Märkte & Meinungen

Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

Die Gewinnsaison läuft auf Hochtouren und die Halbjahresabschlüsse überzeugen. Die laue Reaktion der Börsen zeigt, dass ein Grossteil der positiven Gewinnentwicklung in der Kursentwicklung bereits vorweggenommen wurde.

Chart der Woche

Schuldenstreit in den USA

US-Staatsschulden (in Billionen US-Dollar) erreichen die Obergrenze

Schuldenstreit in den USA

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die Bekämpfung der Corona-Pandemie hat Folgen. Die globalen Staatsschulden steigen rasant an. In den USA ist die Schuldenobergrenze von 28.5 Billionen US-Dollar mittlerweile erreicht und muss erhöht werden – ansonsten droht ein «Government Shutdown». Letztendlich dürften die Republikaner einlenken. Damit wird eine Lösung des Schuldenproblems einmal mehr in die Zukunft verschoben.

Aufgefallen

Margendruck bei Nestlé

Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern und SMI-Schwergewicht publizierte durchzogene Halbjahreszahlen. Das organische Wachstum (+ 8.6 %) konnte überzeugen. Dafür sorgen die stark gestiegenen Rohstoffpreise für Margendruck.

 

Auf der Agenda

Schweizer Inflationszahlen

Am 2. August werden die Inflationszahlen für Juli publiziert. Obwohl auch hierzulande die Teuerung zunimmt, liegt die Inflation noch deutlich unter der 2 %-Obergrenze der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Gut ist nicht immer gut genug

Es sind eindrückliche Zahlen, welche der Computerzubehör-Hersteller Logitech vorgelegt hat. Der Umsatz konnte im abgelaufenen Quartal um fast Zweidrittel erhöht werden. Der Reingewinn wurde gar um 160 % auf knapp 187 Millionen Schweizer Franken gesteigert. Computermäuse, Tastaturen, Webcams und Headsets fanden weiterhin reissenden Absatz – kein Wunder, musste doch in den Corona-Zeiten das Homeoffice aufgerüstet werden. Die Reaktion an der Börse fiel allerdings ernüchternd aus und die Anleger haben sich beim Kurseinbruch von 10 % wohl die Augen gerieben. Die Erklärung ist einfach: An den Börsen wird die Zukunft gehandelt und nicht die Gegenwart. Und diesbezüglich rechnet der Markt mit einer deutlichen Wachstumsverlangsamung in den kommenden Quartalen. Logitech und auch viele andere IT-Konzerne gehören zu den eigentlichen Corona-Gewinnern. Die vielerorts verhängte Homeoffice-Pflicht hat zu einem regelrechten Nachfrageboom geführt. Das sich eine solche Entwicklung nicht linear fortschreiben lässt scheint einleuchtend. Wer im vergangenen Jahr einen neuen PC, Laptop oder Tastatur gekauft hat, wird in der nahen Zukunft seine IT-Ausgaben zwangsläufig zurückfahren. Der Aktienmarkt nimmt diese Entwicklung vorweg. Dies erklärt warum die Logitech-Aktie aktuell fast 20 % unter dem Allzeithoch von Anfang Juni notiert.

Diese Entwicklung trifft nicht nur das Unternehmen mit Sitz in Apples im Kanton Waadt. Beim grössten IT-Konzern der Welt, Apple, zeigte sich Ähnliches. Mit einem Quartalsgewinn von sagenhaften 21.7 Milliarden US-Dollar wurden die Analystenschätzungen geradezu pulverisiert. Dennoch verlor die Aktie nach der Bekanntgabe der Zahlen fast 2 % an Wert. Manchmal ist eben selbst sehr gut nicht gut genug.

 

Chinesische Aktien unter Druck

Aktienanleger können sich in diesem Jahr bisher an einer stattlichen Performance erfreuen. Der Weltaktienindex MSCI World liegt seit Jahresanfang in Schweizer Franken gerechnet mit 19 % im Plus. Auch der Swiss Performance Index (SPI) verzeichnet eine positive Performance von gut 16 %. Nicht überall sieht es aber so rosig aus. Einige Länderindizes bescherten den Investoren gar Verluste. Japanische Aktien verloren bisher gut 2 %. Ein noch grösseres Minus verzeichnete der chinesische Aktienmarkt (-3.6 %). Erstaunlich, denn China gilt als das Land welches scheinbar am glimpflichsten durch die Corona-Krise gekommen ist. Die Erklärung ist politischer Natur: Unter Staats- und Parteichef Xi Jinping driftet das Reich der Mitte immer stärker in Richtung Totalitarismus ab. Die Entwicklungen in der Region Xinjiang, in Tibet, aber auch das harte Durchgreifen im einst unabhängigen Hongkong zeigt wohin die Reise geht. Auch in die Wirtschaft wird immer stärker eingegriffen. Die Regulierungsschraube gegenüber den grossen chinesischen Tech-Konzernen wie Alibaba oder Tencent wurde massiv angezogen. Diese Woche wurde zudem der Bildungssektor ins Visier genommen. Privatwirtschaftliche Bildungseinrichtungen dürfen künftig nur noch «gemeinnützig» tätig sein und werden de facto unter die Kontrolle der Partei gestellt. Das Ziel dieser Eingriffe ist offensichtlich: Xi geht es darum seine Macht zu sichern und die Kontrolle über die Meinungsbildung zu gewinnen. Anleger und Anlegerinnen, welche in China investieren wollen, sollten sich dieser zunehmenden politischen Risiken im Klaren sein. Das Potenzial im Reich der Mitte ist zweifellos riesig. Fraglich ist allerdings, ob der langfristige ökonomische Erfolg, welcher Kreativität und Unternehmensgeist voraussetzt, in einem zunehmend repressiven politischen Umfeld mit eingeschränkten Freiheitsrechten erreichbar ist. Der diesbezügliche Lackmustest steht noch bevor.