«Wärmepumpen und Photovoltaik sind sehr populär geworden»

Die Studie «10. Kundenbarometer erneuerbare Energien» der Universität St. Gallen erörtert und analysiert einmal mehr Einstellung und Verhalten der Schweizer Bevölkerung in Energie- und Klimafragen. Im Interview mit dem Studienleiter und Initianten, Prof. Rolf Wüstenhagen, blicken wir auf die Anfänge der Umfrage zurück und ziehen eine erste Bilanz.

Eines ist all die Jahre konstant: Die Solarenergie ist und bleibt der Liebling der Schweizer Bevölkerung. In allen Umfragen in den letzten zehn Jahren erhält sie eine durchgängig hohe Zustimmung. «Solarenergie wird von allen geliebt und ist praktisch unumstritten, was man von keinem anderen Energieträger sagen kann», stellt Rolf Wüstenhagen (49) fest. Positiv überrascht ist der Inhaber des Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien darüber, dass neue Trends wie Batteriespeicher oder Elektromobilität in die Gänge kommen. 

Die Absicht der Studie ist es, Wissen zur Verfügung zu stellen und neue Entwicklungen aufzuspüren. So nahm die Umfrage beispielsweise das Thema Bildung schon auf, bevor es die Klimastreiks gab. Auch die Flugticketabgabe wurde schon angesprochen, bevor sie in den Medien breit diskutiert wurde. «Wir haben also gewisse Trends frühzeitig erkannt», stellt Rolf Wüstenhagen nicht ohne Stolz fest. Raiffeisen hat die Erkenntnisse der Studie genutzt, um einige Themen zu forcieren und umzusetzen wie die Partnerschaft mit dem Verein GEAK (Gebäudeenergieausweis der Kantone) oder die Etablierung von Raiffeisen eVALO, der energetischen Immobilenbewertung in der Wohneigentumsberatung.

Prof. Rolf Wüstenhagen im Interview

Interview: Pius Schärli

 

Noch immer werden mehr als 80% des globalen Energiebedarfs von nicht erneuerbaren Energien gedeckt. Warum geschieht die Transformation so zögerlich?

Rolf Wüstenhagen: Das Thema Klimawandel ist sehr eng mit dem verknüpft, was uns in der Vergangenheit den Wohlstand ermöglicht hat. Wir laufen jetzt schon 150 Jahre mit dem Gefühl durch die Welt, dass fossile Brennstoffe unseren Wohlstand positiv beeinflussen. Dieses Gefühl über Bord zu werfen ist eine grosse kulturelle Herausforderung. Keiner verabschiedet sich gerne vom Erfolg vergangener Tage. Es gilt umzudenken und umzulernen. Das macht das Ganze so schwierig und träge.

Spielt die Angst vor dem Ungewissen mit eine Rolle?

Durchaus. Was man hat, das hat man und was da kommt, das kennt man noch nicht so genau. Man weiss, dass Autos mit Verbrennungsmotoren funktionieren. Man weiss in der Zwischenzeit aber auch, dass sie die Luft verschmutzen und zum Klimawandel beitragen. Das Umdenken ist wie Fahrradfahren zu lernen, am Anfang wackelt es und man braucht eine gewisse Zeit bis zur Sicherheit. Durch diesen Lernprozess müssen wir durch.

 

Was steht dem Energiewandel noch im Weg?

Fossile Brennstoffe haben eine hohe Energiedichte und eine Wohlstandsdichte, die sich besonders in Entwicklungsländern mit Ölvorkommen manifestiert. Der sogenannte Ressourcenfluch führt dazu, dass sehr wenige sehr viel Geld und Macht besitzen. Ähnliche Machtkonzentrationen in Industrieländern bremsen den Energiewandel, wie das Beispiel des Ausstiegs von Deutschland aus der Kohleproduktion zeigt.  

 

Tut der Bundesrat genug, um der Wirtschaft die Transformation zu ermöglichen?

Ich beobachte, dass sich in den letzten 12 Monaten einiges in Bewegung gesetzt hat, auch dank der Klimastreiks – dies nachdem sich in den 30 Jahren zuvor leider nur sehr wenig bewegt hatte. So hat der Bundesrat nun die Klimaneutralität der Schweiz bis 2050 beschlossen und so eines der zentralen Anliegen einer Volksinitiative aufgenommen. Einzelne Städte haben über einen Klimanotstand diskutiert. Die Demokratie hat aber offenkundig Mühe, mit dem Tempo des Klimawandels Schritt zu halten. Sie muss an Geschwindigkeit zulegen.

Zehn Jahre Kundenbarometer – für Sie ein Grund zur Freude?

Die Freude überwiegt ganz eindeutig. Wir haben das Produkt gemeinsam mit Raiffeisen professionalisiert, weiterentwickelt und Ausdauer bewiesen. Heute ist die Studie eine der umfassendsten Umfragen im europäischen Raum zu Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung in Energie- und Klimafragen.

 

Wenn Sie noch einmal von vorne beginnen könnten…

Ich hätte mir noch viel mehr Fragen gewünscht, die man in einem 10-Jahres-Vergleich hätte auswerten können. Wir haben aber 2011 nicht voraussehen können, welche Phänomene 2020 eine Rolle spielen werden. Wir mussten Jahr für Jahr aufs Neue abwägen, zwischen langfristiger Vergleichbarkeit und dem Aufgreifen aktueller Entwicklungen.

 

Wann haben Sie rückblickend betrachtet in den vergangenen zehn Jahren gespürt: Wirtschaft und Politik sind zum Aufbruch bereit?

Mit Fukushima ging ein erster Ruck durchs Land. Mit Greta erleben wir acht, neun Jahre später den nächsten Energieschub. Dazwischen flachte das Bewusstsein ein wenig ab. Das Ganze ist und bleibt ein Marathonlauf, dessen Ziel noch in weiter Ferne ist.  

 

Bei der Befragung 2015 glaubte die Hälfte der Befragten nicht, dass die Schweiz eines Tages ohne fossile Energien auskommen kann. Hat sich dieser Anteil verändert?

Die Leute sind diesbezüglich ein wenig zuversichtlicher. Heute glauben zwei von drei Menschen, dass wir dies schaffen werden. Es braucht aber noch viel Überzeugungsarbeit.

 

Wenn Sie den Fukushima- mit dem Greta-Effekt vergleichen – was stellen Sie fest?

Der Greta-Effekt ist in meinen Augen etwas anders gelagert, weil er von den jungen Leuten ausgeht. Diese 15-bis 25-Jährigen greifen das Thema auf und tragen es in die Familien hinein. Bei der Atomkatastrophe in Fukushima sind alle auf einen Schlag erschrocken und haben reagiert. Anschliessend hat sich lange Zeit kein weiterer Unfall ereignet, so dass der Effekt abgeebbt ist. Beim Klimawandel zeigen sich die Auswirkungen immer konkreter und nehmen exponentiell zu.  

 

Zeichnet sich bei den Immobilienbesitzern ein Trend zu Klimaschutzmassnahmen ab, indem sie vermehrt investieren?

Technologien wie Wärmepumpe, PV-Anlagen oder Wärmedämmung sind in den letzten Jahren sehr populär geworden. Die Bereitschaft zur Investition ist bei Besitzern von Einfamilienhäusern grösser als bei Stockwerkeigentümern, wo andere mitentscheiden. Ich stelle aber auch bei aufgeschlossenen Besitzern von Mehrfamilienhäusern eine zunehmende Offenheit für innovative Lösungen wie den Zusammenschluss zum Eigenverbrauch von Solarenergie fest. 

Wo stehen wir in 10 Jahren, wenn wir uns zum nächsten Jubiläum hier wieder treffen (im besten Fall, im schlechtesten Fall)?

Im besten Fall haben wir den Klimawandel entscheidend gebremst und ein, zwei der heutigen Klimaaktivisten sind im Bundesrat. Bei der Elektromobilität könnten die grössten Fortschritte kommen. Im schlechten Fall wird die Schweiz noch stärker von den Klimaauswirkungen betroffen sein und die Wirtschaft trauert verpassten Marktchancen hinterher.

 

Vervollständigen Sie bitte folgende Satzanfänge:

  • Das Kundenbarometer erneuerbare Energien... fühlt den Puls der Schweizer Bevölkerung in Energie- und Klimafragen.
  • Der Klimawandel ist für die Schweiz... eine Herausforderung und Chance, weil wir in einigen Bereichen wie dem ÖV führend sind.
  • Die Monopolisierung des Themas auf Klimawandel ist... nützlich, weil viele andere Probleme wie Migration, nachhaltige Staatsfinanzen oder Gesundheit eng damit verknüpft sind.
  • Die Energiestrategie 2050 des Bundes ist... weltweit eine der wenigen derartigen Strategien, die direkt vom Volk angenommen wurde. 
  • Mobilität wird weltweit... die grösste Herausforderung beim Klimawandel sein.
  • Energieeffizienz beim Wohnen... wird zu einer Selbstverständlichkeit.
  • Freiwillige Massnahmen sind... notwendig, aber nicht hinreichend.

 

Zur Person

Prof. Rolf Wüstenhagen

Prof. Rolf Wüstenhagen leitet seit 2009 den Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen.

Der Lehrstuhl ist der erste seiner Art an einer führenden europäischen Wirtschaftshochschule und befasst sich mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten der Energiezukunft, einschliesslich der Analyse von Investitionsstrategien, Energiepolitik, Geschäftsmodellen und Konsumentenverhalten.