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Angst und Gier – Die Macht der Emotionen

Trotz des Iran-Krieges haben mehrere Aktienmärkte neue Allzeithochs erreicht. Diese Entwicklung lässt sich weniger durch Fundamentaldaten als vielmehr durch anlagepsychologische Faktoren erklären und mahnt daher zur Vorsicht.

01.05.2026

Hamster mit Mais

Die stark gestiegenen Energiepreise erhöhen die Inflation

Während die Strasse von Hormus blockiert bleibt, die Energiepreise seit Jahresbeginn um über 80% gestiegen sind und eine Stagflation droht, kletterte der amerikanische Leitindex S&P 500 Mitte April auf ein Allzeithoch. Fundamental gibt es dafür wenig überzeugende Gründe, zumal die Auswirkungen des Iran-Krieges Spuren hinterlassen. Die Inflation ist zuletzt sowohl in den USA als auch in Europa deutlich gestiegen, was zu höheren Kapitalmarktzinsen geführt hat.

 

Entwicklung der Inflation in den USA und der Eurozone

Entwicklung der Inflation in den USA und der Eurozone

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die anhaltende Teuerung dürfte sich negativ auf den Konsum auswirken, während steigende Zinsen Unternehmen und die öffentlichen Haushalte belasten. Entsprechend steht auch die Profitabilität vieler Unternehmen unter Druck. Langfristig betrachtet zählen die Gewinnentwicklung sowie das Zinsumfeld zu den zentralen Treibern der Aktienmärkte. Rational betrachtet müsste der anhaltende Konflikt im Nahen Osten daher zu sinkenden Aktienkursen führen. Zwar kam es kurzfristig zu einer Korrektur: Der breite Schweizer Aktienmarkt, gemessen am Swiss Performance Index (SPI), büsste beispielsweise zwischen Ende Februar und Mitte März gut 10% an Wert ein. Der Grossteil dieser Korrektur wurde in der Zwischenzeit jedoch bereits wieder wettgemacht. Wie ist das möglich? 

Die Aktienmärkte gelten langfristig als effizient und entwickeln sich entlang fundamentaler Daten, insbesondere der Wirtschaftsentwicklung und des Gewinnwachstums. Kurzfristig können Aktien jedoch deutlich schwanken und sich zeitweise – sowohl nach oben als auch nach unten – erheblich vom langfristigen Trend entfernen. Solche Abweichungen lassen sich durch das Verhalten der Anlegerinnen und Anleger erklären. Entgegen den Annahmen klassischer Modelle agieren diese nicht immer rational, sondern werden häufig von Emotionen geleitet. Insbesondere Angst und Gier beeinflussen Anlageentscheidungen und verstärken kurzfristige Marktbewegungen.

Von Angst zu Euphorie in wenigen Tagen 

In Phasen steigender Märkte führt Gier dazu, dass Anleger überproportional hohe Renditeerwartungen entwickeln und Risiken zunehmend ausblenden. Investitionsentscheide werden stärker von kurzfristigen Kursentwicklungen als von fundamentalen Bewertungen beeinflusst. Dies führt zu einem prozyklischen Verhalten und einer erhöhten Risikokonzentration. Die Angst, etwas zu verpassen, hat auch die jüngste Börsenerholung geprägt. Seit der Ankündigung eines Waffenstillstandes und dem Beginn der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sind die Aktienmärkte angesprungen. Spekulanten, die zuvor auf weiter sinkende Kurse gesetzt hatten, wurden auf dem falschen Fuss erwischt und mussten ihre Short-Positionen schliessen. Dies lässt sich gut am Put/Call-Ratio– einem Stimmungsindikator, der das Verhältnis von gehandelten Put-Optionen zu Call-Optionen misst – ablesen. Es gibt Aufschluss darüber, ob Marktteilnehmer überwiegend auf fallende oder steigende Kurse setzen. Ein hohes Put/Call-Ratio deutet auf eine pessimistische Marktstimmung hin, da vermehrt Absicherungen oder Wetten auf sinkende Kurse nachgefragt werden. Ein tiefes Ratio signalisiert hingegen eine optimistische Positionierung mit Fokus auf steigende Kurse. Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Anlegerstimmung innerhalb von wenigen Wochen verändert hat. Die Kurserholung wurde denn auch primär von technischen und psychologischen Faktoren getrieben – und steht entsprechend auf tönernen Füssen. 

 

Entwicklung des Put/Call-Ratio

Entwicklung des Put/Call-Ratio

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die Angst wirkt ebenso mächtig wie die Gier, nur in die entgegengesetzte Richtung. Wenn Märkte fallen, kippt Zuversicht in Unsicherheit. Kursschwankungen werden als Bedrohung empfunden und negative Nachrichten überbewertet. Aufgrund der inhärenten Verlustaversion sind Kursrückschläge emotional belastend. Deshalb verkaufen viele Anlegerinnen und Anleger genau dann, wenn die Unsicherheit am grössten ist – nicht aus rationaler Abwägung, sondern aus dem Wunsch heraus, den Schmerz weiterer Verluste zu vermeiden. So werden temporäre Rückschläge zu dauerhaft realisierten Einbussen.

Aus dem Wechselspiel von Gier und Angst entstehen typische Fehlentscheidungen: Überreaktionen auf kurzfristige Marktentwicklungen, häufige Umschichtungen sowie eine Abkehr von der langfristigen Anlagestrategie. Erfolgreiches Anlegen scheitert deshalb oft an der Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Wer sich dieser Mechanismen bewusst ist und klare Regeln befolgt, schafft Distanz zum Marktgeschehen – und erhöht die Chance, von Überzeugungen statt Gefühlen geleitet zu investieren.

Emotionslos betrachtet stellt die Unterbrechung der Strasse von Hormus zweifellos eine Herausforderung dar. Je länger die Schifffahrt eingeschränkt bleibt, desto gravierender fallen die negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und Unternehmen aus. Vor diesem Hintergrund bleiben wir anlagetaktisch bewusst leicht defensiv positioniert. Das basiert auf einer nüchternen Analyse und hat nichts mit der langfristigen Anlagestrategie zu tun. Gerade diese gilt es – trotz zwischenzeitlicher Turbulenzen – konsequent einzuhalten. Dass sich dieser Ansatz auszahlt, hat die jüngere Vergangenheit eindrücklich gezeigt. Die Kurseinbrüche im Zuge der Corona-Pandemie, des Ukraine-Krieges sowie des Zollchaos nach dem «Liberation Day» waren zwar deutlich, wurden jedoch allesamt in kurzer Zeit wieder aufgeholt. Wer in diesen Phasen aus emotionalen Gründen ausgestiegen ist, hat diesen Entscheid oft rasch bereut. Warren Buffett brachte dieses Prinzip treffend auf den Punkt: «Der Aktienmarkt ist ein Instrument, das Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen transferiert». Auch wenn es manchmal schwerfällt: Geduld und eine klar definierte langfristige Strategie sind entscheidende Faktoren für nachhaltigen Anlageerfolg. Emotionen hingegen sollten beim Anlegen konsequent ausgeblendet werden. 

Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Die aktuelle Marktphase ist von hoher Volatilität geprägt. Starke Börsenschwankungen strapazieren die Nerven der Anlegerinnen und Anleger und erhöhen das Risiko von Fehlentscheidungen. Mitte März war die Anlegerstimmung angesichts der Eskalation im Nahen Osten rabenschwarz. Mit der Ankündigung eines Waffenstillstandes drehte sie abrupt und die Angst, eine Erholung zu verpassen, gewann die Oberhand. Euphorie ist jedoch fehl am Platz. Die Unterbrechung der Strasse von Hormus hat die Energiepreise stark steigen lassen, inzwischen drohen sogar reale Versorgungsengpässe. Der nüchterne Blick mahnt deshalb zur Vorsicht. Denn langfristig sind es die Fundamentaldaten, die den Kursverlauf an den Börsen bestimmen. Ganz nach dem Motto: It’s the economy, stupid.   

Matthias Geissbühler

Matthias Geissbühler

Chief Investment Officer Raiffeisen Schweiz

Seit Januar 2019 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) von Raiffeisen Schweiz für die Anlagepolitik verantwortlich. Zusammen mit seinem Team analysiert er kontinuierlich die weltweiten Geschehnisse an den Finanzmärkten und entwickelt die Anlagestrategie der Bank.