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Zinsen – Die Taktgeber der Finanzmärkte

Die Zinsen sind weltweit deutlich gestiegen und liegen in vielen Ländern auf Mehrjahreshöchstständen. Das höhere Zinsniveau dämpft die Konjunktur und verschiebt die relativen Attraktivitäten zwischen den Anlageklassen.

28.08.2026

Metronom

Zinsen sind der Preis des Geldes und gleichzeitig ein Taktgeber für die Wirtschaft sowie die Finanzmärkte. Sie beeinflussen die Investitionstätigkeit von Unternehmen ebenso wie das Sparverhalten von Privatpersonen. Hohe Zinsen verteuern Kredite, dämpfen Investitionen und bremsen die Konjunktur aus. Tiefe oder gar negative Zinsen hingegen fördern die Kapitalaufnahme und erhöhen die Attraktivität von risikoreicheren Anlagen, da auf klassischen Sparguthaben kaum Erträge erzielt werden können. Damit prägen Zinsen die relative Attraktivität der Anlageklassen.

Die Leitzinsen werden direkt von den Notenbanken bestimmt. Im Zentrum steht dabei die Steuerung der Preisstabilität, die häufig mit einem Inflationsziel von 2% verbunden wird. Steigt die Teuerung über diesen Zielwert, werden die Leitzinsen in der Regel erhöht; sinkt sie darunter, folgt häufig eine Lockerung der Geldpolitik. Einige Zentralbanken, allen voran die US-Notenbank Fed, verfolgen ein duales Mandat. Neben der Preisstabilität berücksichtigen sie bei ihren Zinsentscheiden auch die Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Die Leitzinsen bilden zwar die Grundlage des allgemeinen Zinsniveaus, der Einfluss der Notenbanken auf die langfristigen Zinsen ist jedoch begrenzt. Diese werden wesentlich durch Angebot und Nachfrage am Obligationenmarkt sowie durch die Inflations- und Zinserwartungen der Marktteilnehmer bestimmt.

Die Zinsen befinden sich im Steigflug

Seit Jahresbeginn sind die Kapitalmarktzinsen weltweit deutlich gestiegen. Langlaufende Staatsanleihen rentieren vielerorts auf Mehrjahreshöchstständen.

 

Renditeentwicklung 10-jähriger Staatsanleihen aus Japan, den USA, Deutschland und der Schweiz

Renditeentwicklung 10-jähriger Staatsanleihen aus Japan, den USA, Deutschland und der Schweiz

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Gleichzeitig bleibt der strukturelle Druck auf die langfristigen Zinsen hoch. Aktuell sind es hauptsächlich vier Faktoren, welche die Renditen antreiben. Einer davon ist die geldpolitische Wende in Japan. Die japanische Notenbank (BoJ) hat ihre Leitzinsen im März 2024 aufgrund der deutlich gestiegenen Inflation erstmals seit Jahren wieder in den positiven Bereich angehoben. Seither wurden die Zinsen schrittweise auf 1% erhöht. In der Folge sind die Renditen 10-jähriger japanischer Staatsanleihen auf knapp 3% gestiegen und befinden sich damit auf dem höchsten Stand seit rund 30 Jahren. Die steigenden Zinsen im Land der aufgehenden Sonne wirken wie ein globaler Liquiditätsstaubsauger. Der Grund: Höhere Zinsen verteuern die Finanzierung in Yen und verringern die Attraktivität sogenannter Carry Trades, bei denen Anleger günstige Yen-Kredite aufnehmen, um in höher rentierende Anlagen einer anderen Währung zu investieren. Werden diese Positionen aufgelöst, fliesst Kapital zurück nach Japan, was weltweit zu höheren Renditen und restriktiveren Finanzierungsbedingungen führt.

Der Schuldenberg wächst ungebremst

Ein weiterer Treiber der steigenden Kapitalmarktzinsen ist die weltweit ungebremst wachsende Staatsverschuldung. Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung in den USA. Das Budgetdefizit dürfte sich dieses Jahr auf über 2 Billionen US-Dollar belaufen und wird grösstenteils durch die Emission neuer Staatsanleihen finanziert. Die gesamte US-Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 40 Billionen US-Dollar und steigt weiter stark an. Als Konsequenz auf das stetig wachsende Angebot an Staatsanleihen fordern Anleger – zu Recht – eine höhere Risikoprämie. 

 

Entwicklung der US-Staatschulden, in Billionen USD 

Entwicklung der US-Staatschulden, in Billionen USD

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Zusätzlichen Druck auf die Kapitalmärkte erzeugt der Investitionsboom im Bereich Künstliche Intelligenz (KI). Der massive Ausbau von Rechenzentren und digitaler Infrastruktur führt zu einem enormen Finanzierungsbedarf. Die US-Hyperscaler Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft, Oracle und der Halbleiterkonzern Nividia haben allein in diesem Jahr bereits Anleihen im Wert von mehr als 225 Milliarden US-Dollar emittiert. Dieses stark steigende Angebot an Unternehmensanleihen konkurriert direkt mit Staatsanleihen um das verfügbare Kapital der Investoren und erhöht damit den Aufwärtsdruck auf die langfristigen Zinsen.

Hinzu kommt ein anhaltender struktureller Inflationsdruck. Die globale Aufrüstung, die Energiewende, der Aufbau von Rechenzentren sowie die zunehmende Deglobalisierung wirken preistreibend. Entsprechend bleibt der Spielraum der Notenbanken für deutliche Zinssenkungen begrenzt.

Die Ära des billigen Geldes gehört vorerst der Vergangenheit an. Steigende Staatsverschuldung, ein wachsender Kapitalbedarf, veränderte geopolitische Rahmenbedingungen und struktureller Inflationsdruck sprechen für ein dauerhaft höheres Zinsniveau. Die Auswirkungen werden in allen Anlageklassen spürbar sein: Einerseits belasten höhere Zinsen die Bewertungen von Aktien und Immobilien, andererseits gewinnen Obligationen als Anlagealternative wieder an Attraktivität. Dies gilt insbesondere für ausländische Investoren. Die Schweiz nimmt dabei eine Sonderrolle ein, da sie sich dem internationalen Zinssog bislang weitgehend entziehen konnte. Angesichts der engen Verflechtung der globalen Finanzmärkte sind jedoch auch hiesige Anlegerinnen und Anleger gut beraten, diese Entwicklungen im Blick zu behalten.

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Die stark gestiegenen Zinsen lassen die Aktienmärkte bislang scheinbar kalt. Das dürfte sich ändern. Höhere Zinsen führen über steigende Diskontierungssätze zu tieferen Aktienbewertungen. Zudem gewinnen Obligationen wieder an Attraktivität. Dies gilt insbesondere für die USA. 10-jährige Staatsanleihen rentieren derzeit mit 4.7% und damit rund einen halben Prozentpunkt höher als zu Jahresbeginn. Die Gewinnrendite von US-Aktien, also das inverse Kurs-Gewinn-Verhältnis, liegt aktuell bei 4.6%. Die Aktienrisikoprämie ist damit negativ. Amerikanische Investoren werden also derzeit für das zusätzliche Risiko von Aktien nicht entschädigt. Anders präsentiert sich die Ausgangslage für Schweizer Anlegerinnen und Anleger. Da sich die hiesigen Zinsen dem internationalen Aufwärtstrend bislang weitgehend entziehen konnten, bleiben Franken-Anleihen aus Renditeperspektive wenig attraktiv. 

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.