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Emotionen beim Anlegen – Herdentrieb, Verpass- und Verlustangst

Emotionen gehören beim Anlegen dazu. Oft verleiten diese aber zu Fehlentscheiden. Für den nachhaltigen Anlageerfolg braucht es eine klare Anlagestrategie, einen kühlen Kopf sowie einen langen Atem.

Note in Form eines zerbrochenen Herzen

Achterbahnfahrt der GameStop-Aktien


Die Geschichte wiederholt sich. Das gilt auch an den Börsen. Weil das Verhalten der Anlegerinnen und Anleger von Emotionen wie Angst und Gier geprägt ist, kommt es immer wieder zu Übertreibungen. Und zwar in beide Richtungen. Ein eindrückliches Beispiel ist der Kursverlauf der Aktie des Computerspielehändlers GameStop. Die Gesellschaft schreibt seit 2019 Verluste und vernichtet damit laufend Aktionärswert. Hinzu kommt, dass GameStop mit seinen stationären Verkaufsläden in einer zunehmend digitalisierten Welt strategisch kaum zukunftsfähig ist. Trotzdem ist die Aktie zu einem Spielball von Spekulanten geworden. Im Januar 2021 schlossen sich auf der Social-Media-Plattform Reddit Hunderte von Kleinanlegern zusammen, mit dem Ziel, die angeschlagenen Aktie nach oben zu treiben. Damit wollten sie den Hedge-Funds, die mit Leerverkäufen auf einen Konkurs der schwer angeschlagenen Gesellschaft gewettet hatten, eins auswischen. In der Tat gelang es durch das koordinierte Vorgehen, die GameStop-Aktie von rund 5 auf zwischenzeitlich 120 US-Dollar schiessen zu lassen. Ein Kursplus von 2'300 Prozent in wenigen Tagen! Die involvierten Hedge-Funds erlitten Milliardenverluste und die «Kleinanleger» verdienten zwischenzeitlich viel Geld. Zumindest auf dem Papier. Die Freude währte indes nur kurz. Bis Mitte Februar 2021 fiel die Aktie auf 10 US-Dollar zurück. Auf diesem Niveau dümpelte der Valor auch Anfang Mai 2024 herum. Bis das Spiel von Neuem begann. Diese Achterbahnfahrt kann mit fundamentalen Entwicklungen nicht erklärt werden, sondern ist ein Ergebnis von Herdentrieb, Verpass- und Verlustangst. 

 

Kursentwicklung der GameStop-Aktie 

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die ausgeprägte Verlustaversion führt zu Fehlentscheiden

Die Analyse der Anlegerpsychologie ist die Basis der Verhaltensökonomie. Die Ergebnisse dieses eher jüngeren Forschungszweigs widersprechen der Aussage, dass die Märkte (jederzeit) effizient seien. Die Finanzmärkte neigen zwar in der längerfristigen Perspektive zu einem Gleichgewicht, kurzfristig sind aber wiederholt Spekulationsblasen und starke Korrekturen zu beobachten, die fundamental nicht erklärt werden können. Wegbereiter der auch als «Behavioral Finance» bezeichneten Lehre waren die Ökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky, welche 1979 einen Aufsatz unter dem Namen «Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk» veröffentlichten. Der kürzlich verstorbene Kahneman erhielt für seine Forschung zur Verhaltensökonomie im Jahr 2002 den Nobelpreis. In der Prospect Theory wurde unter anderem die kognitive Verzerrung bei der Beurteilung von Gewinnen und Verlusten beschrieben. Menschen unterliegen einer ausgeprägten Verlustaversion. Konkret wird ein Verlust emotional deutlich stärker gewichtet als ein identischer Gewinn. Das Verhältnis liegt im Durchschnitt bei 2:1. Das heisst, der Schmerz über einen Verlust von 1'000 Franken wiegt emotional gleich schwer wie die Freude über einen Gewinn von 2'000 Franken. Für Anlegerinnen und Anleger führt die Verlustaversion zu entsprechenden Fehlentscheiden beziehungsweise einem suboptimalen Verhalten. Grundsätzlich werden die Risiken beim Anlegen über- und die Chancen unterbewertet. Oft ist die Verlustaversion gar ein Hindernis, um überhaupt zu investieren. Einmal investiert, lässt sich zudem ein anderes problematisches Verhaltensmuster feststellen: Anleger tun sich in der Regel schwer, Wertpapiere mit einem Verlust zu verkaufen. Sie behalten die Aktie in der Hoffnung, dass sich diese irgendwann wieder erholt. Viele ehemalige Swissair- oder CS-Aktionäre können ein Lied davon singen. 

 

Verluste werden emotional deutlich höher gewichtet als Gewinne

Quellen: Raiffeisen Schweiz CIO Office

Das Gegenstück zur Verlustangst ist die Angst, etwas zu verpassen. Im Englischen spricht man von «Fear of missing out» (FOMO). Wenn die Börsen rasch steigen oder einzelne Anlagen in die Höhe schiessen, ist die Versuchung gross, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Dadurch besteht die Gefahr, auf überteuerten Wertschriften sitzen zu bleiben. Die Verpassangst erklärt auch, warum viele Menschen regelmässig einen Lottoschein ausfüllen. Die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot zu knacken, ist zwar deutlich kleiner, als vom Blitz getroffen zu werden – aber der Traum vom Millionengewinn lässt die Ratio in den Hintergrund treten.        
 

Emotionen prägen unser Anlageverhalten also in vielerlei Hinsicht. Für den langfristigen Anlageerfolg ist es entscheidend, sich dieser Verhaltensfehler bewusst zu werden sowie die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Gleichzeitig lässt sich aus den Übertreibungen an den Börsen Profit schlagen. Dafür ist ein antizyklisches Vorgehen notwendig. Folgendes Bonmot von Warren Buffett bringt es auf den Punkt: «Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn alle ängstlich sind.» Derzeit ist die Stimmung an den Finanzmärkten wieder optimistisch. Dies nicht zuletzt wegen der starken Performance seit vergangenem Herbst, welche zahlreiche Aktienmärkte auf Allzeithöchst getrieben hat. Dass das Investmentvehikel von eben zitiertem Warren Buffet, Berkshire Hathaway, in den vergangenen Monaten diverse Aktienpositionen reduziert hat und auf einem rekordhohen Liquiditätspolster von 189 Milliarden US-Dollar sitzt, mag verschiedene Gründe haben. Es kann aber auch als Signal interpretiert werden, dass aktuell nicht der ideale Zeitpunkt ist, um gierig zu werden. Im Gegenteil: Die starken Marktbewegungen in den letzten Monaten können genutzt werden, um ein Rebalancing des Portfolios vorzunehmen. Ein solches impliziert automatisch ein antizyklisches Vorgehen. Und ansonsten heisst es: Emotionen ausblenden und an der langfristigen Anlagestrategie festhalten.           

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Es ist wie auf einer Achterbahn. Gehen die Börsen hoch, steigt die Euphorie. Rauschen sie in den Keller, herrscht Depression. Emotionen gehören beim Anlegen dazu, verleiten aber oft zu teuren Fehlentscheiden. Aufgrund der Angst, etwas zu verpassen, springen Anleger verspätet auf einen fahrenden Zug auf und kaufen Wertschriften zu hohen Preisen. Umgekehrt fällt es schwer, sich von Verlustpositionen frühzeitig zu trennen. Viele CS-Aktionäre mussten dies jüngst schmerzhaft erfahren. Wer langfristig sein Vermögen steigern will, sollte Emotionen möglichst ausschalten. Das ist oft einfacher gesagt als getan. Eine Möglichkeit ist es, die Verwaltung des Vermögens zu delegieren. Im Zentrum steht dabei eine genaue Abklärung der eigenen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft. Darauf basierend wird die langfristige Anlagestrategie erstellt. Einmal festgelegt, gilt es, eisern an dieser festzuhalten – auch wenn es an den Börsen zwischendurch rumpelt.

Matthias Geissbühler Portrait

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.

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