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Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen

03.06.2026

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile

Raiffeisen Chefökonom

KI-Revolte

Während KI-Aktientitel an den Börsen neue Rekordwerte erklimmen, braut sich unter der Oberfläche eine negative Stimmung gegen die bahnbrechende Technologie zusammen. Die Skepsis richtet sich dabei nicht mehr nur gegen die Technologie selbst. Zunehmend gerät das gesamte wirtschaftliche Modell hinter dem KI-Boom in die Kritik. Während einige wenige Konzerne und Investoren enorme Gewinne erzielen, fürchten viele Bürger steigende Strompreise, Arbeitsplatzverluste, Umweltbelastungen und eine weitere Konzentration wirtschaftlicher Macht.

 

Maine als Symbol einer neuen Bewegung

Besonders deutlich zeigt sich dieser Widerstand im US-Bundesstaat Maine im äussersten Nordosten der USA. Dort verabschiedete das Parlament im April 2026 ein Gesetz für ein Moratorium auf neue grosse Rechenzentren. Zwar legte Gouverneurin Janet Mills später ihr Veto ein, bemerkenswert ist jedoch, dass sie die Grundidee ausdrücklich unterstützte und lediglich eine Ausnahme für ein bedeutendes Rechenzentrumsprojekt in der Stadt Jay verlangte. Auslöser der Debatte war die Sorge, dass riesige KI-Rechenzentren die Stromnetze überlasten und die ohnehin überdurchschnittlich hohen Energiekosten weiter erhöhen könnten. Das Moratorium hätte den Bau neuer Anlagen mit einem Strombedarf von mehr als 20 Megawatt bis Ende 2027 gestoppt. Gleichzeitig sollte eine staatliche Kommission die Auswirkungen auf Strompreise, Umwelt und Infrastruktur untersuchen. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Vorstoss gegen die Interessen der Tech-Branche politisch kaum vorstellbar gewesen. Heute gilt Maine vielen Beobachtern als Vorbote einer breiteren Gegenbewegung. Das Beispiel könnte in weiteren Bundesstaaten Schule machen und die dortigen Gesetzgeber beeinflussen. In New York, South Carolina, Oklahoma und weiteren Staaten wurden bereits ähnliche Massnahmen eingeleitet, um den Bau neuer Rechenzentren vorübergehend einzuschränken oder zu verbieten.

 

KI lässt die Energiekosten heftig steigen

Der Widerstand wird vor allem durch den enormen Energiebedarf der KI-Systeme angeheizt. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur stieg der Stromverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2025 um 17 Prozent. KI-Anwendungen treiben den Bedarf besonders stark nach oben. Besonders drastisch ist die Entwicklung in Irland. Dort verbrauchen Rechenzentren inzwischen mehr Strom als sämtliche städtischen Haushalte des Landes zusammen. Experten betrachten Irland inzwischen als Warnbeispiel dafür, was geschieht, wenn digitale Infrastruktur schneller wächst als die Energieversorgung. In den USA hat dies bereits konkrete Wirkung auf die Strompreise. Gemäss Daten der Federal Reserve Bank of St. Louis sind die Strompreise seit 2021 um 35 Prozent gestiegen, nachdem sie zuvor über Jahre weitgehend stabil geblieben waren. Der Aufwärtsdruck dürfte anhalten, da der Iran-Krieg die Gaspreise in die Höhe treibt. Mehr als 40 Prozent des Stroms werden in den USA mit Erdgas erzeugt. Da immer mehr Erdgas als Flüssigerdgas exportiert wird, erhöht die Konkurrenz ausländischer Abnehmer die Preise, die Energieversorger in den USA zahlen müssen.

 

Die Furcht vor Arbeitsplatzverlusten

Zu den Erschwinglichkeitssorgen gesellen sich Ängste um Arbeitsplatzverluste. Eine Reuters/Ipsos-Umfrage ergab bereits 2025, dass 71 Prozent der Amerikaner befürchten, KI könne dauerhaft Arbeitsplätze vernichten. Diese Sorgen beschränken sich keineswegs nur auf die USA. In Grossbritannien ergab eine aktuelle Studie, dass 69 Prozent der Arbeitnehmer über die wirtschaftlichen Folgen von KI-bedingten Jobverlusten besorgt sind. Zugleich macht sich bei vielen Menschen ein Gefühl der Ungerechtigkeit breit. Arbeitnehmer sollen sich an KI anpassen, während dieselbe Technologie genutzt wird, um Stellen abzubauen. Von der KI-Technologie profitieren vor allem grosse Konzerne wie OpenAI, Microsoft, Google, Meta oder Amazon. Viele Menschen befürchten eine weitere Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen weniger Unternehmen und sie fragen sich, ob die gesellschaftlichen Kosten sozialisiert werden, während die Gewinne privat bleiben.

 

Von Technikbegeisterung zu politischer Revolte

Noch vor wenigen Jahren dominierte die Vorstellung, KI werde vor allem Fortschritt und Wohlstand bringen. Heute formiert sich zunehmend eine politische Gegenbewegung. Sie vereint Umweltaktivisten, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Datenschützer und Menschen, die um ihre berufliche Zukunft bangen. Der Konflikt erinnert an frühere industrielle Umbrüche. Auch damals wurden enorme Produktivitätsgewinne versprochen. Doch erst politische Kämpfe sorgten dafür, dass die Früchte des Fortschritts breiter verteilt wurden. Genau darum könnte es nun auch bei der künstlichen Intelligenz gehen. Die entscheidende gesellschaftliche Frage lautet nicht, ob KI immer leistungsfähiger wird. Die Frage lautet, wer von diesen Fortschritten profitiert – und wer die Kosten trägt. Der Widerstand gegen KI entsteht deshalb nicht aus Technikfeindlichkeit. Er speist sich aus dem Eindruck, dass die gegenwärtige Form des KI-Booms die Interessen weniger Konzerne und Investoren über jene der Allgemeinheit stellt. Je stärker sich dieser Eindruck verfestigt, desto grösser dürfte auch die Revolte gegen die KI-Revolution werden.

 

Die Revolte hat gewichtigen Fürsprecher gewonnen

Ein gewichtiges Wort hat jüngst auch der Papst eingeworfen. Mit seiner ersten Enzyklika «Magnifica humanitas: Über die Bewahrung des Menschlichen im Zeitalter künstlicher Intelligenz» trifft Papst Leo XIV. den Nerv unserer Zeit. Mit seinem viel beachteten Appell verlangt er, die KI zu «entwaffnen» und in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Solche päpstliche Rundschreiben waren in der Vergangenheit wiederholt wichtige Seismografen gesellschaft-licher Stimmung. So dürfte es kein Zufall gewesen sein, dass der Papst seine Enzyklika am Jahrestag der Botschaft «Rerum novarum» seines Namensvorgängers Leo XIII. über Arbeit und Kapital veröffentlichte. Damals, 1891, reagierte die Kirche auf die industrielle Revolution und rückte die Rechte der Arbeitnehmer in den Mittelpunkt, als ein ungezügelter Kapitalismus zwar enormen Wohlstand schuf, aber auch Massenarmut und unsägliche Arbeitsbedingungen. Auch die KI markiert ohne Zweifel eine Revolution. Die Schlüsselfrage wird sein, ob es gelingt, ihre enormen Chancen so zu nutzen, dass nicht nur wenige Gewinner profitieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes.

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile

Raiffeisen Chefökonom

Seit 2023 ist Fredy Hasenmaile Chefökonom von Raiffeisen Schweiz und Leiter des Economic Research der Bank. Er analysiert mit seinem Team die globalen und Schweizer Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklungen und ist für die Einordnung des Wirtschaftsgeschehens sowie die Prognose von wirtschaftlichen Schlüsselkennzahlen verantwortlich.