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Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

Die US-Inflation hat überraschend zugelegt. Das dämpft die Zinssenkungshoffnungen der Marktteilnehmer. Zugleich bricht für die Börsen mit den Erstquartalszahlen der Unternehmen ein wichtiger Realitäts-Check an.

Börsen im Bann der Zinserwartungen

Die Inflation in den USA kletterte im März von 3.2% auf 3.5% – die Ökonomen hatten einen Anstieg auf 3.4% prognostiziert. Die Kernrate, welche die volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, stagnierte bei 3.8%. Damit erhielten die Zinssenkungsfantasien der Anleger nach den starken Arbeitsmarktdaten der Vorwoche einen weiteren Dämpfer. Eine Zinswende der Notenbank Fed bereits im Juni ist keinesfalls mehr in Stein gemeisselt. Das deuten auch deren jüngste Sitzungsprotokolle an, nach welchen die Währungshüter zuerst eine nachhaltige Senkung der Inflation hin zum 2%-Zielwert sehen wollen. Zusätzlich trübten die neuerlichen Spannungen im Nahen Osten die Kauflaune der Investoren. Die Aktienmärkte taten sich entsprechend schwer, eine klare Richtung einzuschlagen. Gefragt war einmal mehr Gold. Der Preis für das Edelmetall markierte einen Rekordstand bei 2'385 US-Dollar pro Unze. Derweil ist hierzulande der Startschuss für die Erstquartalszahlen der Unternehmen gefallen. Diese dürfte angesichts der für 2024 klar positiven Gewinnschätzungen der Analysten zu einem Realitäts-Check für die Finanzmärkte werden. Mit 12.6% ist der Aromen- und Duftstoffhersteller Givaudan zum Jahresauftakt organisch stark gewachsen. Mittelfristig strebt er ein Umsatzplus von 4% bis 5% pro Jahr an. Ebenfalls positiv überrascht hat Barry Callebaut. Der Schokoladenkonzern steigerte dank seiner starken Marktposition den Umsatz im ersten Semester des Geschäftsjahres 2023/24. Wegen der höheren Kakaopreise hat allerdings die Profitabilität gelitten. Die Erwartungen verfehlt hat VAT. Der Vakuumventil-Hersteller zog im ersten Quartal zwar mehr Aufträge an Land, der Umsatz sackte aber um fast 15% ab. Einen ähnlich grossen Umsatzrückgang verbuchte der Verbindungstechnikspezialist Bossard. Gründe sind die Konjunkturflaute und der trotz der jüngsten Schwächetendenzen immer noch harte Franken. Der Versicherungsriese Helvetia legte für 2023 erstmals den Jahresabschluss nach IFRS-Rechnungslegung vor. Der Gewinn ging um 37% zurück. Die Aktionäre dürfen sich dennoch über eine Dividendenerhöhung um 40 Rappen auf 6.30 Franken pro Aktie freuen.

 

Rekordhohe Konkurszahlen

Im Jahr 2023 wurden in der Schweiz 15'447 Firmen- und Privatkonkurse eröffnet. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Zeitreihe. Massgeblich dazu beigetragen hat die Corona-Pandemie. Viele konkursgefährdete Unternehmen wurden künstlich am Leben erhalten und können die gewährten Kredite nun nicht zurückzahlen.

EZB hält die Beine still

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat an ihrer April-Sitzung keine Anpassung der Leitzinsen beschlossen. Angesichts der Inflationsentwicklung gehen wir davon aus, dass die Währungshüter im Juni die Zinswende einläuten dürften. Die quartalsweise erscheinende «Bank Lending Survey» der EZB belegt derweil die Wirkung der strafferen Finanzierungsbedingungen in der Wirtschaft. So hat sich die Nachfrage nach Firmenkrediten zu Jahresbeginn entgegen der Erwartung deutlich verringert. Für den Zeitraum April bis Juni gehen die befragten Banken von einer weiteren Abschwächung aus.

 

Leichter Konjunktur-Optimismus

Die Hoffnung auf sinkende Zinsen im Euroraum stimmt die Marktteilnehmer hinsichtlich der Konjunktur vorsichtig optimistisch. Das Sentix-Barometer kletterte im April um 4.6 Zähler auf -5.9 Punkte, den höchsten Stand seit Ausbruch des Ukraine-Krieges. Für die Aussichten für die kommenden Monaten liegt dieses gar wieder im positiven Bereich. Sorgenkind bleibt Europas grösste Volkswirtschaft, Deutschland.

 

Totgeglaubte «Brombeeren» leben länger

Die einem Taschencomputer ähnelnden Handys von Blackberry waren Kult. Seit sie vom Markt verschwunden sind, ist es um den kanadischen Softwarehersteller jedoch ruhig geworden. Nun hat dieser eine Kooperation mit dem US-Halb­leiterriesen AMD für Robotiksysteme angekündigt. Die Blackberry-Aktie quittierte das mit einem Plus von über 7%. Für langjährige Anteilseigner ist das ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn die Papiere notieren 99% unter ihrem Höchststand aus dem Jahr 2008.

 

Aufgefallen

Alle wollen auf's «Top of Europe»

Erstmals nach 2019 und zum fünften Mal überhaupt reiste im vergangenen Jahr mehr als eine Million Besucher zum Jungfraujoch. Das liess bei den Bahn­betreibern die Kasse ordentlich klingeln: Die Jung­fraubahn-Gruppe verdiente knapp 80 Millionen Franken – so viel wie noch nie!

Auf der Agenda

Berichtssaison nimmt Fahrt auf

Nächste Woche rapportieren unter anderem der Industriekonzern ABB, der Liftbauer Schindler sowie der Baustoffhersteller Sika über den Geschäftslauf im ersten Quartal.

Chart der Woche

Im Windschatten des grossen Bruders

Silberpreis, in US-Dollar pro Feinunze

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Eine Unze Silber kostet mit rund 28 Dollar aktuell soviel wie letztmals im Sommer 2021. Damit hat sich der kleine Bruder von Gold seit Anfang Jahr um 17% verteuert. Ähnlich wie dieses profitiert Silber von den Zinserwartungen der Marktteilnehmer. Denn tiefere Zinsen bedeuten geringere Opportunitätskosten für das Halten des Edelmetalls. Darüber hinaus ist der Silberpreis trotz der jüngsten Rally noch weit entfernt von seinem Allzeithoch aus dem Jahr 2011 bei 50 Dollar. Das erhöht aus Investorensicht die relative Attraktivität gegenüber dem rekordteuren Gold als sicherer Kapitalhafen und Portfoliodiversifikator.

Publikation «Marktkommentar»

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