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Erdölschock – Auswirkungen auf die Finanzmärkte

Der Iran-Krieg hat zu einem deutlichen Anstieg der Energiepreise geführt und wirkt stagflationär. Die Volatilität an den Finanzmärkten dürfte vorerst erhöht bleiben. Anlagetaktisch positionieren wir uns deshalb kurzfristig defensiver.

27.03.2026

Ölfass mit Schloss

Der Krieg im Iran führt zu einem massiven Preissprung beim Erdöl

Von 60 auf 110 US-Dollar in zwei Monaten! Der Erdölpreis pro Barrel ist im Zuge des Iran-Krieges seit Jahresbeginn um rund 80% gestiegen. Der Grund ist einfach: Die Strasse von Hormus ist derzeit für den Schiffstransport gesperrt. Durch diese Meeresenge wird mehr als 20% der globalen Erdöl- und Erdgasproduktion transportiert. Das sinkende Angebot und die anhaltenden Unsicherheiten im Nahen Osten haben die Energiepreise explodieren lassen. Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Das Tanken von Benzin oder Diesel an der Zapfsäule geht ins Portemonnaie. Auch die Transportkosten sind gestiegen, was den Flug- und Warenverkehr verteuert. Neben diesen direkt sichtbaren Konsequenzen wirken höhere Erdölpreise auch indirekt inflationär. In der chemischen Industrie beispielsweise bilden Erdölderivate die Basis für die Herstellung von Kunststoffen, Plastik, Textilien, Waschmittel, Kosmetika oder Düngemittel. Je länger die Sperrung der Strasse von Hormus anhält, desto stärker wird der Druck auf die globale Inflation. 

 

Preisentwicklung von Erdöl der Sorte Brent, in USD pro Barrel

Preisentwicklung von Erdöl der Sorte Brent, in USD pro Barrel

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die höheren Inflationserwartungen lassen die Kapitalmarktzinsen steigen 

Jedes Land hat je nach Energiemix eine unterschiedliche Sensitivität zu den Erdöl- und Erdgaspreisen. Als Faustregel gilt aber, dass ein Anstieg des Erdölpreises um 10 US-Dollar pro Barrel die globale Inflation um knapp 0.2% steigen lässt. Bliebe der Ölpreis also über mehrere Monate hinweg bei 110 US-Dollar, würde dies die Teuerung um bis zu einem Prozentpunkt anheben. Die deutlich gestiegenen Inflationserwartungen haben auch die Kapitalmarktzinsen nach oben getrieben. In Italien beispielsweise lag die Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen vor Ausbruch des Krieges Ende Februar bei 3.27%. Aktuell wirft die Anleihe eine Rendite von 3.97% ab, was einem Anstieg von 70 Basispunkten entspricht. Selbst in der Schweiz sind die Zinsen über die gesamte Zinskurve hinweg um rund 25 Basispunkte gestiegen. 

 

Zinskurve von Schweizer Staatsanleihen, aktuell und vor Ausbruch des Krieges

Zinskurve von Schweizer Staatsanleihen, aktuell und vor Ausbruch des Krieges

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Höhere Preise sowie steigende Zinsen sind Gift für die Wirtschaft. Sowohl Konsumentinnen und Konsumenten als auch Unternehmen sind vom Angebotsschock betroffen. Geografisch ist insbesondere bei Netto-Importeuren von fossilen Brennstoffen wie China, Japan, Indien, aber auch den meisten europäischen Staaten mit stärkeren konjunkturellen Bremsspuren zu rechnen. Der Ölpreisschock wirkt damit stagflationär. Der Zeitpunkt ist besonders für Europa bitter, hat sich doch in den letzten Monaten eine zaghafte Erholung in der Industrie abgezeichnet. Bei einem länger dauernden Konflikt wird die zarte Pflanze der Hoffnung im Keim erstickt. 

Die Strasse von Hormus bleibt bis auf Weiteres gesperrt 

Die entscheidenden Fragen sind, wie und wann der Krieg endet. Die US-Administration hat sich offensichtlich verkalkuliert und sowohl ein Regimewechsel sowie die Neutralisierung oder Beschlagnahmung des angereicherten Urans sind mit den derzeitigen militärischen Anstrengungen nicht zu erreichen. Viele Marktteilnehmer gehen trotzdem davon aus, dass Donald Trump seinem Ruf als «TACO-Man» nachkommen und den Krieg bald für beendet erklären wird. In diesem Fall ist das allerdings nicht so einfach. Zölle beispielsweise kann Trump einseitig erhöhen und wieder senken. Für ein Ende des Krieges braucht es aber das Einverständnis und die Bereitschaft von beiden Seiten. Für die Mullahs ist es derzeit weiterhin ein Leichtes, die Strasse von Hormus unpassierbar zu halten, selbst nachdem ihre militärischen Ressourcen erheblich dezimiert wurden.

 

Anzahl Rohöl-Tankerfahrten durch die Strasse von Hormus

Anzahl Rohöl-Tankerfahrten durch die Strasse von Hormus

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Für einen Waffenstillstand fordert der Iran deshalb Reparationszahlungen sowie einen kompletten Rückzug des US-Militärs aus den Stützpunkten im Nahen Osten. Klar ist, dass die USA solchen Forderungen nicht nachkommen werden. Die Zeichen stehen deshalb auf eine Fortsetzung des Krieges. Aber selbst wenn es zu einem Ende des Konfliktes kommt, wird es Monate dauern, bis die teilweise beschädigte Energieinfrastruktur im Nahen Osten repariert ist und die Lieferketten wieder intakt sind.   

Die Schwankungen an den Börsen dürften vorerst hoch bleiben

An den Finanzmärkten werden die Schwankungen in den kommenden Wochen deshalb hoch bleiben. Aufgrund der jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben wir unsere Anlagetaktik bereits Mitte März angepasst und Schwellenländeraktien sowie Hochzinsanleihen zugunsten von Gold, Schweizer Aktien und der Liquidität reduziert. Damit stellen wir die Portfolios noch etwas defensiver auf. Nach diesen Adjustierungen sind wir aus unserer Sicht gut für das rauer gewordene Umfeld positioniert. Gleichzeitig ist es in solchen Marktphasen entscheidend, am eingeschlagenen Kurs beziehungsweise der langfristigen Anlagestrategie festzuhalten. 

 

Entwicklung des Volatilitätsindex für Schweizer Aktien (VSMI)

Entwicklung des Volatilitätsindex für Schweizer Aktien (VSMI)

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Volatilität gehört beim Anlegen dazu. Investoren werden für diese Schwankungen langfristig mit höheren Renditen entschädigt. Das Fazit daraus lautet: Geduld zahlt sich beim Investieren immer aus, auch wenn zwischendurch – wie gerade jetzt – die Nerven strapaziert werden. 

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Buy the Dip? Diese Frage stellen sich derzeit viele Anlegerinnen und Anleger. Die Strategie, bei Kursrücksetzern sofort nachzukaufen, hat sich seit der Pandemie stets ausbezahlt, denn die jeweiligen Korrekturen wurden rasch wieder wettgemacht. Im Falle des Iran-Krieges ist es aus unserer Sicht dafür aber noch zu früh. Seit dem Kriegsausbruch hat der Weltaktienindex rund 6% an Wert eingebüsst. Im historischen Kontext hält sich der Rücksetzer damit noch in sehr engen Grenzen. Während der Ölkrise (ab 1973) und dem Zweiten Golfkrieg (ab 1990) lagen die jeweiligen Abschläge bei über 20%. Die aktuelle Korrektur zeigt, dass die Märkte mit einem raschen Ende des Krieges rechnen. Ob dieses Szenario wirklich eintrifft, ist derzeit allerdings fraglich. Für grosse Zukäufe ist es deshalb noch zu früh. Den Einkaufszettel kann man aber durchaus schon mal bereitstellen.   

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.