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Mitbesitzen, mitverdienen und auch mitreden

Über Active Ownership bündeln Finanzdienstleister die Interessen der Anlegerinnen und Anleger. Der Ansatz gilt als wirksames Mittel, um einen Beitrag an Nachhaltigkeitsziele zu leisten. Wichtiges Kriterium dafür ist Transparenz.

Artikel: Thomas Wyss
Handelszeitung vom 22. Juni 2023

Für einen umfassenden Active-Ownership-Ansatz braucht es Transparenz

Mit dem Aufkommen der nachhaltigen Finanzanlagen in den vergangenen 20 Jahren sind viele verschiedene Ansätze entstanden, nach denen soziale und ökologische Aspekte in Anlageentscheide einfliessen. Einheitliche Standards für nachhaltige Finanzinstrumente gibt es indes bis heute keine. Da ist es bis zum Vorwurf des Greenwashing, also dass Anbieter ihre Fonds «grüner» darstellen als sie effektiv sind, nicht mehr weit.

In diesem Umfeld hat der Bundesrat mit seinem Standpunkt zur Greenwashing-Prävention Ende 2022 ansatzweise zur Klärung beigetragen: Impact Investment und Active Ownership werden hier explizit als Ansätze genannt, die einen Beitrag zu Nachhaltigkeitszielen leisten sollen. Beim Impact Investment stehen konkrete und messbare Nachhaltigkeitsziele im Vordergrund. Beim Active Ownership hingegen engagieren sich Investoren durch den aktiven Dialog mit Unternehmen für die Verbesserung von Menschen- und Arbeitsrechten, der Unternehmensführung sowie der ökologischen Standards. Zudem bringen sie sich durch die Ausübung ihrer Stimmrechte und die Koordination mit weiteren Investoren proaktiv ein. «Dieser Ansatz benötigt zwar Zeit, um Wirkung zu zeigen», sagt Erol Bilecen, Leiter des Kompetenzzentrums Nachhaltigkeit von Raiffeisen. «Unsere Erfahrung zeigt aber, dass damit wirklich Veränderungen möglich sind.»

 

Doch «Machen» allein reicht gemäss Bundesrat nicht aus. In seinem Positionspapier hält er dazu fest, dass es für einen umfassenden Active-Ownership-Ansatz auch Transparenz braucht. Konkret sind Banken dazu angehalten, zu den Zielinvestments, der Koordination mit anderen Investoren, zum Prozess der Einflussnahme und zur Wirksamkeitsbeurteilung genaue Angaben zu machen und diese von einer unabhängigen Drittpartei prüfen zu lassen. Dies, um die Glaubwürdigkeit der Nachhaltigkeitsziele sicherzustellen, so der Bundesrat.

Fokus auf drei Active-Ownership-Themen

Im Frühjahr 2022 hat Raiffeisen den aktiven Dialog mit Unternehmen in Zusammenarbeit mit den Stimmrechtsberatungsfirmen Ethos und ISS etabliert. «Wir sind uns der Rechte und treuhänderischen Pflichten im Auftrag unserer Kunden bewusst», betont Erol Bilecen. «Die Nachhaltigkeit in unseren Anlagelösungen geht deshalb über die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei der Titelauswahl hinaus.» Obschon die Einführung eines Raiffeisen-eigenen Regelwerks zur Berücksichtigung bereits ein Meilenstein war. Seit Ende 2022 werden bei Nachhaltigkeits-Fonds des Eigenlabels Futura und den Kundendepots die Angaben zur finanziellen Performance zusätzlich um detaillierte Kennwerte zur Nachhaltigkeit ergänzt und transparent ausgewiesen. Diese umfassen die Nachhaltigkeitsratings, die Treibhausgasemissionen sowie die Beiträge der Unternehmen zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen. Für die Nachhaltigkeitsdaten und -analysen arbeitet Raiffeisen mit der Ratingfirma Inrate zusammen.

Der Investorendialog wird denn auch vor allem mit Unternehmen geführt, die in den hauseigenen nachhaltigen Futura-Fonds und den Kundendepots erfasst sind. Dabei legt Raiffeisen den Fokus vor allem auf Unternehmen, die ein unzureichendes Nachhaltigkeitsrating oder gravierende Kontroversen zu den Themen Klimawandel, Arbeits- und Menschenrechte oder digitale Verantwortung und Datenschutz haben. Idealerweise entsteht ein Dialog, bei dem das Management eine festgelegte Herausforderung anerkennt und eine glaubwürdige Strategie zu deren Bewältigung darlegt. Innerhalb von zwei bis drei Jahren zeigt sich, ob das Problem gelöst ist und geeignete Massnahmen umgesetzt sind. «Der Investorendialog ist ein kooperativer Ansatz», beschreibt Bilecen das Vorgehen. «Dabei machen Investoren dem Management die grundlegenden Problematiken verständlich. Diesem ist es dann selbst überlassen, dagegen überzeugende Massnahmen zu ergreifen.»

Meist reagieren die Unternehmen auf die Impulse der Investoren: Sie schaffen zum Beispiel neue Anlagen an, die deutlich weniger Emissionen produzieren, oder wechseln von fossilen auf erneuerbare Energiequellen. Sie führen teilweise spezielle Richtlinien ein, beispielsweise zum Schutz der Mitarbeitenden oder hinsichtlich der Auswertung und Handhabung von Daten. Solche Massnahmen erfordern bei den Unternehmen Reaktionszeiten. Es wird aber immer wieder nachgefragt, ob Fortschritte erzielt worden sind, inklusive Erklärungen dazu, welche Ressourcen dafür eingesetzt worden sind.

Futura-Regelwerk: Nachhaltiges Anlegen bei Raiffeisen

Das Futura-Regelwerk von Raiffeisen ist die Grundlage, wie wir Nachhaltigkeit in unseren Anlagelösungen umsetzen. Dabei kommen unterschiedliche Nachhaltigkeitsansätze zum Tragen – darunter auch die Active Ownership. Sie beinhaltet den aktiven Dialog mit Unternehmen («Engagement») sowie die bewusste Ausübung der mit den Anlagen verbundenen Stimmrechte («Proxy Voting»). Kurz: Wir schaffen Transparenz, damit Anlegerinnen und Anleger von Anfang an verstehen, was Futura – nachhaltiges Anlegen bei Raiffeisen – konkret bedeutet.

Anleger erfahren Details

Um den Anlegerinnen und Anlegern diesen Ansatz nachhaltigen Anlegens transparent darzulegen, hat Raiffeisen im Juni 2023 erstmals den Active Ownership-Report veröffentlicht. Zunächst hat man vergangenes Jahr mit 20 Unternehmen, darunter Apple, Amazon, der Facebook-Muttergesellschaft Meta und Netflix, den Dialog eingeleitet. «Zwei Drittel davon haben sich Netto-Null-Ziele gesetzt, aber lediglich die Hälfte weist auch ein validiertes Reduktionsziel aus», zeichnet Bilecen ein uneinheitliches Bild. Ähnlich sieht es beim Thema Arbeits- und Menschenrechte aus. Nur wenige Firmen nehmen diesbezüglich an Initiativen teil und lassen sich durch Benchmark-Programme überprüfen und vergleichen.

Unterschiedlich weit sind die Firmen auch beim Thema digitale Verantwortung und Datenschutz. Mit einzelnen Unternehmen wie beispielsweise der Swatch Group wurde der Dialog gerade erst aufgenommen, während Holcim und Nestlé bereits glaubwürdige Strategien zur Problemlösung entwickeln. Gerade bei Nestlé, das vielfach kritisiert wird, zeigen sich die Wirkungen der Engagements der Investoren besonders deutlich.

Im Zweifelsfall Konsequenzen ziehen

Was geschieht, wenn das Engagement keine Wirkung zeigt? «Wenn drei Jahre nichts passiert, ziehen wir die Konsequenzen», erklärt Bilecen. «‹Unsere Kundinnen und Kunden sind Eure Anteilseigner›, sagen wir dann. ‹Sie halten Eure Aktien und tragen damit auch das Risiko für das, was Ihr macht.›» Wenn eine Firma bezüglich der Engagement-Themen nichts unternehme, müsse die Bank als Vermittlerin den Kunden mitteilen, dass sich das Risiko bei diesem Fonds nicht auszahle und man eine Alternative für diese Aktie innerhalb des Fonds suche.

Laut Bundesrats gehören Umweltfaktoren, soziale Aspekte und eine gute Unternehmensführung heute ganz selbstverständlich zu den Grundlagen zeitgemässer Anlageentscheidungen. Mit aktivem Engagement bzw. Active Ownership setzen sich Finanzdienstleister dafür ein, dass die Interessen der Beteiligten in Übereinstimmung gebracht werden – und das nicht nur bezüglich Nachhaltigkeit.

Der nächste Schritt zum nachhaltigen Anlegen.