Vorsatz oder Nachsatz?

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Ausgabe 04.01.2023 – Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

Martin Neff - Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft
Martin Neff – Chefökonom Raiffeisen Genossenschaft

Willkommen im neuen Jahr. Der Kater der Silvesternacht dürfte inzwischen verflogen sein und das Fitnessabonnement amortisiert sich wahrscheinlich in den laufenden Tagen wenigstens mal für eine kurze Weile. Doch bald schon dürfte der normale Alltag zurück sein. Wir sind nur mal wieder vorübergehend im «Alle-Jahre-wieder-Modus».

Nach Völlerei, Suff, Überfluss: Vorsätze. Dies gilt sicher nicht für alle, aber doch für die Mehrheit. Schade, gibt es keine zuverlässigen Zahlen zu Promillepegel und Kalorienzufuhr über die Festtage und an Silvester, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es ansonsten keine sieben Tage dauernde Phase im Jahr gibt, in der wir mehr zulangen. Und ist diese Phase überstanden, kommt bekanntlich der alljährliche Vorsatz, weniger zu trinken, der Völlerei einen Riegel vorzuschieben, nicht mehr zu rauchen, mehr Sport zu treiben, und was nicht alles noch. Spätestens Ende Januar aber sind 95 % der Vorsätze bekanntermassen wieder Schnee von gestern.

Nichts gegen Vorsätze, sie sind ehrenhaft, aber nur, wenn man sie auch einhält. Millionen verworfener Vorsätze sind insofern ein toller Gradmesser für den Status der Zivilisation in satten und reifen Volkswirtschaften und den Status der dortigen Politik. Vorsätze kommen stets zuletzt und sind dann meist so viel wert wie nix. Vorsätze müssten daher genau genommen Nachsätze heissen, kommen sie doch immer erst dann ins Spiel, wenn schon ziemlich viel aus dem Ruder gelaufen ist. Sie erinnern dann in ihrer Wirkungskraft maximal an ein Postskriptum. Vielleicht ist das ein bisschen viel Wortklauberei zum Jahresbeginn, aber im Kern bitter wahr. Beispiele gefällig? Fukushima geht hoch und danach beschliessen nicht wenige Regierungen den (sofortigen) Atomausstieg. Stand heute? Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! WM in Katar: Breites Entsetzen und Empörung weltweit, und doch klebten wir alle vor der Kiste oder – noch schlimmer – flogen sogar hin, um Spiele live zu sehen. Und waren danach völlig begeistert, wie perfekt ein vermeintlicher Schurkenstaat so eine Riesenfete durchorganisiert.

Wer den Vorsatz fasst, bisherige Gewohnheiten zu durchbrechen, braucht vor allem zwei Dinge: Konsequenz und Durchhaltewillen – Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft ziemlich verloren gegangen zu sein scheinen. Corona hat uns das eindrücklich vor Augen geführt. Wir mussten Dinge tun oder lassen, weil wir nicht anders konnten (oder durften), aber haben wir nicht unglaublich schnell unseren alten Fahrplan wieder rausgeholt? Oder die berühmte Mangellage? Duschen Sie heute kürzer als vor der vermeintlichen Mangellage und bleibt der Kochdeckel wirklich konsequent auf der Pfanne? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – so das Sprichwort –, doch wie ändert man bzw. er seine Gewohnheiten effektiv? Meine These: nur mit Geld oder Verboten bzw. wenn wirklich Mangel oder Knappheit herrscht und nicht nur droht.

In der Wirtschaft ist das kein bisschen anders. Auch wenn uns die ehemals neoliberalen, inzwischen aber längst altliberalen Wettbewerbsfetischisten noch immer weismachen wollen, der Markt regle alles am besten, wenn man ihm nur freien Lauf liesse, ist der Putz vom theoretischen optimalen Allokationsmodell von Ressourcen, so wie ich das im Studium noch gelernt habe, längst abgebröckelt, weil die Theorie der Praxis in keiner Weise standhält. Ich habe etwa im Wahlfach Umweltökonomik gelernt, dass Anreize zur Reduktion von CO2-Emissionen das beste Mittel seien, um die Verschmutzungsthematik in den Griff zu kriegen. Anfang der Achtzigerjahre dienten die Emissionszertifikate, die es damals nur in Kalifornien gab, als Paradebeispiel für eine «marktwirtschaftliche» Lösung der Luftverschmutzung. Inzwischen werden weltweit Verschmutzungsrechte gehandelt und wie steht es um die Qualität der Luft? Schlechter denn je, wie wir wissen! Irgendwas ist da also schiefgelaufen. Auf wie viele Umweltziele haben sich die Mächtigen dieser Welt nicht schon geeinigt, ohne dass Taten gefolgt wären? Ich müsste das nachschlagen, aber die Klimagipfel der Vergangenheit waren stets Schaulauf und Gewissenshygiene, mehr nicht, so wie Vorsätze halt. Der vermeintlich freie Wettbewerb hat mittlerweile zu einer extremen Konzentration wirtschaftlicher Macht geführt, vor allem im Technologiebereich, aber nicht nur dort. Würden sich die freien Kräfte des Marktes lehrbuchmässig entfalten, hätte das gar nie so weit kommen können. Und ist es nicht so, dass gerade die Nutzniesser dieser überschätzten Kräfte, die mächtigen Konzerne weltweit, den nationalen Politikern vorgaukeln, dass es eben Zeit braucht, um nachhaltige Veränderungen aufzugleisen, und dass radikale Schritte letztlich dem Heil ihres Unternehmens und dem ihrer Angestellten schadeten. Mit dieser Argumentation wurde bisher jeder Wandel verschleppt oder verunmöglicht. Mut zur Veränderung sieht anders aus.

Ein mutiger Vorsatz für die Wirtschaft 2023 wäre: Wir lassen den Markt mal so richtig spielen und wo das nicht geht, greifen wir umfassend und nicht homöopathisch ein. Das hiesse: weg mit all den Eintrittsbarrieren, die den viel beschworenen Wettbewerb schon im Keim ersticken, Zerschlagung marktbeherrschender Grosskonzerne bzw. Oligopole, Subventionen nicht für die «too big to fail», sondern für vielversprechende Start-ups, Erhöhung der Steuern und Abgaben auf fossile Energieträger, bis sie schier unerschwinglich werden, Kontingentierung der schon heute knappen Ressourcen – notfalls mit Verboten –, verursachergerechte Überwälzung negativer externer Effekte. Das bedeutet: Wer verschmutzt, bezahlt, wer mogelt, wird abgewickelt, und wer betrügt, muss ins Gefängnis und bekommt keinen Vergleich. Im Weiteren wird Erwerbsarmut abgeschafft, so dass auch für Langzeitarbeitslose ein Anreiz zur Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit besteht. Dazu kommt gleicher Lohn für gleiche Arbeit, unabhängig von Geschlecht etc. Klingt verdammt sozialistisch, werden Sie mir jetzt entgegnen, ist es aber nicht. Es ist nur die logische Konsequenz eines jahrzehntelang gezüchteten Marktversagens und im Nachsatz: der Abgesang des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.