Märkte & Meinungen

Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

Für eine nachhaltige Trendwende an den Börsen sind positive Wirtschaftsdaten notwendig. Diese sind aber nicht in Sicht. Entsprechend legten die Aktienmärkte nach einem hoffnungsvollen Wochenauftakt wieder den Rückwärtsgang ein.

Chart der Woche

«Null-Covid» fordert Tribut

Veränderung der chinesischen Industrieproduktion zum Vorjahresmonat

«Null-Covid» fordert Tribut

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Chinas Industrieproduktion ist im April gegenüber dem Vorjahr um 2,9 % gefallen. Das ist der erste Rückgang seit Ausbruch der Corona-Pandemie (März 2020: -1,1 %) und zugleich der zweite seit der Jahrtausendwende. Schuld sind die Lockdowns im Rahmen der Null-Covid-Strategie der Regierung um Präsident Xi Jinping. Diese hat bereits fiskal- und geldpolitische Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft angekündigt. Das Wachstumsziel von 5,5 % für das laufende Jahr dürfte China dennoch verfehlen.

Aufgefallen

Wie gewonnen, so zerronnen

Nach dem jüngsten Kurssturz notiert der S&P 500 Index gegenüber Anfang Jahr rund 18 % im Minus. Damit hat der breite US-Markt seine Gewinne von 2021 fast vollständig ausradiert

Auf der Agenda

FOMC-Sitzungsprotokolle

Am 25. Mai veröffentlicht die US-Notenbank Fed die Protokolle zum jüngsten FOMC-Meeting. Anleger erhoffen sich davon Details zum weiteren geldpolitischen Fahrplan der Währungshüter.

Erst Hoffnung, dann Resignation

Die Aktienmärkte sind mit Schwung in die Handelswoche gestartet. Der Swiss Market Index (SMI) kletterte zeitweise bis auf über 11'800 Punkte. Grund dafür war die Hoffnung der Anleger, dass die Lockdowns in China in Bälde aufgehoben werden und sich dadurch die Lieferengpässe in der Industrie entschärfen. Stimmungsaufhellend wirkten zudem die neuesten Einzelhandels- und Industriedaten aus den USA. In der zweiten Wochenhälfte machte sich unter den Börsianern dann aber Resignation breit. Die Bremsspuren der Corona-Lockdowns in der chinesischen Wirtschaft sind unübersehbar (siehe Chart der Woche). Die weltweiten Produktions- und Lieferengpässe werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Zudem rückten die Aussagen von Fed-Chef Jerome Powell, dass die US-Notenbank die geldpolitischen Zügel so lange anziehen werde, bis die Inflation unter Kontrolle sei, die Zinssorgen erneut in den Vordergrund. Die im April unverändert bei 7,4 % liegende Euro-Inflation trug ihr Übriges dazu bei. Die Schweizer Börse legte infolgedessen wieder den Rückwärtsgang ein – dies zeigt, dass es für eine nachhaltige Erholung nicht Hoffnung, sondern positive Wirtschaftsdaten benötigt. Am Freitagmorgen resultierte für den SMI ein Wochenminus von 2,9 %.

Die Berichtssaison neigt sich derweil ihrem Ende zu. Diese Woche rapportierten vor allem Unternehmen aus der zweiten Reihe. Der Schuhhersteller On ist im ersten Quartal deutlich gewachsen (Umsatz: +68 %). Ebenfalls ein Umsatzplus hat der Hörgerätespezialist Sonova für sein Ende März abgelaufenes Geschäftsjahr 2021/22 ausgewiesen. Bei beiden Unternehmen stehen jedoch aufgrund steigender Produktionskosten die Margen unter Druck. Wenig erfreuliche Nachrichten gab es von Dätwyler: Der Industriezulieferer hat aufgrund der anhaltenden Probleme in den globalen Lieferketten seine Prognosen für 2022 kassiert – die Aktie quittierte das mit einem Minus von bis zu 18 %.

 

Hartgesottene CS-Aktionäre

Die Credit Suisse schafft es nicht aus den negativen Schlagzeilen. Erst steht eine mögliche Ablöse von CEO Thomas Gottstein im Raum – das Finanzinstitut dementiert diese. Dann senkt die US-Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsnote für die Schweizer Grossbank von «BBB+» auf «BBB» und revidiert den Ausblick von «stabil» auf «negativ» – für Credit Suisse bedeutet das höhere Finanzierungskosten am Kapitalmarkt. Die Aktie reagierte auf diese Neuigkeiten mit einem zeitweisen Plus von gut 4 %. Es scheint, als könnte die Anleger kaum noch etwas erschüttern. Möglicherweise spekulieren sie aber auch auf ein Übernahmeangebot. Die US-Grossbank J.P. Morgan (Gewinn 2021: über 40 Milliarden Franken) könnte den Kauf der Nummer 2 am Paradeplatz (Marktkapitalisierung: 17.8 Milliarden Franken) locker stemmen.

 

Pessimistische EU-Kommission

Der Krieg in der Ukraine bremst Europas Volkswirtschaften. Die EU-Kommission hat daher ihre Wachstumsprognosen für die Eurozone für 2022 von 4,0 % auf 2,7 % zurückgenommen. Zugleich hat sie ihre Vorhersage für die Jahresinflation mit 6,1 % fast verdoppelt. Positive Nachrichten gab es immerhin in Sachen Verschuldung: Das Budgetdefizit im Währungsraum dürfte im laufenden Jahr von 5,1 % auf 3,7 % fallen – im Corona-Jahr 2020 lag dieses bei gut 7 %.

 

«The WEF is back»

Nach zweijähriger, pandemiebedingter Pause findet das World Economic Forum (WEF) heuer wieder statt – zum ersten Mal in seiner Geschichte im Frühsommer. Ab diesem Sonntag werden Vertreter aus Politik und Wirtschaft für vier Tage in Davos unter anderem über den Ukraine-Krieg, die gestiegenen Stagflationsrisiken und den Klimawandel debattieren. Die diesjährige Ausgabe des WEF wird allerdings erstmals seit den 1990er Jahren ohne russische Beteiligung über die Bühne gehen. Und auch US-Präsident Joe Biden wird wohl nicht ins Landwassertal kommen.