Märkte & Meinungen

Halbzeitbilanz: Rückblick und Ausblick

Matthias Geissbühler, CIO von Raiffeisen Schweiz, zieht zur Jahreshälfte Bilanz zum ersten Halbjahr und erklärt, was er vom Rest des Jahres erwartet.

Rückblick 1. Halbjahr 2020

Die erste Jahreshälfte stand im Zeichen des Coronavirus. Angesichts der rasanten Talfahrt im März und der darauf folgenden, ebenso raschen Erholung der Märkte, fühlte sich wohl manch ein Anleger an eine wilde Achterbahnfahrt erinnert.

Corona-Pandemie

Das neue Jahr startete erfolgsversprechend. Mit Blick auf die Risikofaktoren von 2019, dem US-Handelskonflikt mit China und dem EU-Austritt Grossbritanniens zeichnete sich Entspannung ab – bei vielen Anlegern herrschte Optimismus. Doch dann geschah etwas, was niemand auf der Rechnung hatte: Ausgehend von Asien breitete sich innerhalb kürzester Zeit eine neuartiger Krankheitserreger, das Coronavirus, nach Westen über praktisch alle Länder aus. Um die Pandemie einzudämmen und so einen möglichen Kollaps der nationalen Gesundheitssysteme zu verhindern, wurden vielerorts teils drastische Massnahmen ergriffen. Diese reichten vom Social Distancing über Ausgangsbeschränkungen bis hin zu einem kompletten Shutdown. In Folge dessen sank die Zahl der Neuinfektionen und ab Ende April wurden die Massnahmen schrittweise gelockert. Der Preis für die Bekämpfung des Virus war jedoch hoch: Konsum und Produktion brachen ein, die Arbeitslosigkeit erreichte in vielen Ländern Rekordniveaus. Um den Schaden für die Wirtschaft möglichst gering zu halten, wurden milliardenschwere Rettungsprogramme aus dem Boden gestampft. Dies wiederum liess die Verschuldung der öffentlichen Haushalte in die Höhe schiessen. Trotz dieser Anstrengungen ist die Pandemie noch lange nicht unter Kontrolle, wie die zuletzt wieder steigenden Infektionszahlen nur zu deutlich zeigen.

Notenbanken im Kampf gegen die Krise

Anfang Jahr hoffte noch manch ein Anleger auf ein absehbares Ende des Tiefzinsumfeldes. Doch diese Hoffnung sollte sich mit Ausbruch der Corona-Pandemie rasch zerschlagen. Um die Wirtschaft vor einem vollständigen Kollaps zu bewahren, öffneten die Notenbanken einmal mehr ihre Geldschleusen.

So startete etwa die Europäische Zentralbank (EZB) ein enormes Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen sowie Firmenkredite – auch der Erwerb von sogenannten «Schrottanleihen», also Wertpapieren ohne Investment-Grade-Rating, ist fortan kein Tabu mehr. Bis Ende 2021 sollen auf diesem Wege mehr als 1.35 Billionen Euro an zusätzlicher Liquidität zur Verfügung gestellt werden. Aber auch die US-Notenbank Fed hat ein immenses Massnahmenpaket geschnürt. Neben einer Leitzinssenkung von 1.75% auf 0.25% erklärte sie sich bereit fortan unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen. Ein Ende dieses geldpolitischen Ausnahmezustandes ist wohl noch lange nicht in Sicht.

Gold top, Rohstoffe Flop

Der unangefochtene Halbzeitgewinner ist Gold. Das Edelmetall konnte seinem Ruf als Portfoliostabilisator in turbulenten Zeiten mehr als nur gerecht werden. Als einzige Anlageklasse kann es gegenüber Jahresbeginn einen zweistelligen, positiven Kurszuwachs vorweisen. Der Aktienmarkt hingegen entwickelte sich für Anleger zu einer wilden Achterbahnfahrt. Durften im Februar noch historische Höchststände bejubelt werden, so fielen die Börsen in Folge der Corona-Pandemie bis Mitte März um 30% bis 50%. Nur um anschliessend, gestützt von den Stimuluspaketen der Notenbanken und den in vielen Ländern sinkenden Infektionszahlen, zu einer Erholungsrally anzusetzen. Besonders stark unter die Räder gekommen ist der Rohstoffbereich. Der wirtschaftliche Shutdown hat die Nachfrage nach Öl und Industriemetallen regelrecht einbrechen lassen. So sank etwa der Preis für US-Rohöl zeitweise unter 20 US-Dollar je Barrel. Dies entspricht gegenüber Anfang Jahr einem Minus von rund 40 US-Dollar je Barrel. Als sicherer Hafen erwies sich schliesslich einmal mehr der Schweizer Franken. Die Nachfrage war zeitweise derart hoch, dass der EUR/CHF-Kurs unter die Marke von 1.05 zu fallen drohte.

Aktienmarktentwicklung vom 1. Januar bis am 30. Juni 2020

Aktienmarktentwicklung vom 01. Januar bis am 30. Juni 2020

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Ausblick 2. Halbjahr 2020

Auch das zweite Halbjahr dürfte von einer hohen Volatilität geprägt sein. Der konjunkturelle Tiefpunkt liegt zwar hinter uns – die Erholung wird allerdings zaghaft verlaufen. Eine etwas defensivere Ausrichtung bleibt daher angezeigt.

Starke Rezession

Die Corona-Krise hinterlässt tiefe Spuren in der globalen Wirtschaftsentwicklung. Wir rechnen mit einem starken Rückgang des Bruttoinlandsprodukt (BIP) und einer hartnäckigen Rezession. In der Schweiz dürfte die Volkswirtschaft um rund 5% schrumpfen. Dass der Schaden nicht noch grösser ausfällt, ist den Notenbanken und den Staaten zu verdanken. Insgesamt belaufen sich die gemeinsamen Rettungsmassnahmen mittlerweile auf insgesamt fast 18‘000 Milliarden US-Dollar, was gut 20% der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung entspricht. Der Preis dieser Massnahmen ist ein massiver Anstieg der Verschuldung. Sowohl die Staatsschulden, als auch die Verschuldung der Unternehmen steigen rasant. Daraus resultieren ein höherer Schuldendienst und entsprechend weniger Spielraum für künftige Investitionen. Als Konsequenz reduziert sich tendenziell das langfristige Potenzialwachstum der Volkswirtschaften. Insofern werden uns die Nachwehen der Corona-Krise – selbst im günstigsten Fall des Ausbleibens einer zweiten Infektionswelle – noch lange beschäftigen. Eine rasche und V-förmige Konjunkturerholung erachten wir auf jeden Fall als illusorisch.

US-Wahlen

Die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA ist aufgrund der aktuellen Entwicklungen etwas in den Hintergrund geraten. Nichtsdestotrotz hat die Wahl Konsequenzen für die Finanzmärkte. Der demokratische Herausforderer von Donald Trump, Joe Biden, dürfte wirtschaftspolitisch die Zügel deutlich anziehen. Neben einer strengeren Regulierung sieht sein Wirtschaftsprogramm auch höhere Steuern vor.

Die Senkung der Unternehmenssteuern von 35% auf 21% unter der Ägide von Trump, hat zu einem massiven zusätzlichen Schub bei den Unternehmensgewinnen geführt. Dieser Rückenwind könnte bei einem Wahlerfolg von Joe Biden rasch zu einem heftigen Gegenwind werden. Der Ausgang der Wahl dürfte somit auch an den Börsen Spuren hinterlassen.

Defensive Ausrichtung

Für die zweite Jahreshälfte rechnen wir entsprechend mit einer anhaltend hohen Volatilität an den Finanzmärkten. Die vor der Türe stehenden Halbjahresabschlüsse der Unternehmen dürften zudem für eine gewisse Ernüchterung sorgen. Auch die konjunkturellen Daten werden kaum eine rasche und nachhaltige Erholung anzeigen. Im Gegenteil: Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosenzahlen in den kommenden Monaten kontinuierlich ansteigen werden.

Anlagetaktisch bleiben wir deshalb leicht defensiv positioniert. Wir haben zuletzt unsere Gewichtung bei diversen risikobehafteten Segmenten wie Hochzins- und Schwellenländeranleihen abgebaut und auch die Aktienquote Anfang Juni moderat reduziert. Nach der fulminanten Börsenerholung seit den März-Tiefst und den mittlerweile hohen Aktienbewertungen, ist das (temporäre) Rückschlagpotenzial nicht zu unterschätzen. Geografisch geben wir weiterhin Schweizer Aktien den Vorzug. Die defensive Zusammensetzung des Index dürfte sich auch in den kommenden Monaten als stabilisierendes Element erweisen. Auf Einzeltitelebene sollte der Fokus weiterhin auf solid kapitalisierte Gesellschaften mit hohen Liquiditätsreserven gerichtet sein. Übergewichtet bleiben wir dafür bei Schweizer Immobilienfonds und Gold. Das Tief- bzw. Negativzinsumfeld wird aufgrund der Corona-Krise nochmals zementiert. Davon sollten Sachwerte wie Gold oder Immobilien profitieren. Zudem halten wir in den Portfolios momentan eine erhöhte Liquiditätsreserve. So oder so ist aber weiterhin eine breite Diversifikation angezeigt. 

Konjunkturausblick 2020 und 2021

Konjunkturausblick 2. Halbjahr 2020

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office