eine positive Fehlerkultur entsteht nicht nebenbei – sie braucht Zeit, Aufmerksamkeit und echtes Commitment. Doch sie ist eine nachhaltige Investition: Rund 30 Prozent des Arbeitstags entfallen auf Korrekturen und Nacharbeiten. Wer auch nur einen Bruchteil davon reduzieren kann, spart enorm viel Zeit, die für strategische Arbeiten oder Innovationsprozesse zur Verfügung steht. Gleichzeitig fördert eine offene Fehlerkultur Eigenverantwortung: Mitarbeitende lernen, Ursachen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. So hängt nicht alles an der Führungskraft und das gesamte Team wächst mit.

 

Wie wichtig sind Fehlertoleranz und Freiräume für Innovation?

Fehlertoleranz und Freiräume sind zentrale Voraussetzungen für Innovation. Führungskräfte sollten gezielt Freiräume schaffen, in denen Mitarbeitende eigene Ideen ausprobieren können – ohne enge Vorgaben. Das stärkt Kreativität und fördert neue Lösungsansätze. Wichtig dabei: Führung bedeutet auch, Kontrolle abzugeben und anzuerkennen, dass oft die Personen nah an der Praxis die besten Ideen haben – nicht zwingend die Führungskraft selbst.

 

Welchen Stellenwert hat Fehlermanagement heute?

Angesichts globaler Lieferketten, komplexer Systeme und steigendem Veränderungsdruck wird professionelles Fehlermanagement immer wichtiger. Es reicht nicht, Fehler nur der Pflicht wegen zu dokumentieren – es braucht echtes Interesse, aus ihnen zu lernen. Gerade weil Ursachen oft nicht sofort offensichtlich sind, ist es wichtig, Fehler systemisch zu analysieren. Wer nur nach Schuldigen sucht, übersieht häufig das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Fehlern auf den Grund zu gehen, ist die Voraussetzung für wirkliche Verbesserung – und hilft, ähnliche Probleme in Zukunft zu vermeiden.

 

Welche Rolle kann Künstliche Intelligenz im Fehlermanagement spielen?

KI kann eine sinnvolle Unterstützung sein – etwa indem sie hilft, systematisch durch den Analyseprozess zu führen, Muster zu erkennen oder Schwachstellen zu identifizieren. Sie bietet Orientierung und Struktur. Aber: KI ist kein Allheilmittel. Ein schlechter manueller Prozess bleibt auch ein schlechter digitalisierter Prozess. Deshalb gilt: Erst saubere, durchdachte Prozesse schaffen – dann kann KI einen echten Mehrwert bringen.

Katja Maurer

Katja Maurer

Expertin für Prozess- und Fehlermanagement

Katja Maurer ist Geschäftsführerin der Dr. Maurer GmbH und Expertin für Prozessmanagement und Fehlermanagement. Sie hat ein Diplom in Lebensmitteltechnologie, zwei Masterabschlüsse und promovierte in molekularer Medizin. Mit 20 Jahren Führungserfahrung in der Industrie berät sie Unternehmen, lehrt an Hochschulen und publiziert wissenschaftlich.

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