Märkte & Meinungen

Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen», sagt ein Sprichwort. In einer solchen Lage befinden sich derzeit Anleger und Analysten. Trotz Unsicherheit gibt es bei Investoren klare Favoriten.

Chart der Woche

100 Jahre laufende Anleihen im Vergleich

Österreich schlägt Argentinien, indexiert

100 Jahre laufende Anleihen im Vergleich

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Mit Obligationen lässt sich trotz niedrigen Zinsen Geld verdienen. Etwa mit der bis 2117 laufenden österreichischen Staatsanleihe. Weil die Zinsen weiter gesunken sind, hat sich ihr Wert seit Emission beinahe verdoppelt. Allein dieses Jahr kletterte die Anleihe 20 %. Ganz anders ein 100 Jahre laufendes Papier aus Argentinien. Es wurde zwar anfangs stark nachgefragt, handelt heute wegen des drohenden Staatsbankrotts aber 50 % unter dem Emissionskurs.

Aufgefallen

Autobranche leidet, ausser in China

In Deutschland sind die Autoverkäufe im ersten Halbjahr auf das niedrigste Niveau seit 30 Jahren gesunken. Demgegenüber ist die Lage in China erfreulich. Für Juni wird ein Zuwachs von 11 % gegenüber Vorjahr prognostiziert.

 

Auf der Agenda

Flughafen Zürich

Am 13. Juli publiziert der Flughafen Zürich seine Verkehrszahlen für Juni 2020. Nach einem Einbruch bei den Passagierzahlen von 98 % im Mai und 99 % im April, zeichnet sich mit der Lockerung der Corona-Massnahmen eine Erholung ab.

 

Das Potenzial am Aktienmarkt ist limitiert, aber wie stark?

Der Fall scheint klar: Fast 90 % der Analysten empfehlen LafargeHolcim-Aktien zum Kauf. Über die kommenden 12 Monate erwarten sie einen Kursanstieg von 12 %. Die Aktien des Zementherstellers gehören damit aktuell zu den attraktiven grosskapitalisierten Schweizer Unternehmen. Das Kurspotenzial lässt sich allerdings rasch und einfach relativieren: Verglichen mit Anfang Jahr handeln die Valoren mit einem Abschlag von 15 %. Bis Mitte März büssten die Aktien fast die Hälfte ihres Wertes ein, erholten sich danach aber überdurchschnittlich. Für Anleger gilt vor allem: Diese Aktien schwanken stark. 

Ein entspannteres Bild vermittelt der breite Markt. Wer dieses Jahr in den Swiss Market Index (SMI) investierte, hat nichts verdient – inklusive Dividenden aber auch nichts verloren. Mit Blick auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten ist das ein gutes Ergebnis. Da es sich bei der Indexentwicklung aber um einen Durchschnittswert handelt, ist die Kursentwicklung der einzelnen Aktien im Schweizer Leitindex zu betrachten, und diese geht weit auseinander. Spitzenreiter ist mit einem Plus von 45 % der Pharma-Auftragsfertiger Lonza, Schlusslicht ist die Rückversicherung Swiss Re, die 30 % unter ihrem Wert von Anfang Jahr handelt. 

Die Ursachen und Probleme sind bekannt: Corona, Lockdown, Rezession. Was Anleger in diesem Umfeld deshalb stärker als sonst  interessiert, ist der Ausblick. Doch gerade dieser ist in der aktuellen Marktphase schwierig. Da der wirtschaftliche Schaden den das Coronavirus verursacht hat, nur schwer quantifizierbar ist, haben einige Unternehmen ihre Prognose für das laufende Jahr gestrichen. Wegen dieser Schwierigkeiten sind Anleger versucht, die Einschätzungen und Kursziele der Analysten zur Hilfe nehmen, um einen Eindruck über das mögliche Potenzial eines Investments zu erhalten.

Für SMI-Unternehmen bietet sich folgendes Bild: Die Kursziele der Analysten bewegen sich in einer Spanne von Minus 16 bis Plus 16 Prozent. Ein Rückschlag ist zu erwarten, wenn die Titel bereits über dem zu erwartenden Kursziel handeln, was für acht Aktien im Schweizer Leitindex gilt. Am stärksten unter Druck könnten demnach Geberit und Givaudan kommen. Die aktuellen Aktienkurse für den Sanitärtechniker und den Aromen- und Riechstoffhersteller liegen bereits 13 bzw. 16 % über dem erwarteten Kursziel der Analysten. Aber auch Lonza und der Industriekonzern ABB scheinen vorerst ausgeschossen. Hier offenbart sich ein Problem: Oft hinken die Einschätzungen der Analysten den Kursen hinterher. Lonza dürfte als Auftragsfertiger eines Impfstoffs gegen Covid-19 profitieren, ABB startet ein umfangreiches Aktienrückkaufprogramm. Titel, bei denen der Durchschnitt der Anlagespezialisten zweistelliges Potenzial sieht, sind der Lebensversicherer Swiss Life, die Pharmakonzerne Novartis und Roche sowie die Grossbank Credit Suisse. Bei diesen Titeln wird ein Zuwachs von 12 bis 16 % prognostiziert. 

Auch der Grundtenor ist positiv. Bei der Hälfte der SMI-Aktien überwiegen die Kaufempfehlungen. Verkaufsempfehlungen werden verhältnismässig selten ausgesprochen. Was die Aktienkurse zudem stützt, sind die Zentralbankmassnahmen, die die Wirtschaft am Laufen und die Zinsen niedrig halten sollen. Gerade die niedrigen Zinsen erhöhen direkt den Unternehmenswert, wenn künftige Umsatz- und Gewinnschätzungen mit einem niedrigeren Zinssatz abdiskontiert werden. Auch wenn die Kursziele ein verlockendes und vor allem einfach verständliches Instrument darstellen, sollten sie nicht als alleiniges Entscheidungskriterium dienen.