Der Pharmasektor – Gesundheit fürs Portfolio

Der Pharmasektor besticht durch seine defensiven Qualitäten. Die demografischen Entwicklungen sprechen zudem für ein starkes strukturelles Wachstum. Entsprechend gehören Pharmaaktien in ein breit diversifiziertes Portfolio.

Die Pharmaindustrie hat die höchste Wertschöpfung

Es wird gehustet und geschnäuzt. Die Grippewelle macht die Runde. Verschnupft sind aber nicht nur die Menschen, sondern auch die Wirtschaft. Deutschland, unser wichtigster Handelspartner, befindet sich in einer Rezession, China kämpft mit einer Immobilienkrise und aufgrund der angespannten Situation im Roten Meer drohen erneute Lieferengpässe. Für Volatilität an den Märkten ist somit gesorgt. In diesem Umfeld suchen Anlegerinnen und Anleger nach Stabilität und Berechenbarkeit. Fündig werden sie unter anderem im Pharmasektor. Denn dieser besticht durch eine konstant wachsende Nachfrage sowie konjunkturresistente Geschäftsmodelle. Während der Kauf eines neuen Autos oder des neuen iPhone je nach finanzieller Situation problemlos um ein oder zwei Jahre verschoben werden kann, besteht bei benötigten Medikamenten kaum Flexibilität. Wer unter chronischen Krankheiten leidet, kann die Behandlung nicht einfach unterbrechen – Rezession hin oder her. Auch steigende Medikamentenpreise müssen wohl oder übel «geschluckt» werden. 

Wertschöpfung pro Vollzeitäquivalent nach ausgewählten Branchen in der Schweiz im Jahr 2021

Quellen: BFS, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Davon profitiert die Pharmaindustrie. Das zeigt sich exemplarisch in der Schweiz. Das jährliche nominale Wachstum der hiesigen Pharmabranche betrug in den vergangenen 20 Jahren durchschnittlich 5.9%. Im selben Zeitraum nahm die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung gerade mal um 2.0% pro Jahr zu. Nicht nur das Wachstum, sondern auch die Produktivität der schweizerischen Pharmaindustrie ist eindrücklich. Diese ist gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) die höchste von allen Branchen. 2021 betrug die Wertschöpfung pro Vollzeitäquivalent, also der Ertrag pro Vollzeitmitarbeiter, sagenhafte 876’639 Schweizer Franken. 

Gross ist auch der Anteil an den Exporten der Schweiz. Pharmazeutische Produkte machen rund 36% sämtlicher Warenausfuhren aus. Im Jahr 2000 lag der Anteil noch bei 11%. Für die Schweizer Volkswirtschaft ist der Pharmasektor entsprechend ein Wachstumstreiber und gleichzeitig ein Stabilisator. Dies zeigt sich im aktuell schwierigen konjunkturellen Umfeld. Im laufenden Jahr gehen wir davon aus, dass die europäische Wirtschaft um 0.1% schrumpfen wird. Für die Schweiz prognostizieren wir derweil ein moderates Wachstum von 0.8%. Dem Gesundheitssektor sei Dank!

Medikamenten-Innovationen zahlen sich an der Börse aus

Pharmagesellschaften sind zwar konjunkturresistent, durchlaufen aber ihre eigenen Zyklen. Diese werden von den Medikamentenentwicklungen, den Neueinführungen sowie den Patentverfällen beeinflusst. Das Management des eigenen Produkteportfolios ist somit zentral für den Erfolg eines Unternehmens. Dabei operieren die Konzerne in einem unsicheren Umfeld. Zwar können die Pharmamanager darauf achten, dass die Forschungs- und Entwicklungspipeline stets gut gefüllt ist, eine Garantie für eine Zulassung durch die Arzneimittelbehörden gibt es aber nicht. In der Tat schaffen es von den Medikamentenkandidaten in der frühen klinischen Forschung (Phase 1) nur rund 10% zur effektiven Markteinführung. Dass es zudem lange dauert, bis ein Medikament auf den Markt gebracht werden kann, birgt zusätzliche Risiken. Möglicherweise sind bis dann schon effektivere Konkurrenzprodukte auf dem Markt. Um einen konstanten Fluss von neuen Medikamenten sicherzustellen, investieren die Pharmakonzerne grosse Summen in Forschung und Entwicklung. Alternativ halten die Firmen laufend nach Übernahmekandidaten Ausschau. Beliebt ist der Kauf von kleineren Biotechfirmen.

Dass Patentverfälle grosse Auswirkungen auf den Geschäftsgang haben können, erlebt derzeit der Basler Pharmamulti Roche. 2009 hat dieser den US-Biotechnologiekonzern Genentech vollständig übernommen – ein absoluter Glücksgriff. Aus dieser Akquisition gingen die Blockbuster-Medikamente Rituxan, Herceptin und Avastin hervor. 2017 erzielten diese drei Onkologie-Produkte einen Umsatz von 19.5 Milliarden Franken, was über 47% der gesamten Erlöse in der Pharmasparte ausmachte. Diese Phase bescherte Roche ein fulminantes Wachstum und rekordhohe Margen. Ab 2018 verloren die drei Medikamente aber rasch hintereinander ihren Patentschutz. Seither versucht Roche, diese Lücken zu füllen – mit bisher eher bescheidenem Erfolg. Entsprechend ist die Aktie vom Börsenliebling zum Ladenhüter geworden. Die Roche-Valoren konnten seit Ende 2017 nur knapp 3% pro Jahr und damit deutlich weniger zulegen als der breite Schweizer Aktienmarkt, gemessen am Swiss Performance Index (SPI). Dieser verzeichnete immerhin ein annualisiertes Kursplus von 5.1%. 2024 dürfte der Konzern nun aber schrittweise auf den Wachstumspfad zurückkehren. Die negativen Basiseffekte der Patentverfälle, aber auch jene der Sonderkonjunktur um die Corona-Pandemie, von welcher die Diagnostiksparte stark profitieren konnte, laufen in diesem Jahr aus.

Andere Pharmakonzerne entwickelten sich an der Börse deutlich besser. Die Aktien des Schweizer Branchennachbarn Novartis kletterten in der genannten Periode um über 9% pro Jahr. Die Börsen-Highflyer im Sektor waren aber Novo Nordisk und Eli Lilly. Beide Unternehmen profitieren von einem enormen Wachstumsschub bei den neuen Medikamenten zur Gewichtsreduktion. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie wichtig Innovationen für den Unternehmenserfolg sind.                           

 

Kursentwicklung von Novartis, Roche, Eli Lilly, Novo Nordisk und des SPI, indexiert und in CHF

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Die generellen Aussichten für die Pharmaindustrie bleiben positiv. Ein wichtiger Treiber ist die Demografie. In den kommenden drei Jahrzehnten wird sich gemäss Schätzungen die Anzahl der Menschen, welche 65 oder älter sind, verdoppeln und im Jahr 2050 bei weltweit über 1.5 Milliarden liegen. Infolgedessen nimmt die Zahl der chronischen Erkrankungen und damit auch der Bedarf an Medikamenten zu. Von dieser Entwicklung werden die Pharmaaktien profitieren, weshalb wir diese im Anlageportfolio prominent berücksichtigen. 

 Der CIO erklärt: Was heisst das für Sie als Anleger?

Aufgrund des vorsichtigen Konjunkturszenarios gehört der Pharmasektor zu unseren diesjährigen Favoriten. Und der Start ins neue Börsenjahr ist für viele Branchenvertreter geglückt. Der Pharmazulieferer Lonza führt das Tableau im Swiss Market Index (SMI) mit einem Plus von 20% an. Die Novartis-Valoren stiegen bisher um fast 6% und auch die Performance des Generikaherstellers Sandoz (+7%) lässt sich sehen. 

Neben den defensiven Eigenschaften sprechen ebenfalls die langfristigen strukturellen Trends für Pharmaaktien. Die demografischen Veränderungen führen zu einer Zunahme chronischer Krankheiten, was die Medikamentennachfrage ansteigen lässt. Anlegerinnen und Anleger tun also gut daran, den Sektor in ihren Portfolios prominent zu berücksichtigen.   

Matthias Geissbühler, CIO Raiffeisen Schweiz