Selbst ist die Frau – gerade in der Vorsorge

«Frauen stehen vor anderen Herausforderungen als Männer»

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In der Arbeitswelt können Frauen heute von Möglichkeiten profitieren, die ihren Müttern noch verschlossen waren: Teilzeitarbeit, Shared Parenting, Job-Sharing sind Schlagwörter dazu. Trotzdem ist man in der Schweiz von der Gleichstellung sowohl im Arbeitsalltag als auch in der Gesellschaft noch weit entfernt – was sich auch auf die Altersvorsorge auswirkt. Bankberaterin Andrea Klein zeigt auf, wie es um Schweizer Frauen in puncto Vorsorge steht und warum auch Aktien zur privaten Vorsorge gehören.

 

Wieso sind gerade Frauen von einer Vorsorgelücke im Alter betroffen?

«Geht es um die Altersvorsorge, sind Frauen sowohl aufgrund gesellschaftlicher Rollenbilder wie auch biologischer Voraussetzungen benachteiligt. Die Mutterschaft bedeutet für viele Frauen einen Karriereunterbruch – wie kurz auch immer – und damit eine Minderung der Rente. Das bedeutet: Es sind zur grossen Mehrheit die Frauen, die Erwerbsausfälle just in dem Alter verzeichnen, das für den Karriereverlauf von grosser Bedeutung ist.»

 

Sind sich Frauen bewusst, was das Geschlecht für Auswirkungen haben kann?

«Nein, sie sind sich oftmals nicht bewusst, welche finanziellen Konsequenzen Lebensereignisse wie Heirat, die Geburt des ersten Kindes oder der Kauf eines Eigenheims auf die eigene Vorsorge haben. Das erleben wir täglich in der Beratung unserer Kundinnen. Welche Frau hat bei den Hochzeitsvorbereitungen im Hinterkopf, dass zwei von fünf Ehen in der Schweiz geschieden werden? Nicht romantisch, ist aber eine Tatsache.»

Zitat Reformen

Wird sich die Lage der Frauen in Bezug auf Renten auch ohne Reformen verbessern, da das Verhalten junger Ehepartner in Bezug auf Beruf und Kinderbetreuung sich verändert?

«Es braucht Reformen, um die Vorsorgesituation der Frauen in der Schweiz zu verbessern. Aber Reformen allein führen nicht zum Ziel. Auch wenn junge Familien vermehrt gleichberechtigte Familienmodelle anstreben, arbeitet immer noch mehr als die Hälfte der Frauen Teilzeit, während lediglich knapp ein Fünftel der Männer das Arbeitspensum zugunsten der Familie reduziert. Ein schneller Wandel ist hier nicht zu erwarten, da in der Schweiz grundlegende Strukturen einen solchen nicht fördern. Sei es das Steuersystem, das Doppelverdiener bestraft, oder fehlende beziehungsweise teure Kinderbetreuungsangebote. Dies führt dazu, dass in Schweizer Familien mehrheitlich die Frau die Verantwortung für Kinder und die Organisation des Haushalts trägt. Das wirkt sich negativ auf die Vorsorgesituation der Frauen aus.»

 

Aus Ihrer Sicht werden Frauen also, trotz all der Errungenschaften zur Gleichstellung, weiterhin vor die ultimative Frage gestellt: Kinder oder Karriere?

«Wäre die Betreuung anders gelöst, würde laut Bundesamt für Statistik die Mehrheit der Frauen ihr Arbeitspensum gern erhöhen. Unter den aktuellen Voraussetzungen in der Schweiz bedeutet die Geburt des ersten Kindes, die berufliche Laufbahn zu riskieren: Dieser Meinung sind 75 Prozent der Frauen mit tertiärer Ausbildung und 60 Prozent der Frauen ohne nachobligatorische Ausbildung. Diese Frauen stehen einer Familiengründung grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber – fürchten aber die negativen Konsequenzen auf die berufliche Karriere. Das wirkt sich direkt auf die Geburtenquote in der Schweiz aus: 30 Prozent der Frauen mit einer mittleren oder hohen Ausbildung bleiben kinderlos. Die Zahlen der berufstätigen Männer hingegen sind kaum beeinflusst von der Elternschaft.»

Zitat

Müssen Frauen mit Kindern anders vorsorgen als Männer?

«Ja, das sollten sie auf jeden Fall. Babypause und Teilzeitarbeit führen dazu, dass Frauen insbesondere in der Pensionskasse ein geringeres Altersguthaben ansparen können. Das führt im Alter zu kleineren Renten. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie statistisch gesehen knapp vier Jahre länger leben als Männer; und sie gehen heute in der Regel auch ein Jahr früher in Pension. Das sind fünf Jahre mehr, für die auch entsprechend mehr Mittel für den Lebensunterhalt bereitstehen müssen. Für Frauen ist es daher umso wichtiger, dass sie ihre Ersparnisse gewinnbringend anlegen. Gewinnbringend anlegen heisst somit für Frauen: Eine Anlagestrategie mit höherem Aktienanteil wählen und regelmässige Einzahlungen tätigen – am einfachsten geht das mit einem Fondssparplan

 

Das führt uns direkt zur letzten Frage: Mit Blick auf das Anlageverhalten zeigen verschiedene Studien auf, dass Frauen anders investieren als Männer. Besteht ein geschlechterspezifischer Unterschied beim Anlegen?

«Ja, beim Anlegen ticken Frauen tatsächlich anders als Männer. Das bestätigt auch unsere Studie «Vorsorgebarometer 2021». Frauen investieren ihre Säule-3a-Gelder deutlich weniger oft in Wertschriften als Männer. Im Zentrum stehen für sie die Aspekte Sicherheit und Nachhaltigkeit. Mit dem Boom von nachhaltigen Anlagemöglichkeiten entdecken immer mehr Frauen die Börse für sich. Mit nachhaltigen Vorsorgefonds können sie für das Alter vorsorgen und dabei neben der ökonomischen Perspektive auch ökologische und soziale Aspekte sowie gute Unternehmensführung berücksichtigen. Im Vergleich zu Männern verfolgen Frauen eher eine langfristige Anlagestrategie und lassen sich vom Auf und Ab an den Börsen weniger aus der Ruhe bringen. Dass sie ihr Anlagewissen tendenziell unterschätzen ist ebenfalls hilfreich: Sie verfallen dadurch weniger dem aktiven Trading. Auf der anderen Seite birgt der risikobewusste weibliche Ansatz insbesondere im jetzigen Tiefzinsumfeld Gefahren. Die vermeintlich sicheren Anlagen wie Bargeld und Obligationen generieren keine Renditen mehr. Dabei sind diese für den langfristigen Vermögensaufbau entscheidend.»

Zur Person

Andrea Klein
Vorsorgeexpertin Andrea Klein

Die Vorsorge-Expertin ist bei Raiffeisen Schweiz verantwortlich für das Fachzentrum Finanzplanung. Sie verfügt über eine 20-jährige Beratungserfahrung in den Bereichen Anlage- und Vermögensberatung, Vorsorge sowie Pensions- und Nachlassplanung. Dabei steht für sie die ganzheitliche Beratung in den verschiedenen Lebensphasen im Mittelpunkt. Klein ist verheiratet und hat einen Sohn.

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