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Die «Grüne Welle» – Pragmatismus statt Populismus

Die Schweiz hat gewählt. Die «Grüne Welle» ist zwar auch auf die Schweiz übergeschwappt und insgesamt hat ein leichter Linksrutsch stattgefunden. An den wesentlichen Kräfteverhältnissen ändert sich aber nur wenig. In den kommenden vier Jahren braucht es nun pragmatische Lösungen – an Herausforderungen für das Land mangelt es nicht.

Keine Trendwende – CO2-Emissionen steigen weltweit an

Bei den National- und Ständeratswahlen vom 20. Oktober 2019 haben wie erwartet die Grünen einen deutlichen Wahlerfolg erzielt. Mit einem Stimmenanteil von neu 13.2% konnte die Grüne Partei um 6.1% zulegen. Auch die Grünliberalen konnten ihren Stimmenanteil steigern. Damit ist die «Grüne Welle» auch auf die Schweiz übergeschwappt.

Der Wahlerfolg konnte so erwartet werden. Die Klimadebatte hat in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen dominiert und auch in anderen Staaten zu politischen Verschiebungen geführt. So konnten die Grünen beispielsweise auch bei den Nationalratswahlen in Österreich im September deutlich zulegen. Mit 13.9% – dem besten Resultat in ihrer Geschichte – kehrten die Grünen ins Parlament zurück. Es scheint sich also um einen europaweiten Trend zu handeln. Zudem hat sich einmal mehr gezeigt, dass populistische Bewegungen Wahlen sowie Abstimmungen massgeblich beeinflussen können – und Populismus kennt ja bekanntlich keine Farben.

CO2-Emissionen in Millionen Tonnen

Quellen: Atlas Carbon Project, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Nun geht es aber darum die berechtigten Anliegen pragmatisch umzusetzen. Wie überall gibt es auch in der Klimadebatte keine einfachen Lösungen – die Probleme sind erstens global und zweitens hochkomplex. Der globale CO2-Austoss ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen und erreichte 2017 mit 36'153 Millionen Tonnen einen neuen Rekord. Dabei sind die fossilen Brennstoffe Kohle (40%), Erdöl (35%) und Gas (20%) die Hauptverursacher von CO2-Emmissionen. Insgesamt sind die Emissionen zwischen 1990 und 2017 um durchschnittlich 2.2% pro Jahr angestiegen, wobei China das mit Abstand grösste Wachstum verzeichnete.

China als Hauptsünder

Das Reich der Mitte ist heute für über 27% des weltweiten CO2-Austosses verantwortlich und liegt deutlich vor dem zweitgrössten «Klimasünder» – den USA (14.5%). Im Vergleich dazu liegt der jährliche CO2-Austoss in der Schweiz bei rund 40 Millionen Tonnen. Dies entspricht gerade einmal 0.11% der weltweiten Emissionen und zeigt, dass sich das Problem nur global lösen lässt. Selbst wenn die Schweiz ihren CO2-Austoss morgen auf Null reduzieren würde, wäre dies nicht einmal ein Tropfen auf den heissen Stein; denn alleine in China wachsen die Emissionen um weit über 100 Millionen Tonnen pro Jahr an.

CO2-Emissionen in Millionen Tonnen

Quellen: Statista, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Auf globaler Ebene tut man sich aber weiterhin schwer. Das Pariser Klimaabkommen ist zwar bereits Ende 2015 verabschiedet worden – die Regelungen greifen allerdings erst ab kommendem Jahr. Die Ziele umfassen folgende drei Punkte: Begrenzung des Temperaturanstiegs auf maximal 1.5 Grad (bis 2050), Förderung von Klimaresistenz sowie eine Vereinbarkeit der Finanzströme mit Klimazielen. Das Abkommen ist aber in zweierlei Hinsicht zu bemängeln: Erstens fehlen konkrete Massnahmen wie die Ziele erreicht werden sollen und zweitens ist das Abkommen völkerrechtlich zwar bindend, sieht aber keinerlei Sanktionsmöglichkeiten vor. Zudem haben die USA und Brasilien bereits angedroht wieder aus dem Abkommen auszusteigen.

Erneuerbare liegen weit zurück

Geht es um konkrete Massnahmen um den CO2-Ausstoss zu verringern, steht eine Verschiebung des Energie-Mix in Richtung erneuerbare Energien im Fokus. Selbstverständlich gibt es in diesem Zusammenhang noch viel Potenzial, liegt doch der Anteil an Wind- und Solarenergie global betrachtet unter 5%. Aber selbst mit einem forcierten Ausbau der Erneuerbaren wird der Anteil der fossilen Energieträger hoch bleiben.

Zudem gibt es diesen Ausbau nicht gratis: In Deutschland – dem Vorreiter im Bereich der Förderung von erneuerbaren Energieträgern – sind die Strompreise in den letzten zehn Jahren um fast 32% angestiegen und liegen europaweit an der Spitze. Auch die Idee, als Pionier im Bereich der Solarindustrie eine zukunftsträchtige neue Exportbranche aufzubauen, hat sich in Luft aufgelöst. Praktisch alle deutschen Solarunternehmen sind trotz massiver Subventionen Bankrott gegangen oder wurden verkauft – heute dominieren chinesische Solarunternehmen den Weltmarkt. Zudem harzt es mit dem weiteren Ausbau – vor allem im Windbereich werden neue Anlagen heute (gerade auch von Umweltaktivisten) bekämpft.

Veränderungen im Energie-Mix über Zeit

Quellen: BP Energy Outlook, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Energiebilanz durchzogen

Eine andere oft gepriesene «Lösung» ist der Ausbau der E-Mobilität. Doch auch hier sieht die Gesamtbetrachtung durchzogen aus. Diverse unabhängige Forschungsinstitutionen haben ausgerechnet, dass elektrische Fahrzeuge erst ab etwa 100'000 Kilometer Fahrleistung eine bessere CO2-Bilanz aufweisen als herkömmliche Verbrennungsmotoren der neusten Generation. Schon alleine die Batterieherstellung eines E-Mittelklassewagens verursacht zwischen 3 bis 5 Tonnen CO2  – und dies bevor das Auto zum ersten Mal auf der Strasse ist.

Weiter muss berücksichtigt werden, dass der Strom aus der Steckdose global betrachtet zu rund 75% aus fossilen Energieträgern hergestellt wird, also alles andere als «sauber» ist. Und zu guter Letzt ist die Entsorgungsproblematik bei den Batterien nicht gelöst. Rohstoffe wie Indium, Lithium, Kobalt, Magnesium und Chrom, welche allesamt in den Batterien vorkommen, sind nur schwer entsorgbar und stellen eine zukünftige Belastung für die Umwelt dar.

Diese Beispiele sollen aufzeigen, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Umso wichtiger wäre es, in der aktuell aufgeheizten Stimmung keine unüberlegten und kostspieligen Massnahmen zu ergreifen. Für eine effektive Problemlösung braucht es jetzt einen kühlen Kopf und ein pragmatisches, global abgestimmtes Vorgehen.

CO2-Emissionen in Tonnen und gefahrene Kilometern

Quellen: Volkswagen AG, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Die Energiewende soll mithelfen den CO2-Ausstoss zu verringern. Diverse Schweizer Konzerne sind im Bereich der nachhaltigen Energien führend. Das Thuner Unternehmen Meyer Burger beispielsweise ist ein führendes Technologieunternehmen mit Fokus auf die Photovoltaik. Die Maschinen der Firma werden weltweit für die Produktion von Solarzellen, Modulen sowie kompletten Solarsystemen genutzt. Im Bereich der Windenergie ist die Firma Gurit ein wichtiger Zulieferer. Der Verbundwerkstoffhersteller produziert unter anderem Rotorblätter für Windturbinen. Die bis zu 100 Meter langen Rotoren werden aus Balsaholz gefertigt und von Gurit geformt und gefertigt. Beide Unternehmen dürften mittelfristig von den hohen Investitionen in den Bereichen Wind- und Solarenergie profitieren. Anleger sollten dabei aber beachten, dass der Bestellungseingang dieser Firmen und damit auch deren Kursverlauf höchst volatil sind. Sinnvoller sind deshalb Investitionen in diversifizierte Anlagegefässe, welche das Thema in der ganzen Breite abdecken.

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz