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Sommerferien! Sonnig, aber teuer

Die Sommerferien sind in vollem Gange. Das Reisen ist in diesem Jahr allerdings mit Strapazen verbunden. Annullierungen, Verspätungen und lange Wartezeiten sind an der Tagesordnung. Der Tourismussektor leidet noch immer unter den Folgen der Pandemie. Zudem sind die Preise deutlich gestiegen. Ferien sind zum Luxus geworden.

Stop and Go – Die starke Konjunkturbewegung hinterlässt bis heute Spuren

Möglicherweise werden Sie diese Zeilen irgendwo am Meer, in den Bergen oder zu Hause auf dem Balkon lesen. Die Sommerferien sind im Gange und werden nach den Pandemie-bedingten Entbehrungen in vollen Zügen genossen. Sofern die Reisestrapazen überstanden wurden – denn «Courant normal» herrscht auch diesen Sommer nicht. 

Kilometerlange Staus vor dem Gotthard-Tunnel, überfüllte und verspätete Züge, Chaos an den Flughäfen sowie Tausende von stornierten Flügen prägen dieses Jahr das Ferienbild. Glücklich ist, wer es wie geplant und pünktlich von A nach B schafft und dessen Reisekoffer unterwegs nicht verloren geht. Lieferkettenprobleme der etwas anderen Art. Und Nachwehen der Corona-Pandemie. 

Die Weltwirtschaft leidet noch immer unter den Lockdowns von 2020 und der Vollbremsung der wirtschaftlichen Aktivitäten. Der darauf folgende Nachholbedarf und die kräftige V-förmige Konjunkturerholung haben viele Unternehmen auf dem falschen Fuss erwischt. Denn eine solch starke «Stop-and-Go»-Bewegung ist ein wirtschaftliches Novum. Insbesondere die Tourismusindustrie kämpft noch heute mit den Folgen dieser Entwicklung. 

Entwicklung des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP), quartalsweise Wachstumsrate

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Der Tourismus ist für viele EU-Länder existenziell

Im Frühling 2020 wurden vielerorts die Grenzen dicht gemacht. Das Reisen wurde verunmöglicht oder massiv erschwert. Bei vielen Airlines kam es zu einem temporären «Grounding» der Flotten. Hotels und Restaurants mussten schliessen und Kreuzfahrtschiffe blieben in den Häfen stecken. Kurzum: Es kam in der Reisebranche zum temporären Lichterlöschen. Da zu diesem Zeitpunkt ein baldiges Ende der Pandemie nicht absehbar war, wurden entsprechend Kapazitäten reduziert und Personal abgebaut. 

In der Europäischen Union (EU) waren 2019 rund 11.6% der gesamten Erwerbsbevölkerung im Tourismussektor tätig. Dies entspricht etwa 23.5 Millionen Arbeitsplätzen. In Ländern wie Malta, Portugal, Kroatien und Griechenland entfiel gar jede fünfte Stelle auf den Tourismus.

Beitrag des Tourismus zum BIP und zur Beschäftigung (2019)

Quellen: World Travel & Tourism Council (WTTC), Raiffeisen Schweiz CIO Office

Reisen wird zum Luxus – Überproportionaler Kostenanstieg bei den «Tourismusausgaben»

Infolge der Pandemie brach die Tourismus- und Reiseindustrie in der EU um über 60% ein und rund 2 Millionen Menschen verloren ihre Arbeit. Personal, das nun an allen Ecken und Enden fehlt. Die Konsequenzen spüren die Reisenden sehr direkt. So werden beispielsweise Flüge kurzfristig gestrichen, weil es an Flug- und Bodenpersonal mangelt. Auch der Service im Hotel oder Restaurant dürfte diesen Sommer hier und dort wohl etwas zu wünschen übrig lassen. Nicht nur die Fülle und die Qualität des Angebots leidet, sondern auch der Geldbeutel der Erholungssuchenden. Denn das Ferienvergnügen geht in diesem Jahr so richtig ins Portemonnaie. Flüge, Mietautos, Hotels – alles kostet deutlich mehr. Und zwar weltweit. Auch in der Schweiz, wo die Inflation im Juni auf 3.4% stieg, sind «Tourismusausgaben» wesentliche Treiber der Teuerung. Neben Heizöl, Benzin und Gas haben sich die Preise für Mietautos, Flüge und Pauschalreisen ins Ausland überproportional stark verteuert. Selbst wer die Ferien in der Schweiz verbringt, bezahlt für die Hotelübernachtung gut 6% mehr. 

Preisentwicklung einzelner Komponenten im Warenkorb im Juni 2022 in der Schweiz

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die Turbulenzen im Tourismussektor sind auch am Aktienmarkt ersichtlich. Der STOXX Europe 600 Travel & Leisure Index, welcher die 14 grössten europäischen Reise- und Tourismuswerte umfasst, liegt noch immer um einen Viertel unter den Vor-Corona-Niveaus. Im Vergleich dazu notiert der breite STOXX Europe 600 Index seit Ende 2019 inklusive Dividenden immerhin gut 10% im Plus. Bei den Schweizer Tourismuswerten sieht das Bild nicht anders aus. Die Aktien vom Flughafen Zürich (-13%), der Jungfraubahn Holding (-23%), dem Online-Reisehändler Lastminute.com (-54%) sowie dem Reise-Detailhändler Dufry (-61%) liegen allesamt noch deutlich unter den Kursniveaus von Anfang 2020. Bis sich der Tourismussektor und die entsprechenden Valoren vollständig von der Pandemie erholt haben, dürfte deshalb noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen. 

Aber Hand aufs Herz. Wer jetzt mit einem eisgekühlten Caipirinha irgendwo unter Kokosnusspalmen an einem (hoffentlich nicht zu überfüllten) Sandstrand liegt, wird für einmal das Börsengeschehen ausblenden. Und ob der Drink oder die Glace in diesem Jahr ein paar Prozent mehr kostet als üblich, dürfte in diesem Moment auch keine allzu grosse Rolle spielen. Ein paar erholsame Urlaubstage sind schliesslich unbezahlbar. In diesem Sinne: Geniessen Sie Ihre Sommerferien!  

Der CIO erklärt: Was heisst das für Anleger?

Der Tourismussektor hat unter der Pandemie stark gelitten. In der Schweiz kam es 2020 zu einem Rückgang der Logiernächte von rund 40%. In Europa brach die Tourismus- und Reiseindustrie gar um fast zwei Drittel ein. In diesem Sommer ist die Nachfrage zwar wieder gestiegen, aufgrund von Personalmangel kommt es aber zu Engpässen. Zudem sind die Preise in die Höhe geschossen. Wer im Juni eine Pauschalreise ins Ausland gebucht hat, musste dafür 28% mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. 

Die stark steigende Inflation ist eine zusätzliche Herausforderung für den Tourismus. Wenn die Kaufkraft schwindet, werden die Ferienbudgets gekürzt. Tourismusaktien wie Dufry, Lastminute.com oder Jungfraubahn Holding notieren denn auch weit unter den Kursniveaus von vor der Pandemie. Daran dürfte sich so rasch nichts ändern. Aufgrund der gestiegenen Rezessionsrisiken empfehlen wir weiterhin, auf defensive Sektoren wie Nahrungsmittel, Basiskonsum sowie Gesundheit zu setzen. 

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz