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Das Ende der Globalisierung – Wird das Rad zurückgedreht?

Die Globalisierungswelle der letzten zwei Jahrzehnte hat insgesamt den Wohlstand deutlich erhöht. Gleichzeitig wurden durch die zunehmende Arbeitsteilung Abhängigkeiten geschaffen. Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg, haben diese schonungslos offengelegt und könnten einen Richtungswechsel einläuten.

Positive Folge der Globalisierung

Es sind News aus den Lokalzeitungen und gleichzeitig exemplarische Beispiele. Die Gondelbahn Grüsch-Danusa in Graubünden setzt den Sommerbetrieb aus und beim Pistenbully-Hersteller Kässbohrer aus Ulm ist seit Ostern Kurzarbeit angesagt. Der Grund: fehlende Komponenten aufgrund von Lieferengpässen. Kässbohrer ist wie weltweit Hunderte andere Firmen von den Fabrikschliessungen in China betroffen. Aufgrund der strengen Null-Covid-Strategie der Regierung kommt es immer wieder zu temporären Lockdowns. Zuletzt hat es die Wirtschaftsmetropole Shanghai getroffen. Seit Ausbruch der Pandemie sind die Lieferketten gestört und es fehlt an Computerchips und Elektronikbauteilen. Im Fall der Gondelbahn Grüsch-Danusa liegt der Grund nicht in China, sondern in der Ukraine. Bestandteile für die benötigten Trafo-Stationen werden in der Ukraine hergestellt und können momentan nicht geliefert werden.

Dass grosse international tätige Firmen auf die globalen Lieferketten angewiesen sind, ist nichts Neues. Wie weit die Globalisierung und damit die Arbeitsteilung gegangen ist, zeigt sich allerdings darin, dass selbst Kleinbetriebe von den Lieferunterbrüchen betroffen sind.  

Aus makroökonomischer Sicht ist die Globalisierung grundsätzlich sinnvoll. Die offensichtlichen Vorteile des Freihandels wurden bereits im 18. Jahrhundert von den britischen Ökonomen Adam Smith und David Ricardo beschrieben und konnten in verschiedenen Studien empirisch nachgewiesen werden. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich die Globalisierung nochmals stark beschleunigt. Mit der schrittweisen wirtschaftlichen Öffnung Chinas wurden die Wertschöpfungsketten in der Produktion geografisch weiter ausgeweitet. China hat sich in der Folge zur «Fabrik der Welt» entwickelt. 

Die extrem günstigen Produktionskosten führten zur Verlagerung von arbeitsintensiven Tätigkeiten aus Europa und den USA ins Reich der Mitte. Profitieren konnten einerseits die Konsumenten in den entwickelten Ländern in Form von sinkenden Produktpreisen, was sich in einer langen Phase von sehr tiefer Inflation bemerkbar machte. In China andererseits brachte die Globalisierung neue Arbeitsplätze für Millionen von Menschen. Unter dem Strich und auf aggregierter Basis betrachtet profitierte die Weltbevölkerung von dieser Entwicklung. Dies lässt sich eindrücklich an der sinkenden globalen Einkommensungleichheit ablesen. Eine klassische «Win-Win-Situation» könnte man meinen.

Entwicklung des Gini-Koeffizienten weltweit

Quellen: World Inequality Report, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Das Rad der Globalisierung wird zurückgedreht

Das vermeintlich schöne Bild hat aber in den letzten Jahren Risse bekommen. Begonnen hat es mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China. Unter Präsident Donald Trump mit seinem Slogan «America First» haben die USA hohe Strafzölle auf Importe aus China eingeführt. So richtig zum Vorschein kamen die weltweiten Abhängigkeiten im Zuge der Corona-Pandemie. Geschlossene Grenzen, Produktionsstillstände und lahmgelegte Frachthäfen haben die globalen Lieferketten massiv beeinträchtigt. Und fehlende Mikrochips bedeuten eben nicht nur einen Stillstand in der Produktion von Smartphones und Computer, sondern führen auch zu Problemen in der Konsumelektronik- oder Automobilindustrie.

Kaum war die Corona-Krise scheinbar unter Kontrolle gebracht, folgte der nächste Rückschlag. Der Ukraine-Krieg hat vor allem auf der Rohstoffseite deutliche Spuren hinterlassen. Die Abhängigkeit des Westens von Erdöl und Erdgas aus dem Nahen Osten und Russland war schon immer ein Problem – und oft auch Ursache von (militärischen) Konflikten. Während die USA in den vergangenen Jahren die eigene Förderung von fossilen Brennstoffen massiv erhöht haben und de facto autark geworden sind, verliess man sich in Europa weiterhin auf die Lieferungen der Erdölexportierenden Staaten und ihrer Verbündeten (OPEC+). Insbesondere die Abhängigkeit von russischem Erdgas erweist sich nun als schwerer Fehler. Der massive Anstieg der Energie- und Strompreise befeuert die Teuerung und belastet das Portemonnaie der Konsumenten. Auch in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern machen sich die Folgen des Krieges bemerkbar. Russland und die Ukraine gehören zu den grössten Weizenproduzenten der Welt. Länder wie Pakistan, Ägypten und der Sudan beziehen über 50% ihrer Weizenimporte aus den beiden Konflikt-Ländern. Die UNO rechnet deshalb mittlerweile mit einer Hungerkatastrophe. 

Der Handelskonflikt, die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg könnten in der Folge zu einer längeren Deglobalisierungsphase führen. Vielerorts wurden Schritte zu einer Reintegration von Wertschöpfungsketten gestartet. So hat die Europäische Union (EU) beispielsweise im Februar den sogenannten «European Chips Act» verabschiedet, welcher 45 Milliarden Euro für die Förderung und den Aufbau einer starken Halbleiterindustrie in Europa bereitstellt. Bereits hat der US-Chipkonzern Intel von den Subventionen Gebrauch gemacht und den Bau einer Halbleiterfabrik in Magdeburg angekündigt. Im Frühjahr 2023 sollen die Bauarbeiten beginnen, die Investitionen belaufen sich auf 17 Milliarden Euro. Die ersten Prozessoren und Grafikchips werden aber wohl erst 2027 vom Band laufen. Bis dahin bleibt die Abhängigkeit von Asien hoch. Fast 60% der gesamten Chipproduktion erfolgt derzeit in Taiwan, was geopolitisch brisant ist. Das Beispiel zeigt: Der Aufbau von lokalen Wertschöpfungsketten ist teuer und braucht Zeit. 

KOF Globalisierungsindex und möglicher Trend

Quellen: KOF (ETH Zürich), Raiffeisen Schweiz CIO Office

China seinerseits treibt im Rahmen des aktuellen Fünfjahresplans – nicht zuletzt aufgrund des Handelskonflikts mit den USA – das Projekt des «doppelten Wirtschaftskreislauf» mit Hochdruck voran. Dabei sollen die Binnenwirtschaft und die Innovationskraft gestärkt werden. Ziel ist die Unabhängigkeit von Schlüsseltechnologien und Vorprodukten aus dem Westen.

Was auf den ersten Blick als sinnvolle Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen erscheinen mag, ist allerdings nicht unproblematisch. Eine Deglobalisierung sowie der Aufbau von lokalen Produktionsstätten bedeuten massive Investitionen und wirken inflationär. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft – und damit auch die Finanzmärkte – wären entsprechend negativ. Höhere Inflation, höhere Zinsen, steigende Produktionskosten und tieferes Wachstum sind kein guter Cocktail. Da wäre es ein schwacher Trost, wenn dafür in der Schweiz wieder Trafo-Stationen für Gondelbahnen gebaut würden.      

Der CIO erklärt: Was heisst das für die Schweiz?

Die Schweiz als kleine und offene Volkswirtschaft mit einem sehr hohen Exportvolumen hat stark von der Globalisierung profitiert. 2021 exportierte die Schweiz Waren und Güter im Wert von 259.5 Milliarden Schweizer Franken. 

Auf der anderen Seite beliefen sich die Importe auf insgesamt 200.8 Milliarden. Im Vergleich dazu betrug unser Bruttoinlandsprodukt rund 742.8 Milliarden Schweizer Franken. Der Exportanteil lag damit bei fast 35% – ein Spitzenwert. Seit Jahren erzielt die Eidgenossenschaft signifikante Handelsbilanzüberschüsse. Insofern sind offene Absatzmärkte und gute Handelsbeziehungen mit dem Ausland für unseren Wohlstand unerlässlich. Eine Deglobalisierungsspirale würde die Schweiz entsprechend hart treffen.   

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz