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Politik bewegt Märkte – Wenn politische Entscheidungen langfristige Folgen haben

Kurzfristige Politik bewegt die Kurse. Langfristige Politik bestimmt den Wohlstand. Entscheidend für den Anlageerfolg sind deshalb nicht die Schlagzeilen von morgen, sondern die strukturellen Weichenstellungen von heute.

30.10.2026

Wahlurne

Die Demokraten sind auf Kurs zur Kongressmehrheit

Kommt es in den USA zum politischen Wechsel oder behalten die Republikaner die Oberhand im Kongress? Am 3. November wissen wir mehr. An diesem Tag finden die Midterms statt. Sämtliche 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der 100 Sitze im Senat werden neu vergeben. Gemäss Meinungsumfragen und Wettmärkten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Demokraten die Mehrheit im Kongress zurückerobern, bei über 60%.

 

Entwicklung der Wahrscheinlichkeiten der Mehrheitsverhältnisse im US-Kongress nach den Zwischenwahlen laut Meinungsumfragen und Wettmärkten

Entwicklung der Wahrscheinlichkeiten der Mehrheitsverhältnisse im US-Kongress nach den Zwischenwahlen laut Meinungsumfragen und Wettmärkten

Quelle: Polymarket, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Für den Präsidenten wäre dies ein empfindlicher Rückschlag. Sollte es zum Machtwechsel kommen, dürfte insbesondere die Budgetdebatte brisant werden. Die USA werden voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2027 die Schuldenobergrenze erreichen. Weil eine Einigung über deren Anhebung schon in der Vergangenheit schwierig war, droht erneut ein «Government Shutdown». Auch Trumps Deregulierungsagenda würde deutlich an Schwung verlieren. Aussenpolitisch hingegen wäre mit weniger Veränderungen zu rechnen. Als Commander-in-Chief verfügt der US-Präsident über weitreichende Kompetenzen und kann viele Entscheidungen ohne Zustimmung des Kongresses treffen. Insbesondere die Zollpolitik dürfte daher unverändert bleiben.

Die geopolitische Fragmentierung schreitet damit weiter voran. Die Welt bewegt sich zunehmend in Richtung einer multipolaren Ordnung, in der wirtschaftliche und politische Interessen häufiger kollidieren. Für Unternehmen und Anleger bedeutet dies ein Umfeld mit mehr Unsicherheit und tendenziell höheren Marktschwankungen.

Die Kapitalmarktzinsen steigen als Folge der wachsenden Staatsverschuldung 

Brisant ist die politische Lage auch in Europa. Besonders in Frankreich haben sich die politischen und gesellschaftlichen Spannungen in den vergangenen Wochen deutlich verschärft. Was mit Schülerprotesten begann, mündete teilweise in Ausschreitungen, Vandalismus und gewaltsame Auseinandersetzungen. Problematisch ist zudem, dass in der Grande Nation keine stabile Mehrheitsregierung existiert und wichtige Reformvorhaben immer wieder blockiert werden. Gleichzeitig geraten die Staatsfinanzen zunehmend unter Druck. Entsprechend sind die Renditen französischer Staatsanleihen deutlich gestiegen und liegen im historischen Vergleich auf einem erhöhten Niveau. Auch in vielen anderen europäischen Staaten zeichnet sich eine zunehmende politische Polarisierung ab.

 

Renditen 10-jähriger Staatsanleihen in den USA, Frankreich, Japan und der Schweiz

Renditen 10-jähriger Staatsanleihen in den USA, Frankreich, Japan und der Schweiz

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Doch wie stark beeinflusst die (Geo-)Politik die Finanzmärkte? Grundsätzlich gilt das Sprichwort: «Politische Börsen haben kurze Beine.» Wahlen, Abstimmungen und regionale Konflikte haben nur selten nachhaltige Auswirkungen auf die Aktienmärkte. Viele Unternehmen sind international aufgestellt und können sich rasch an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.

Anders verhält es sich jedoch bei politischen Entscheidungen, die das wirtschaftliche Umfeld über Jahre oder gar Jahrzehnte prägen. Eine verfehlte Bildungs-, Industrie- oder Fiskalpolitik kann das Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft nachhaltig schwächen und damit auch die Ertragsaussichten der Unternehmen beeinträchtigen. Beispiele reichen von vernachlässigten Investitionen in Bildung und Infrastruktur über regulatorische Eingriffe zulasten der Wettbewerbsfähigkeit von Schlüsselindustrien bis hin zu einer ausufernden Staatsverschuldung. Die Folgen solcher Entscheidungen zeigen sich oft erst mit Verzögerung. So kämpft Italien seit Jahren mit den Auswirkungen einer hohen Staatsverschuldung und einer schwachen Produktivitätsentwicklung. Deutschland wiederum ringt mit den Herausforderungen einer alternden Infrastruktur, einer schleppenden Digitalisierung und hohen Energiekosten. Solche Entwicklungen bleiben an den Finanzmärkten zunächst häufig unbeachtet. Langfristig können sie jedoch Produktivität, Investitionen und Wohlstand bremsen und damit durchaus Spuren an den Börsen hinterlassen.

Für Anleger lohnt es sich deshalb, über den täglichen Nachrichtenfluss hinauszublicken. Nicht jede Wahl, jede Abstimmung oder jeder geopolitische Konflikt beeinflusst den langfristigen Anlageerfolg. Entscheidend ist vielmehr, ob politische Weichenstellungen die Innovationskraft, die Investitionstätigkeit und damit das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft stärken oder schwächen. Die Geschichte zeigt: Börsen verkraften politische Turbulenzen meist besser als gemeinhin angenommen. Wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen hingegen können einen Standort über Jahre belasten. Für langfristig orientierte Anleger sind daher weniger die Schlagzeilen von morgen als die strukturellen Weichenstellungen von heute entscheidend.

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Stark wachsende Schulden, Inflation, politische Polarisierung und geopolitische Spannungen prägen derzeit das globale Umfeld. Die (Geo-)Politik bewegt, und Unsicherheit sorgt regelmässig für Schwankungen an den Finanzmärkten. In diesem anspruchsvollen Umfeld kann die Schweiz ihre Stärken als sicherer Hafen ausspielen. Dank der Schuldenbremse ist die Staatsverschuldung im internationalen Vergleich tief. Dies schafft Vertrauen, unterstützt die Preisstabilität und sorgt für günstige Finanzierungsbedingungen. Gleichzeitig trägt das Konkordanzsystem zu einer hohen politischen Kontinuität und Verlässlichkeit bei. Tiefe Staatsschulden, politische Stabilität und wettbewerbsfähige Unternehmen bilden das Fundament für einen robusten Finanzplatz sowie einen starken und stabilen Franken. Für Anlegerinnen und Anleger gilt deshalb mehr denn je: «Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt?» Entsprechend setzen wir in unseren Portfolios bewusst auf einen ausgeprägten Home Bias.

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.