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Neue Weltordnung – Der grosse Umbruch

Die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute regelbasierte Weltordnung wird umgekrempelt. Die Folge dürfte eine stark fragmentierte multipolare Weltordnung sein, welche mit erhöhten Unsicherheiten einhergeht. Für Anlegerinnen und Anleger steigt damit die Bedeutung einer breiten Diversifikation.

30.01.2026

Weltkugel baumelt am Haken

Das neue Jahr begann mit einem Paukenschlag. In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar starteten die USA eine grossangelegte Militäraktion in Venezuela, bei der Präsident Nicolás Maduro festgenommen und in die Vereinigten Staaten überführt wurde. Kurz nach dem Angriff auf das südamerikanische Land bekräftigte Donald Trump seine Absicht, Grönland unter US-Kontrolle zu bringen, und drohte mit einer militärischen Annexion. Diese Entwicklungen folgen einem klaren aussenpolitischen Plan. In Anlehnung an die «Monroe-Doktrin» wird von der neuen «Donroe-Doktrin» gesprochen. Die Monroe-Doktrin wurde 1823 vom damaligen US-Präsidenten James Monroe entworfen. Im Wesentlichen ging es darum, dass sich Europa nicht mehr in die westliche Hemisphäre einmischen soll. Die USA erklärten den amerikanischen Doppelkontinent zu ihrer alleinigen Einflusssphäre und warnten europäische Mächte vor weiterer Kolonisation oder Interventionen. Im Gegenzug versprachen die USA, sich nicht in europäische Konflikte und bestehende Kolonialgebiete einzumischen. Diese Doktrin war der Grundpfeiler der frühen US-Aussenpolitik. Letztlich wollten die USA damit die Unabhängigkeit junger lateinamerikanischer Staaten vor einer erneuten europäischen Einflussnahme schützen – insbesondere vor Spanien, Portugal, Grossbritannien und Russland. Die Doktrin wurde später immer wieder zur Rechtfertigung von US-Interventionen in Lateinamerika herangezogen. Donald Trump hat diese politische Stossrichtung adaptiert und erweitert. Dabei wird der Kontrolle über die westliche Hemisphäre die höchste geopolitische Priorität eingeräumt. Ergänzt wird sie um einen quasi‑imperialen Anspruch, inklusive Drohungen, Sanktionen und militärischer Operationen. Dieser alleinige Fokus auf nationale Sicherheits- und Machtinteressen geht einher mit einer Missachtung des Völkerrechts und der internationalen Institutionen sowie massivem Druck auf Verbündete. So drohte der US-Präsident der Europäischen Union (EU) mit hohen Zöllen, sollte sie sich einer Annexion Grönlands entgegenstellen. Dass er mit diesem Vorgehen gar das Ende der NATO herbeiführen könnte, scheint Donald Trump egal zu sein.

Die globale Unsicherheit hat deutlich zugenommen

Mit seiner Aussenpolitik sendet der US-Präsident ein fatales Signal an autoritäre und totalitäre Systeme. Wenn sich selbst die USA um das Völkerrecht foutieren, warum sollten sich Staaten wie Russland und China daran halten? Wenn sich die USA Grönland einverleiben, warum sollte China nicht Taiwan annektieren? Und für Russland gibt es noch weniger Grund, sich aus der Ukraine zurückzuziehen oder ernsthafte Friedensverhandlungen anzustreben. Kurzum: Die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute regelbasierte Weltordnung wird gerade vor unseren Augen in Echtzeit zerlegt. Die Folge dürfte eine stark fragmentierte multipolare Weltordnung sein, welche unausweichlich mit einer erhöhten Unsicherheit und Volatilität einhergeht. Dass die globalen Unsicherheiten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind, lässt sich an diversen Indikatoren ablesen.


Entwicklung des Global Economic Policy Uncertainty Index

Wechselkursentwicklung der G10-Währungen gegenüber dem USD seit Januar 2025

Quellen: Baker, Bloom & Davis, Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die massive Dollar-Abwertung signalisiert einen Vertrauensverlust in die USA  

Momentan scheinen diese Entwicklungen an den Börsen abzuperlen. Ganz nach dem Motto «Politische Börsen haben kurze Beine» bewegen sich die Aktienmärkte in der Nähe ihrer Allzeithöchststände. Dabei wird die Dimension des geopolitischen Umbruchs wohl unterschätzt, denn die Auswirkungen auf die Finanzmärkte sind gross. Der Vertrauensverlust in die USA hat sich bereits im vergangenen Jahr in Form einer deutlichen Abwertung des US-Dollars gezeigt.

Wechselkursentwicklung der G10-Währungen gegenüber dem USD seit Januar 2025

Wechselkursentwicklung der G10-Währungen gegenüber dem USD seit Januar 2025

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Trotz Leitzinssenkungen sind die langfristigen Zinsen gestiegen

Viele Notenbanken haben zudem begonnen, ihre US-Staatsanleihen zu reduzieren. Eindrücklich ist das in China zu beobachten. Die People’s Bank of China (PBoC) hatte noch vor wenigen Jahren amerikanische Staatsanleihen in der Grössenordnung von rund 1.1 Billionen US-Dollar in ihrer Bilanz. Gemäss den letzten offiziellen Daten ist der Bestand auf 688 Milliarden reduziert worden. Die PBoC dürfte die restlichen Bestände zügig in Richtung Null reduzieren. Im Gegenzug wird Gold gekauft, was unter anderem den massiven Preisanstieg beim gelben Edelmetall erklärt. Dass ausländische Gläubiger immer weniger dazu bereit sind, die Schulden der USA zu finanzieren, übt Druck auf die Zinsen aus. So sind beispielsweise die Renditen der langfristigen Staatsanleihen – trotz Leitzinssenkungen der US-Notenbank Fed – nach oben geklettert. Dies verteuert den Schuldendienst und schränkt den fiskalpolitischen Spielraum der USA zunehmend ein.


Entwicklung der US-Leitzinsen und der Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen

Entwicklung der US-Leitzinsen und der Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Eine fragmentierte Weltordnung, die mit einer Deglobalisierung einhergeht, wirkt zudem inflationär. Einerseits müssen neue Produktionsstätten sowie Wertschöpfungsketten aufgebaut werden und andererseits steigen die Rüstungsausgaben. Dies wird die Nachfrage nach Rohstoffen und damit verbunden deren Preise nach oben treiben. 

Diese Entwicklungen führen dazu, dass Anlegerinnen und Anleger zunehmend höhere Risikoprämien einfordern werden. Dies bedeutet perspektivisch höhere Kreditaufschläge bei Obligationen sowie sinkende Bewertungen bei riskanteren Anlageklassen. Gleichzeitig ergeben sich neue Anlagechancen, wie etwa im Infrastrukturbereich oder bei Rohstoffanlagen. Klar ist zudem: In einem von Unsicherheit geprägten und volatileren Umfeld ist eine breite Diversifikation der Anlagen unerlässlich.

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Der Goldpreis schiesst weiter durch die Decke. Allein im Januar hat sich das gelbe Edelmetall um weitere 28% verteuert. Auf-, aber nicht zufällig ist die Entwicklung seit dem Amtsantritt von Donald Trump am 20. Januar 2025: Gold notiert 95% höher. Darin widerspiegelt sich eine grosse geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheit. Mit ihrer Wirtschafts- und Aussenpolitik verstärkt die US-Regierung die Deglobalisierung und damit auch die De-Dollarisierung. Viele Staaten reduzieren im Eiltempo ihre Abhängigkeit von den USA und dem US-Dollar, indem sie amerikanische Staatsanleihen verkaufen und in Gold umschichten. Die hohe Nachfrage spricht für weiter steigende Goldnotierungen. Das Edelmetall gehört deshalb strategisch weiterhin in ein diversifiziertes Portfolio. Anlagetaktisch nehmen wir nach dem fulminanten Jahresstart aber einen kleinen Teil der Gewinne mit.

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.