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Die grosse IPO-Welle – was die Börsengänge der KI-Giganten bedeuten

Die aktuelle IPO-Welle ist ein Indikator für einen weit fortgeschrittenen Börsenzyklus. Entsprechend lohnt es sich, die Risiken im Portfolio zu überprüfen und nicht ausschliesslich auf die aktuellen Börsenlieblinge zu setzen.

31.07.2026

Rakete

Rekorde sind da, um gebrochen zu werden. Der Börsengang des US-amerikanischen Raumfahrt- und Technologieunternehmens SpaceX Mitte Juni war das grösste Initial Public Offering (IPO) der Börsengeschichte. Die Firma nahm beim Ausgabepreis von 135 US-Dollar pro Aktie gut 75 Milliarden Dollar frisches Kapital auf und wurde zum Börsenstart mit 1.77 Billionen Dollar bewertet. Und dies, obwohl SpaceX derzeit noch keinen Gewinn erwirtschaftet. Als wären diese Superlative nicht genug, wurde Mehrheitsaktionär Elon Musk dank des Börsengangs zwischenzeitlich zum ersten Billionär der Geschichte – zumindest auf dem Papier.

Nach dem Raketenstart zurück auf dem Boden der Realität

Das Zeitfenster für den Börsengang wurde optimal gewählt, denn die Euphorie rund um das Thema KI kannte kaum Grenzen. Neben den Raumfahrtaktivitäten und dem Satellitennetz Starlink integrierte Elon Musk kurz vor dem Börsengang die KI-Aktivitäten von xAI, zu denen auch das Sprachmodell Grok gehört, in den Konzern. Gleichzeitig kündigte er den baldigen Aufbau von Rechenzentren im All an. Kein Wunder also, dass das Börsendebüt mehrfach überzeichnet war. Viele Anlegerinnen und Anleger gingen jedoch leer aus oder erhielten lediglich eine geringe Zuteilung. Dies führte dazu, dass die Nachfrage nach den SpaceX-Aktien in den ersten Handelstagen enorm hoch war und der Kurs zwischenzeitlich auf über 225 US-Dollar nach oben schoss und das Unternehmen mit knapp 3 Billionen Dollar bewertete.

Dass die Bäume nicht in den Himmel – und schon gar nicht bis zum Mars – wachsen, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Nach ihrem Raketenstart ist die SpaceX-Aktie wieder auf dem Boden der Realität gelandet und notiert aktuell unter dem Ausgabepreis. Diese starken Kursbewegungen stellen auch für weitere geplante Börsengänge eine Herausforderung dar. Die KI-Unternehmen OpenAI und Anthropic planen ihre Publikumsöffnung ebenfalls noch in diesem Jahr und wollen frisches Kapital am Markt aufnehmen.

 

Wertentwicklung der SpaceX-Aktie seit dem Börsengang

Wertentwicklung der SpaceX-Aktie seit dem Börsengang

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Was bedeutet die aktuelle Häufung von Börsengängen für Anlegerinnen und Anleger? 

Historisch betrachtet treten IPO-Wellen typischerweise in einer späten Phase eines Bullenmarktes auf – und nie zu dessen Beginn. Sie sind häufig ein Indikator für einen reifen Marktzyklus, der von hoher Risikobereitschaft, reichlich Liquidität und grossen Zukunftsfantasien geprägt ist. Das ist wenig überraschend, denn das Ziel der frühen Investoren besteht darin, beim Börsengang eine möglichst hohe Bewertung und damit einen möglichst grossen Gewinn zu erzielen. IPOs treten deshalb besonders häufig in Boomphasen auf, in denen die Investoren bereit sind, hohe Preise für zukünftiges Wachstum zu bezahlen.

Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende. 1999 gingen in den USA rund 480 Unternehmen an die Börse, wovon über 300 Technologiefirmen waren. Zusammen nahmen sie gut 62 Milliarden US-Dollar auf. Der Aktienkurs vieler dieser Unternehmen verdoppelte oder verdreifachte sich bereits am ersten Handelstag. Der durchschnittliche Ersttagesgewinn lag bei sagenhaften 73%. Ob diese Unternehmen Gewinne erwirtschafteten oder über ein tragfähiges Geschäftsmodell verfügten, interessierte kaum jemanden. Getrieben vom Internet-Hype kletterte der Nasdaq-Index allein im Jahr 1999 um 86%. Dann war die Reifephase des Marktzyklus aber erreicht. Die Euphorie hielt zwar noch einige Monate an und der Technologieindex erreichte seinen Höchststand erst am 10. März 2000. Doch kurz darauf platzte die Dotcom-Blase und der Nasdaq verlor bis zum Herbst 2002 rund 78% seines Werts.

Wenn ein Hype kippt, profitieren andere Sektoren

Zwar unterscheiden sich die heutigen KI-Giganten teils deutlich von den oft substanzlosen Dotcom-Unternehmen der Jahrtausendwende. Dennoch deutet die Kombination aus rekordhohen Bewertungen, mehrfach überzeichneten Emissionen und enormem Anlegerinteresse darauf hin, dass sich der Marktzyklus bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. Das heisst nicht, dass eine grössere Börsenkorrektur oder gar ein Crash unmittelbar bevorsteht. Für Anlegerinnen und Anleger ist die aktuelle IPO-Welle gleichwohl ein Warnsignal. Gerade in solchen Marktphasen lohnt es sich, die Risiken im Portfolio kritisch zu hinterfragen und nicht ausschliesslich auf die aktuellen Börsenlieblinge zu setzen.

Als die Dotcom-Blase Anfang der 2000er-Jahre platzte, gerieten Technologieaktien massiv unter Druck. Gleichzeitig entwickelten sich defensivere Sektoren wie Gesundheitswesen, Basiskonsumgüter und Energie deutlich robuster. Auch in der Baisse liessen sich somit attraktive Renditen erzielen. Die aktuelle IPO-Welle ist deshalb weniger ein Grund zur Panik als vielmehr eine Erinnerung daran, dass die besten Anlagechancen der nächsten Jahre möglicherweise nicht dort liegen, wo heute die grösste Euphorie herrscht.

 

Wertentwicklung der Sektoren Technologie, Gesundheit, Basiskonsum und Energie, inkl. Dividenden und indexiert

Wertentwicklung der Sektoren Technologie, Gesundheit, Basiskonsum und Energie, inkl. Dividenden und indexiert

Quelle: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Menschen sind Herdentiere. Besonders deutlich zeigt sich das an den Börsen. Sobald sich ein neuer Trend abzeichnet, springen viele Anlegerinnen und Anleger auf den fahrenden Zug auf – in der Hoffnung auf schnelle Gewinne. Für Späteinsteiger endet das oft enttäuschend.

Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele: von der Südseeblase über den Eisenbahnboom und die Dotcom-Blase bis hin zum «Megatrend» der erneuerbaren Energien. Nach Ausbruch des Ukraine-Krieges waren plötzlich Rüstungsaktien gefragt. Zwar dürften die Verteidigungsausgaben weiter steigen, doch die Börse handelt die Zukunft. Wer vor einem Jahr die Aktie des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall kaufte, liegt heute rund 40% im Minus. Ähnlich verhält es sich mit dem KI-Boom. Die Technologie wird die Wirtschaft und die Gesellschaft nachhaltig prägen, doch viele Erwartungen sind längst eingepreist. Wenn die Herde in dieselbe Richtung läuft, sollte man sich genau umschauen. Die besten Anlagechancen von morgen finden sich selten dort, wo heute die grösste Euphorie herrscht.

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.