Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen
12.08.2026
Fredy Hasenmaile
Raiffeisen Chefökonom
Aufwärts!
Anfang Juli fand unsere traditionelle Medienkonferenz mit dem Ausblick auf das zweite Halbjahr statt. Unsere Hauptbotschaft war die bemerkenswerte Resilienz der Schweizer Wirtschaft – trotz geopolitischer Spannungen, des Krieges zwischen den USA und Iran, der durch den Golfkrieg ausgelösten Ölkrise, des weiterhin schwelenden Zollkonflikts, technologischer Umbrüche und einem hohen Mass an Unsicherheit.
Von der Resilienz zum Aufschwung
Die Widerstandskraft der Schweiz fusst auf einer breit aufgestellten und ausgeprägt wettbewerbsfähigen Wirtschaft, zu welcher der starke Franken entscheidend beiträgt. Die ständigen Aufwertungen zwingen die Schweizer Exportwirtschaft zu einem andauernden Fitnessprogramm. Gestählt durch diesen unablässigen Druck, Prozesse zu rationalisieren und Kosten zu senken, präsentieren sich die Schweizer Unternehmen in einem überaus fitten Zustand. Der Strukturwandel vollzieht sich hierzulande kontinuierlich. So stauen sich Probleme weniger stark auf, als dies derzeit etwa in Deutschland zu beobachten ist. Deshalb bewältigt die Schweiz globale Krisen besser als andere Länder. Zum wiederholten Male zeigte sich dies bei der jüngsten Energiekrise. Zu verdanken ist diese Resilienz auch der deutlich geringeren Energieintensität der Schweizer Wirtschaft. Anders als in den 1970er-Jahren zählt die Schweiz heute zu jenen Ländern, die für einen Franken Wertschöpfung besonders wenig Energie benötigen. Entsprechend ist die Inflation in der Schweiz trotz der Ölknappheit nur leicht gestiegen. Die Kerninflation bewegt sich seit dem Frühjahr stabil bei 0,3 Prozent, weshalb auch keine Leitzinserhöhungen drohen.
Ende der dreijährigen Industrieflaute
Anderthalb Monate nach der Medienkonferenz können wir den positiven Ausblick bestätigen – und sogar noch eine Spur optimistischer werden. Zahlreiche Indikatoren deuten auf eine Verbesserung der konjunkturellen Situation hin. Das Konjunkturbarometer der KOF lag im Juli den zweiten Monat in Folge über seinem langfristigen Durchschnitt. Auch die Schweizer Einkaufsmanagerindizes notieren aktuell wieder über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten, nachdem ihnen dies drei Jahre lang nicht gelungen war. Offenbar vermochte der Krieg zwischen den USA und Iran den Ausbruchversuch aus der globalen Industrieflaute, der sich zu Jahresbeginn abzeichnete, nicht abzuwürgen. Im Gegenteil, die Erholung gewinnt an Breite und lässt auch den Dienstleistungssektor erstarken. Der Schweizer Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor hat entsprechend kräftig zugelegt.
Frühe positive Signale vom Arbeitsmarkt
Auch vom Arbeitsmarkt kommen positive Signale. Zwar stieg die offizielle Arbeitslosenquote im Juli um 0,1 Prozentpunkte auf 3 Prozent. Saisonbereinigt verharrte sie jedoch bei 3,1 Prozent. Die Beschäftigungspläne der Unternehmen haben sich im Dienstleistungssektor verbessert und fallen im Verarbeitenden Gewerbe weniger negativ aus. Insgesamt planen mehr Unternehmen einen Stellenaufbau als -abbau. Gleichzeitig erholt sich in der Industrie die Zahl der Einsatzstunden von Temporärarbeitskräften. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ermöglicht Temporärarbeit den Unternehmen, bei anziehender Nachfrage rasch Aufträge anzunehmen und das dafür benötigte Personal aufzubauen. Nach einer konjunkturellen Delle zeigt sich der Aufschwung deshalb meist im Temporärarbeitsmarkt zuerst. Das Schlimmste scheint auf dem Arbeitsmarkt demnach hinter uns zu liegen.
Konsum gewinnt an Schwung
Verbesserte Daten meldet auch der Konsum. Nachdem der private Konsum im ersten Quartal noch ein Nullwachstum verzeichnete, fasste etwa der Detailhandel im zweiten Quartal wieder Tritt. Die nominalen und realen Detailhandelsumsätze drehten sowohl im Quartals- als auch im Vorjahresvergleich wieder ins Plus. Die Erholung geht hauptsächlich vom Lebensmitteldetailhandel aus, während sie im Non-Food-Bereich verhaltener ausfällt. Weil die Inflation nur moderat auf den Energiepreisschub reagiert hat, können die Konsumenten auch in diesem Jahr mit einem weiteren Reallohnwachstum rechnen. Dieses fällt zwar nicht mehr so üppig aus wie noch im Vorjahr, dürfte aber dennoch zum positiven Momentum beitragen.
Zünden auch die Investitionen?
Damit aus den Erholungstendenzen ein belastbarer Aufschwung wird, müssen nun auch die Exporte wieder auf den Wachstumspfad einschwenken und die Investitionen einen höheren Beitrag ans Wachstum beisteuern. Von diesen beiden Komponenten wird es massgeblich abhängen, ob das Wachstum der Schweizer Wertschöpfung im kommenden Jahr wieder dem Potenzialwachstum von rund 1,6 Prozent näherkommt. Die Chancen dazu stehen gut, denn die Richtung stimmt. Es geht wieder aufwärts.
Fredy Hasenmaile
Raiffeisen Chefökonom
Seit 2023 ist Fredy Hasenmaile Chefökonom von Raiffeisen Schweiz und Leiter des Economic Research der Bank. Er analysiert mit seinem Team die globalen und Schweizer Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklungen und ist für die Einordnung des Wirtschaftsgeschehens sowie die Prognose von wirtschaftlichen Schlüsselkennzahlen verantwortlich.
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