Ein Sommerhaus im Maggiatal

Vor ein paar Jahren entdeckte der Architekt Daniel Buchner eher zufällig ein verlottertes Steinhaus im Maggiatal. Er verfiel seinem Charme, kaufte es, baute es um. Heute nutzt er es während den Sommermonaten als Refugium vom Alltag.

Sommerhaus Maggiatal

Sommerhaus Maggiatal

Patrick Ilg: Daniel Buchner, das Steinhaus war Liebe auf den ersten Blick. Wie kam es dazu?

Daniel Buchner: Im Frühling 2008 reiste ich für ein Projekt mehrere Male ins Tessin. Eines Abends sah ich zufällig den Aushang des Hauses und vereinbarte spontan einen Termin für den nächsten Morgen. Als ich in Linescio ankam, lag der Winter noch in der Luft, die Landschaft war karg und ruhig. Nur das ferne Rauschen der Rovana durchdrang die Stille. Auf dem Weg zum Haus entdeckte ich eine Magnolie – ich war auf Anhieb von diesem Ort verzaubert.

 

In welchem Zustand fanden Sie das Haus vor?

Die 200 Jahre alten Steinmauern waren in einem guten Zustand. Im Gegensatz zum Innern des Hauses: Es verfügte nur über ein einziges bewohnbares Zimmer. Die drei zusätzlichen Räume dienten als Stall für die Tiere, als Rösterei für die Kastanien und als Heukammer. Fliessend Wasser gab es nicht, Strom auch nicht. Im Dach klaffte ein grosses Loch, das Gebälk war morsch. An der Tür hing ein Kalender aus dem Jahr 1958 – seither hatte niemand mehr hier gewohnt.

 

Und trotzdem sahen Sie sein Potential?

Ich verfiel seinem Charme. Eigentlich wollten wir kein Ferienhaus, aber das verwunschene Haus ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wir haben es gekauft, ohne zu wissen, was wir genau damit anfangen wollten. Als erstes haben wir es entrümpelt – Werkzeuge, Schaufeln, Sägen, Kupferkessel und Geschirr. Im Laufe der Jahre hatte sich einiges angesammelt. Langsam verwandelte sich das fremde Haus in unser Haus. Mit der Zeit wurde uns immer klarer, dass wir unsere Bedürfnisse nach einer zeitgemässen Behausung mit Respekt gegenüber der Geschichte des Hauses umsetzen wollten.

 

Konkret?

Das Haus hat uns das Schicksal dieser Region näher gebracht. Ende des 19. Jahrhunderts zwangen Hungersnöte fast jeden dritten Mann, das Tal zu verlassen. Die, die zurückblieben, lebten ein karges, hartes Leben. Diese Einfachheit wollten wir bewahren – und verzichteten zum Beispiel auf eine Wärmeisolation, weil sie die Ausstrahlung des Hauses verändert hätte. Wir können das Haus nur im Sommer bewohnen, aber der ist im Süden zum Glück länger als ennet dem Gotthard.

 

Wie lange dauerte der Umbau?

Etwa drei Jahre. Wir haben mit einheimischen Handwerkern zusammengearbeitet und viel selber gemacht. Es war eine grossartige Erfahrung: Die Nachbarn freuten sich, dass das Haus wieder bewohnt war, sie haben uns zum Essen eingeladen und uns ihr Schlafzimmer angeboten, wenn wir wegen des Umbaus nicht «bei uns» schlafen konnten. Trotz der Lage abseits der Strasse gingen die Bauarbeiten erstaunlich gut voran. Das meiste Material haben wir zu Fuss zum Haus getragen, nur für die schweren Teile haben wir einen Helikopter organisiert.

 

Wie fühlt sich das Ferienleben in den alten Mauern zehn Jahre später an?

Entspannt! Wenn das Wetter mitspielt, kommen wir zwischen März und November regelmässig nach Linescio. Die ursprüngliche Einfachheit und die Materialisierung sind immer noch spürbar: Wir haben eine Feuerstelle, einen kleinen Kochplatz und fliessend Wasser – diese Elemente sind modern und schlicht gestaltet. Die Ruhe und Stille des Ortes und des Hauses, die mich anfänglich so faszinierten, konnten wir bewahren. Wenn wir hier sind, ist der Alltag weit weg. Wir lesen viel und freuen uns an den Jahreszeiten: an den neongrünen Tönen des Frühlings, an den heissen Sommertagen, die uns in den Schatten der Bäume oder ins Haus treiben, und an den rostroten Kastanienbäumen im Herbst.

 

 

 

 

Autor Fotografie
Patrick Ilg Claudio Bader