Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

Alte Schmarotzer

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Ausgabe 28.10.2020 – Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

Martin Neff - Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft
Martin Neff – Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft

Wieso nur ist die heutige Jugend so genügsam geworden? Viel mehr als ein leistungsfähiges WLAN und die eine oder andere Party scheint sie nicht zu brauchen. Ähnlich umschreibt dies Michele Serra in seinem lesenswerten Buch «Die Liegenden». Der Titel ist eine Anspielung auf seinen 18-jährigen Sohn, der sozusagen auf dem Sofa lebt, auf den Ohren die Kopfhörer, in einer Hand das Mobiltelefon und in der anderen die Fernbedienung für das Fernsehen.

Der Junge ist mit der ganzen Welt verbunden nur nicht mit seinem Vater. Mehr verrate ich hier nicht, nur so viel: ich habe Ähnliches erlebt vor gar nicht so langer Zeit.

Mittlerweile lebt mein Ältester in seinem eigenen Haushalt. Unsere Verbindung ist seitdem vorwiegend digital. Jüngst haben wir uns aber mal wieder zum Essen getroffen. Der Lunch gestaltete sich schwierig und lässt sich aus seiner und meiner Optik so zusammenfassen: «Der Alte nervt schon wieder» und «Der Junge kommt nie zur Vernunft.» Wir sind beide keine einfachen Typen und es soll mir auch nicht anders ergehen als meinem Vater. Der musste sich ebenfalls Einiges anhören, als ich Mitte zwanzig war, teilte dafür aber auch ganz schön aus. Und doch ist das, was ich hier beschreibe, nicht ein bekanntes Kapitel des immer wiederkehrenden und wahrscheinlich auch notwendigen Konflikts der Generationen. Denn heute ist fast alles anders. Wir sind viel wohlhabender als unsere Eltern, um nicht zu sagen satt. Mein Vater hatte eine (durchschnittliche) Lebenserwartung, die zehn Jahre unter der meinigen lag. Flugreisen waren Luxus, heute steht die Welt jedem für wenig Geld offen, und, und, und. Diese «bessere» Welt betrachten viele Ältere als die Früchte ihrer Arbeit und ihres Verzichts.

 

Von wegen Komfortzone

Und nun kommt da eine Generation von jungen Schmarotzern, die vermeintlich andere Wertvorstellungen als die «Alten» hat und das alles relativiert? Kommt nicht in Frage! Doch halt, ganz so einfach ist es nicht. Die «Liegenden» sind bei weitem keine selbst- und handysüchtigen Egozentriker. Ihre Wertvorstellungen weichen gar nicht so stark von denen der Älteren ab, wie Umfragen zeigen. Familie (für 92 % wichtig), Gesundheit (86 %) und Freunde (78 %) spielen für Teenager und wohl auch Twens eine ähnlich grosse Rolle wie für uns damals. Nur eines ist ihnen nicht mehr so wichtig: Geld (46 %). Das klingt ein bisschen nach Komfortzone, ist aber auch anders zu interpretieren. Der Schutz der Umwelt (71 %) liegt den Jugendlichen heute viel mehr am Herzen als uns oder ein hoher Lebensstandard (63 %). Ich dachte immer, mein Ältester – aufgewachsen in der Komfortzone – nimmt es zu locker und hat es locker. Doch das muss ich heute stark relativieren. Denn damals, als ich jung war, galten die Renten als gesichert, es gab noch Zinsen für Erspartes, von der globalen Erwärmung war noch kaum die Rede und: es gab auch kein Corona.

 

Wenig Verständnis

COVID-19 spaltet nicht nur unsere Gesellschaft oder zeigt uns die Grenzen des Föderalismus, wenn nicht gar der direkten Demokratie auf, sondern entfremdet zusehends auch die Generationen. Und unsere «Jugend», das ökonomische Humankapital unserer Zukunft ist Leidtragender Nummer eins, wenn wir einmal die ohnehin knapp kalkulierenden Haushalte ausklammern, die ebenso besonders hart von der Pandemie in Mitleidenschaft gezogen werden. Die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins, der Jugend vorbehalten, droht unserem Nachwuchs verloren zu gehen. Und wer noch ein Quäntchen davon konserviert hatte, nachdem der Sommer wenigstens etwas Entspannung gewährte, wird dieses nun endgültig verlieren. Wieder weggesperrt oder zumindest stark eingeschränkt, vielleicht sogar den ganzen Winter lang, wächst eine Generation heran, die sich dessen beraubt sieht, was Reife eben auch ausmacht. Ausgehen, Freunde treffen, hin und wieder auch mal über die Stränge schlagen; Hand aufs Herz, hatten nicht wenige von uns das nicht auch nötig, um das zu werden, was wir heute sind? Ich habe meinem Junior Verzicht gepredigt und Geduld, aber kann man das von der Jugend tatsächlich verlangen? Die Rosskur, welche die Wirtschaft gegenwärtig durchmacht, ist hart, vor allem aber messbar, die Pein der Jugend indes nicht. Sie hat keinen Advokaten, der sich für sie einsetzt im Gegenteil. Die «Partygänger» sind zu einem Gefährdungscluster, nicht zu sagen Feindbild hochstilisiert worden, dem wir kein Verständnis entgegenbringen.

 

Bitte alles wieder wie's war

Schliesslich müssen wir alle Opfer bringen, so funktioniert nun mal gesellschaftliche Solidarität in Ausnahmesituationen wie diesen. Und wieder sind wir es, die «Alten», die diese Solidarität schonungslos einfordern. Wir schütteln nur noch den Kopf, wenn ausgerechnet jetzt die Jugend den Bundesplatz besetzt, um vehement auf Anliegen aufmerksam zu machen, die wir schon Jahrzehnte auf die lange Bank schieben und erneut vertagt haben – krisenbedingt, versteht sich, alternativlos, wie Frau Merkel sagen würde. Anstatt die Ungunst der Stunde zu nutzen, um zu hinterfragen, was wir unserem Nachwuchs hinterlassen, streiten und krampfen wir, um unsere Normalität zurückzugewinnen. Eine Normalität, die Wirtschaftswachstum als Heilmittel für alles hochstilisiert und dieses sogar höher gewichtet als die Gesundheit von uns allen und die Umwelt.

 

Flache Lernkurve

Das alles erinnert irgendwie an die letzten Finanzkrisen. Schon damals lag vieles im Argen. Doch anstatt das Übel an der Wurzel zu packen, retteten wir zuallererst die, welche das nie für möglich gehaltene Desaster angerichtet hatten: Gläubiger und die Finanzindustrie. Ehemals heiss umworbene, private Schuldner landeten aber auf der Strasse und mutierten zu NINJA's (no Income, no job, no assets). Erst wurden die Peripheriestaaten der EU mit Krediten überschwemmt, dann – als sie klamm wurden – abfällig PIIGS (erinnert an Schwein auf Englisch) oder GIPSI (gypsy = Zigeuner) genannt. Darüber hinaus wurden sie einer harten Austeritätskur unterzogen. Viel mehr gelernt haben wir aber nicht aus der Finanz- und Eurokrise. Unsere Jugend wird nun in eine ähnliche Ecke gedrängt wie damals die Schuldner. Dabei trägt sie die Hauptlast der Pandemie, die da sind: Verlust der Unbeschwertheit auf der emotionalen Ebene und auf der rational wirtschaftlichen Ebene eine explodierende Schuldenlast, welche die Jugend ja mal stemmen muss, wohl aber nie und nimmer wird abtragen können. 71 % der Teenager gaben an, durch die Corona-Krise äusserst oder ziemlich belastet (gewesen) zu sein. 54 % waren gereizt und 44 % litten unter Einschlafproblemen. Gemäss einer Studie des Ifo-Instituts haben sich 28 % der Eltern während der Schulschliessung mehr mit ihren Kindern gestritten als davor. All dem zum Trotz sieht immer noch etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen optimistisch in die Zukunft. Klingt fast schon wie ein Wunder.

 

Lehren der Natur

Wir sollten nicht nur nachsichtiger sein, sondern mit gutem Beispiel vorangehen und die Anliegen derer, die jetzt schon oder bald unsere Renten bezahlen ernst nehmen. Wir haben es noch nicht einmal geschafft, unseren Atommüll «endzulagern». Auch das überlassen wir unserem Nachwuchs. Wenn wir wieder wachsen wollen, dann bitte nicht um jeden Preis und nicht weiter zu Lasten der Jugend. Lieber eine Glückskette zu Gunsten der nationalen Jugend, statt gut gemeinter internationaler Solidaritätsübungen. Letztere sollen hier nicht in Frage gestellt werden, aber es ist alles eine Frage der Prioritäten. Besser auch Investitionen in die Umwelt, statt zur Sicherung der Übersättigung. Ein neuer, echter Generationenpakt muss die Zukunft im Fokus haben und nicht die Gegenwart. Nur an heute zu denken ist Schmarotzertum des alten Establishments, dessen Wirt ist die Jugend. Ein Schmarotzer in der Natur würde aber nie so weit gehen, seinen Wirt dermassen auszusaugen, dass er ihn nicht weiter ernähren kann. Das ist Biologie und die steht über der (Mainstream) Ökonomie.