Märkte & Meinungen

Marktkommentar – Ein Blick auf die Börsenwoche

Das 1. Halbjahr 2020 lässt sich für viele Schweizer Unternehmen in einem Wort zusammenfassen: katastrophal. Das tatsächliche Ausmass des Schadens ist jedoch schwer abzuschätzen. Die Berichtssaison wird für mehr Klarheit sorgen.

Chart der Woche

Bewertungen divergieren auseinander

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), indexiert

Bewertungen divergieren auseinander

Quellen: Bloomberg, Raiffeisen Schweiz CIO Office

Das KGV setzt Aktienkurs und Jahresgewinn pro Aktie zueinander ins Verhältnis. Seit Anfang Jahr hat sich die Bewertung des EuroStoxx um über 30 % erhöht. Beim SMI ist die Bewertungsexpansion aufgrund seines defensiven Charakters deutlich geringer ausgefallen. Dies lässt sich im Wesentlichen damit erklären, dass die Gewinnschätzungen für die Schweizer Unternehmen weniger stark nach unten revidiert werden mussten als in der Eurozone.

Aufgefallen

Logitech auf Rekordhoch

Die Aktie des Schweizer Peripheriegeräteherstellers Logitech erreicht bei gut 62 Franken ein Rekordhoch. Das Unternehmen profitiert von der stark gestiegenen Nachfrage nach digitalen Lösungen in Folge der Corona-Krise.

 

Auf der Agenda

Arbeitslosigkeit Schweiz

Am 8. Juli wird das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) die Arbeitslosenzahlen für Juni 2020 veröffentlichen. Experten rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,5 % (Mai: 3,4 %). 

 

Berichtssaison – auf dass etwas Licht ins Dunkel komme

Um die Pandemie einzudämmen, haben dieses Frühjahr zahlreiche Regierungen ihren Ländern einen Shutdown auferlegt – so auch der Bundesrat in Bern. Nun lässt sich darüber streiten, ob ein solcher, vor allem in dem gesehenen Ausmass, tatsächlich notwendig gewesen wäre. Unbestritten ist aber: Die Zahl der Neuinfektionen konnte dadurch effektiv gesenkt und so das Gesundheitssystem vor einem möglichen Kollaps bewahrt werden. Doch der Quasi-Stillstand grosser Teile unserer Wirtschaft hat tiefe Wunden hinterlassen: Konsum und Produktion sind eingebrochen, die Arbeitslosigkeit massiv gestiegen. Im Gegensatz zu vielen Ländern der Eurozone wird die Staatsverschuldung hierzulande nur moderat wachsen.

Vor einem finanziellen Scherbenhaufen stehen aber auch bei uns zahlreiche Privathaushalte und Unternehmen. Sollten wir von einer weiteren Welle des Coronavirus verschont bleiben, so dürfte mit dem 2. Quartal die Talsohle durchschritten sein. Dies ändert aber nichts daran, dass die Schweizer Wirtschaft übers ganze Jahr hinweg betrachtet deutlich schrumpfen wird. Wir rechnen mit einem Minus von 5 %. Doch alle Prognosen sind nur so gut wie die Informationen, die den Finanzanalysten zur Verfügung stehen. Und genau hier liegt derzeit das Problem. Die Entwicklung der Pandemie lässt sich kaum vorhersehen. Dieser Unsicherheit sehen sich auch die Unternehmen ausgeliefert. Viele von ihnen haben deswegen bis zuletzt auf die Herausgabe von konkreten Informationen, wie zum Beispiel Gewinnzielen, verzichtet. Doch wenn nicht einmal die Unternehmen selbst einen Ausblick geben können, wer dann?

Das Resultat dieser allgemeinen Unsicherheit ist die hohe Volatilität, die wir aktuell an den Märkten beobachten können. Mit Spannung erwarten daher Anleger und Analysten gleichermassen die Publikation der Halbjahreszahlen. Diese dürften etwas Klarheit verschaffen, welche Auswirkungen die Corona-Krise tatsächlich auf den Geschäftsgang der Schweizer Unternehmen hat. Den Startschuss haben bereits Ende Juni die Titlis-Bergbahnen gegeben: Die vorzeitige Beendigung der Wintersaison hat hier zu einem Umsatzrückgang von 23 % geführt. Kommende Woche folgen dann die Hypothekarbank Lenzburg sowie die Ems-Chemie. Von den SMI-Mitgliedern wird am 21. Juli der Aromahersteller Givaudan als Erstes seine Bücher offenlegen. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben. Aufgrund des trüben Marktumfeldes werden wohl die meisten Unternehmen sehr schlechte Halbjahreszahlen publizieren. Besonders schwer dürfte es dabei die Automobil- und Tourismusbranche, sowie den Nonfood-Detailhandel treffen. Dazu gehören Firmen wie Autoneum, Bossard, Feintool, Komax oder Dufry. Deren Geschäft ist durch den Shutdown von einem Tag auf den Anderen völlig zum Erliegen gekommen. Die Wiederaufnahme von Produktion und Verkauf laufen hingegen nur schleppend an.

Doch wie fast immer im Leben so gilt auch hier: wo Verlierer, da auch Gewinner. Zu Letzteren zählen allen voran die Pharmaindustrie und der IT-Sektor. Angesichts dieser geballten Ladung an «Bad News» stellt sich natürlich die Frage, wie die Börsen darauf reagieren werden. Nach der starken Kurserholung kann es in den kommenden Wochen durchaus zu einer erneuten Korrektur kommen. Vieles ist aber – basierend auf den volkswirtschaftlichen Daten – wohl bereits heute in den Erwartungen der Marktteilnehmer eingepreist und dürfte von den Halbjahreszahlen somit lediglich bestätigt werden. Die Volatilität wird uns jedoch weiterhin erhalten bleiben. Denn so wichtig die bevorstehende Berichtssaison zur Standortbestimmung ist, die Unsicherheit über die Pandemie kann sie den Märkten nicht nehmen. Die erhöhte Schwankungsbreite ist aber nicht nur zum Nachteil der Anleger, kann sie doch durchaus auch Anlagechancen eröffnen.