Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

Gretchenfragen

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Ausgabe 31.01.2019 – Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

Martin Neff – Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft
Martin Neff – Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft

Gemäss Duden ist die Gretchenfrage eine unangenehme, oft peinliche und zugleich für eine bestimmte Entscheidung wesentliche Frage, die in einer schwierigen Situation gestellt wird. «Erfunden» hat die Gretchenfrage Johann Wolfgang von Goethe. In seinem «Faust» stellt die Figur Margarete dem Heinrich Faust die Frage: «Nun sag, wie hast du's mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub du hältst nicht viel davon.» Da sich Faust um die Antwort ziert und nur lauter Gegenfragen stellt, gibt Gretchen schliesslich auf.

Gretafrage titelte die NZZ am Sonntag und bediente sich damit obigen Wortspiels in aktuellem Zusammenhang. Die 16-jährige Greta Thunberg war eigens ans WEF in Davos gereist, um den Mächtigen der Welt ins Gewissen zu reden. Sie tat dies mit einfachen, aber alles sagenden Worten. «Das Haus brennt» lautete ihr Appell und die Lösung sei einfach zu verstehen. Man müsse den Ausstoss von Treibhausgasen stoppen. Gretas Gretchenfrage könnte also lauten: «Was tut ihr Mächtigen und Reichen der Welt, um den Brand zu löschen»? Die Antwort(en) der Mächtigen und Reichen unter Applaus für Greta: «Alles, was in unsere Macht liegt». Klingt ein bisschen nach Faust. Im Grunde wissen wir alle, dass Greta Recht hat mit ihrer Diagnose. Und wahrscheinlich wissen auch viele von uns, was zu tun wäre, um das zu ändern. Und doch bleibt alles beim Alten. Wir reichen Schweizer etwa haben wo immer möglich Solarpanels auf den Dächern und heizen mit Erdwärme, in der Garage steht aber ein SUV mit 300 PS aufwärts. Mit ein Grund dafür, weshalb wir unsere Klimaziele 2020 nie und nimmer erreichen werden. Die Klimakonferenz in Kattowitz hat es erneut bestätigt. Das Gefangenendilemma hat uns Menschen so fest im Griff, dass wir lieber den worst case riskieren, anstatt aktiv zu werden. Was läuft da eigentlich schief?

 

Menschen sind Egos

Dazu gibt uns die Lehre einen Hinweis. Die Spieltheorie ist ein Zweig der mathematischen Theorie, der versucht, Entscheidungssituationen in denen mehrere Beteiligte involviert sind, zu modellieren. Das Gefangenendilemma betrachtet eine Situation, in der zwei Verdächtigte isoliert voneinander im Gefängnis sitzen und vor der Wahl stehen, bei den Verhören dicht zu halten oder den anderen zu verpfeifen. Der verhörende Sheriff hat keine Tathinweise, nur einen Verdacht. Die Gefängnisinsassen verhalten sich schliesslich sogenannt «individuell rational» und verpfeifen sich gegenseitig. Individuell – im Sinne für jeden Einzelnen – rational ist das deshalb, weil keiner riskieren will, verpfiffen zu werden und die Suppe allein auslöffeln zu müssen, nur weil er selber dicht gehalten hat. Könnte er wissen, dass der andere auch dicht hält, dann hätte er dies wahrscheinlich auch eher getan. Doch so wählen beide die Variante, die ihnen (als Kollektiv) mehr schadet als jede andere Kombination von Verpfeifen oder Dichthalten. Kollektiv – im Sinne für die Gesellschaft – rational wäre, dicht zu halten. Der Sheriff hätte nichts gegen sie in der Hand gehabt und sie wohl wieder auf freien Fuss setzen müssen. Das individuell rationale Verhalten ist leider sehr menschlich. Die Motivation ist klar. Ich gebe schon etwa her oder leiste meinen Beitrag an ein übergeordnetes Ziel, aber nur dann, wenn andere das auch tun. Wenn mir das niemand garantieren kann, dann mache ich auch nichts. Der Mensch ist nun mal kein Altruist und trotz seiner hohen Intelligenz leider nicht bereit, einen Beitrag für ein Ziel zu leisten, das nur erreicht werden kann, wenn alle dazu beitragen. Denn wer garantiert ihm, dass die anderen mitziehen? Also lieber nichts, als allein zu etwas beizutragen. Das ist auch unser Umweltdilemma, wohl die wichtigste, aber bei weitem nicht die einzige Gretchenfrage unserer heutigen Zeit.

 

Greta könnte es schaffen …

Individuell rationale, aber kollektiv – also für die Gemeinschaft – schädliche Verhaltensweisen münden stets in dasselbe Fragen-Antworten-Muster. Warum soll ich den Müll trennen, wenn mein Nachbar das nicht auch tut? Mein isolierter Beitrag ist ja nicht mehr als ein Fliegenschiss. Warum soll ich mit dem ÖV pendeln, wenn andere munter mit dem Auto ins Geschäft kommen? Nur wenn ich nicht fahre, löst sich der Stau kaum auf und der CO2 Ausstoss sinkt auch nicht. Warum sollte ich auf Rindfleisch verzichten, wenn ich der Einzige in der Familie bin, der dazu bereit wäre? Mein Beitrag würde keinen einzigen Rindsfurz reduzieren. Neben dem vermeintlich schwindend kleinen Beitrag an grössere Ziele, den wir mit unserem bescheidenen Verzicht für etwas leisten, hindert uns auch die Faulheit. Wer fährt heute schon mit dem Zug für drei Wochen Urlaub ans Meer? Kaum jemand, ist doch so. Aber halt! Greta fuhr mit dem Zug über dreissig Stunden lang von Schweden aus für einen kurzen Auftritt ans WEF in Davos? Dieses spezielle Mädchen hat das Asperger-Syndrom, das auch Schwächen der sozialen Interaktion und Kommunikation nach sich ziehen kann. Es lohnt sich einen Tweet von ihr zu schauen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Sie ist konsequent bis in die Zehenspitze und trifft den Nagel auf den Kopf. Und sie hat nebenbei auch noch eine ganz andere Diskussion ausgelöst: ist die heutige Jugend doch politischer als wir alle dachten? Wie ohnmächtig wir Überalternden und Überalterten gegenüber der jugendlichen Unschuld sind, zeigt sich, wenn ebendiese für eine lebenswerte Zukunft auf die Strasse geht. Soll man sie dafür bestrafen oder loben, es verbieten oder fördern? Geht es denen nicht nur ums Schulschwänzen? Immerhin, wir beschäftigen uns wieder mit der längerfristigen Zukunft – «Kind» sei Dank!

 

… oder das Diktat

Wir werden unseren Nachfahren viel Vermögen vererben, so viel, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit heisst es. Materiell geht es uns besser als jeder Generation zuvor – nicht allen, aber immer mehr Menschen. Aber wie steht es um den Zustand unseres Planeten, den wir ebenso vererben? Was ist mit den Bergen von Schulden, mit dem wir unseren Wohlstand aufgebaut haben und dessen Steigerung auf Pump die Politik für Wahlgeschenke oder Umverteilungen nutzt? Auch den vererben wir unseren Nachkommen. Bildung sei der Schlüssel für eine bessere Zukunft, predigen wir Alten. Aber wer drückt die Schulbank oder nimmt eine aufwendige Ausbildung in Angriff, wenn er schon hoch verschuldet ist, bevor er überhaupt ins Erwerbsleben tritt? Gretchenfrage mit Antwort: niemand. Und wer zahlt dann unsere Renten? Eigentlich sollten wir unsere zukünftigen Financiers ernst nehmen, denn ohne Rente fliegen wir weder in den Urlaub, noch schippern wir mit dem Kreuzfahrschiff über die Weltmeere. Ohne «Diktat» hätten wir wahrscheinlich heute noch nicht mal Katalysatoren in den Benzinmotoren. Kein individuell Rationaler wäre bereit gewesen, dafür zu zahlen. Mit der obligatorischen Einführung blieb uns gar keine andere Wahl mehr. Warum diktiert die Politik eigentlich nicht und appelliert stattdessen nur? Wieso verbietet sie nicht, was Dreck macht? Ach ja, die Selbstbestimmung und die Freiheit der Bürger ist wichtiger. Das führt dann dazu, dass in Stuttgart ein Dieselverbot gilt, aber bundesweit auf Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Gretchenfrage an die Politik lautet: «Braucht es einen Konsens, um einen Brand zu löschen? Eben, drum haben Feuerwehrleute sicherlich ein besseres Image als Politiker und erst noch eine richtig kurze Leitung. Das wollte uns Greta auch noch sagen. Und denen am WEF erst recht.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen
 

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